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Lotsen und Brückenbauer

Publikationsanalyse 2007-2011: Pathologie
von Ralf Neumann, Laborjournal 04/2014




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Foto: vifm.org

Der Löwenanteil der vielzitierten Pathologen tummelt sich im weiten Feld der Krebsforschung. Die meisten Zitierungen scheffeln sie allerdings häufig als „Mitläufer“ bei großen Multiautor-Studien.

Unter den Mediziner-Witzen kursiert unter anderem folgender:

Der Chirurg kann alles, aber er weiß nichts. Der Internist weiß alles, aber er kann nichts. Der Pathologe kann alles und weiß alles, kommt aber immer zu spät!

Womit wieder einmal das falsche Bild vieler Laien zementiert ist, dass Pathologen nur Leichen nach der jeweiligen Todesursache untersuchen würden.

Ein Bild, das den Pathologen selbst offenbar gar nicht behagt. 2010 berichtete etwa die Süddeutsche Zeitung, dass nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pathologie nur 13 Prozent der Bevölkerung wissen, was Pathologen wirklich tun. „Wir leiden unter zwei Vorurteilen“, so zitiert der Artikel Werner Schlake vom Berufsverband der Pathologen weiter. „Das eine ist, dass wir nur auf die Arbeit mit Leichen reduziert werden, was wir aber immer weniger machen. Das andere ist, dass wir mit Labormedizinern verwechselt werden.“

Und Schlake erklärt natürlich auch, was Pathologen heute wirklich tun: „Früher haben Pathologen tatsächlich vor allem bei Gestorbenen nach den Todesursachen geschaut. Heute arbeiten sie jedoch in erster Linie in der Frühdiagnostik von Krankheiten. Nahezu jede Krebsdiagnose in Deutschland stellt der Pathologe.“

Nimmt man hingegen die „Selbstbeschreibungen“ mehrerer Pathologischer Universitäts-Institute lässt sich in etwa folgendes hinsichtlich ihrer Tätigkeit herausdestillieren: Zentrale Aufgabe des Pathologen ist die Untersuchung von entnommenem Gewebe oder Zellen auf Krankheiten. Der Pathologe stellt mit präparatorischen, mikroskopischen und molekularbiologischen Methoden eine geweblich begründete Dia­gnose, wodurch er für die genaue Einordnung und Systematisierung der Erkrankung samt ihres jeweiligen Stadiums sorgt. Der Pathologie kommt somit eine wichtige Brückenstellung zwischen Diagnostik und Therapie zu. Insbesondere ist sie auf diese Weise zuletzt zu einer Art „Lotse der Therapie“ geworden.

Eine „Erfahrungswissenschaft“

Nebenbei manifestiert sich hier auch ein zentraler Unterschied zu Labