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Der weite Weg von Krank zu Gesund

Publikationsanalyse 2007-2011: Klinische Neurowissenschaften
von Ralf Neumann, Laborjournal 03/2014




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Mit Blick auf Zitierungen dominiert eine Handvoll „populärer“ Themen die Klinischen Neurowissenschaften – allen voran der Schlaganfall. Geographischer „Hotspot“ ist Heidelberg/Mannheim.

Was unterscheidet den klinischen vom nicht-klinischen Neurowissenschaftler? Eine einfache Frage, deren Beantwortung umso schwieriger ist.

Natürlich kann man erstmal lapidar festhalten, dass die klinischen Neurowissenschaftler von Amts wegen die Erkrankungen des Nervensystems im Fokus haben (müssen). Allerdings wird der eine oder andere Neurologe, Neuropathologe oder Neuroonkologe sofort einwenden, dass man mit der Entschlüsselung von Krankheitsmechanismen immer auch etwas über die Arbeitsweise des gesunden – gewissermaßen also „klinisch unauffälligen“ – Organs lernt.


Illustration: Andrea Danti–Fotolia.com

Ehrlich gesagt, zweifeln wir an der Allgemeingültigkeit dieses Einwurfs – und wollen dies hier auch gerne zur Diskussion stellen. Lernt denn nicht etwa der Schlaganfall-Spezialist deutlich mehr über das Funktionieren des Gefäßsystems als über die Mechanismen der Informationsverarbeitung in unserem „Denkorgan“? Auch wenn er womöglich „nebenbei“ durch die verursachten Ausfallerscheinungen noch gewisse Informationen über den spezifischen „Ort“ bestimmter Hirnleistungen erhält; oder etwas über die Regeneration von geschädigten Hirnstrukturen erfährt.

Anderes Beispiel: der Hirntumor-Experte. Lernt auch der nicht vor allem Generelles über das Entstehen und Fortschreiten von Tumorerkrankungen – inklusive etwa Zellteilungskontrolle, DNA-Reparaturmechanismen und ähnlichem –, statt über die funktionalen Verknüpfungen von Neuronen? Oder fragen wir allgemeiner: Bleiben die Schlaganfall-, Multiple Sklerose-, Meningitis- oder Hirntumor-Spezialisten insgesamt nicht doch ziemlich weit weg von den zentralen Fragen der nicht-klinischen Neurowissenschaften – wie etwa neuronale Plastizität, Lernen und Gedächtnis, Verhaltenssteuerung oder ähnlichem?

Große Grauzone

Sicher gibt es auch hier offenkundige Ausnahmen – zum Beispiel in der Psychiatrie, wo man mit den Ursachen gewisser „Gemütsstörungen“ zugleich auch den neuronalen Grundlagen der „gesunden“ Gemütssteuerung sehr nahe kommen kann. Dennoch scheint insgesamt die Distanz zwischen „klinisch“ und „nicht-klinisch“ in den Neurowissenschaften größer als bei andern Organsystemen, wie beispielsweise Herz-Kreislauf oder Verdauung. Wie gesagt, wir stellen diese These gerne zur Diskussion.

Je weiter allerdings die Distanz, umso größer bisweilen auch die „Grauzone“. Und dies nicht nur, weil viele Neuroforscher zwar an einem nominell nicht-klinischen Institut arbeiten, sich aber doch unmittelbar den „kranken“ Vorgängen bei Alzheimer, Parkinson und Co. widmen. Oder eben umgekehrt Kollegen in klinischen Abteilungen ganz und gar „gesunde“ Vorgänge an Synapsen oder bei der axonalen Wegfindung studieren.

Dass solche Verhältnisse es besonders schwer machen, klinische von nicht-klinischen Neuroforschern eindeutig zu unterscheiden, dürfte klar sein. Auf der Suche nach einem wenigstens halbwegs zuverlässigen operationalen Kriterium entschieden wir uns letztlich für folgendes Vorgehen: Thomson Reuters‘ Datenbank „Web of Science“, die wir für diesen Publikationsvergleich nutzten, teilt die relevanten neuro­wissenschaftlichen Experten-Journals unter anderem in die Kategorien „Neurosciences“, „Clinical Neurology“ und „Psychiatry“ ein. Fiel die Mehrheit der gesamten Artikel, die ein Forscher im Analysezeitraum 2007-2011 publizierte, in die Kategorie „Neurosciences“, nahmen wir ihn nicht in die Publikationsanalyse „Klinische Neurowissenschaften“ auf. Hatte eine Neuroforscherin oder -forscher umgekehrt mehr Artikel in der Kategorie „Clinical Neurology“ und/oder „Psychiatry“, nahmen wir dies als Indiz, dass sie oder er selbst die eigenen Ergebnisse gerne stärker in der klinischen Community wahrgenommen und diskutieren haben will. Und logischerweise nahmen wir sie oder ihn in die „Klinischen Neurowissenschaften“ mit auf.

Wie immer bei unseren Publikationsvergleichen, tauchen auch hier auf den vorderen Rängen vor allem Artikel und „Köpfe“ auf, deren Themen auf eine breite Basis potentieller Zitierer fallen (Tabellen auf der folgenden Doppelseite). So finden sich unter den zehn meistzitierten Artikeln der Jahre 2007 bis 2011 viermal Schlaganfall auf den Plätzen 1, 3, 7 und 9 sowie je zweimal Hirntumoren (Plätze 2 und 4), Multiple Sklerose (Plätze 5 und 6) und Alzheimer (Plätze 8 und 10). Dass mit diesen Themen von Vornherein mehr Zitate zu sammeln sind als in „unspektakuläreren“ und weniger stark besetzten Nischen wie etwa Chronischer Schwindel oder Stresskopfschmerz, dürfte klar sein. Andererseits zeichnet diese Arbeiten jedoch ganz klar aus, dass sie in hochkompetitiven Feldern entsprechend starke „Duftmarken“ gesetzt haben – zumindest gemessen an der Zahl der Zitierungen.

Duftmarken in starkem Wettbewerb

Das Gleiche trifft im Prinzip auf die Liste der meistzitierten „Köpfe“ zu. Mit dem Essener Hans-Christoph Diener (1.) und dem Heidelberger Werner Hacke (3.), stehen zwei Neurologen auf dem Treppchen, die sich ihre wissenschaftlichen Sporen insbesondere in der Schlaganfall-Forschung verdienen. Komplettiert wird das Podest von dem Münchner Psychiater Hans-Jürgen Möller (2.), der, ebenso wie die Kollegen Wolfgang Maier (Bonn) und Florian Holsboer (München) auf den Plätzen 4 und 6, einen besonderen Fokus auf der Medikation und Medikamentwirkung psychiatrischer Erkrankungen hat – also in der sogenannten Neuropsychopharmakologie. Dazu kommen als Schwerpunktthemen der übrigen Fünf unter den „Top 10“: Multiple Sklerose (Ludwig Kappos, 5.), Hirntumoren (Michael Weller, 7.), Alzheimer (Harald Hampel, 8.) und Parkinson (Werner Poewe, 9., und Thomas Gasser, 10.).

Wiederum gilt also auch hier: Wer beispielsweise an einer seltenen Gleichgewichtsstörung forscht, hat mit Blick auf Zitierungen so gut wie keine Chance in die genannten „populären“ Massen-Themen der klinischen Neuroforschung mit hinein zu stoßen – was aber keineswegs heißt, dass er der schlechtere Forscher ist als der „Multiple-Sklerose-Mann“ mit 1.000 Zitierungen. Dies nochmals zum richtigen Einordnen der präsentierten Listen.

Weniger Zitate heißt nicht „schlechter“

Da die Top-50-Liste dies nicht unmittelbar hergibt, wenden wir zum Schluss den Blick auf die geographische Verteilung der „Köpfe“. Wo sind also gewissermaßen die „Hotspots“ der hochzitierten klinischen Neuroforschung im deutschen Sprachraum? Drei Forscher arbeiten in der Schweiz (1x Zürich, 2x Basel), zwei in Österreich (je 1x Innsbruck und Graz), der Rest in Deutschland. „Hotspot“ unter letzteren ist ganz klar Heidelberg/Mannheim mit sieben Forschern; vier Kollegen brachten jeweils München, Bonn und Göttingen unter die Top 50; dreimal verteten ist Tübingen; und jeweils zwei „Köpfe“ stammen aus Erlangen/Nürnberg, Düsseldorf, Regensburg, Münster, Dresden, Leipzig, Köln und Gießen/Marburg.

Und noch etwas fällt beim zweiten Blick auf die Liste auf: Es sind vergleichsweise wenig Frauen vertreten. Ob dies anzeigt, dass es in den Klinschen Neurowissenschaften besonders schwer ist, als Frau Fuß zu fassen? Wie auch immer: Daniela Berg (Tübingen, 20.), Christine Klein (Lübeck, 29.) und Claudia Trenkwalder (Kassel, 33.) haben es vor diesem Hintergrund allemal verdient, zum Abschluss nochmals namentlich erwähnt zu werden.


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Letzte Änderungen: 13.03.2014


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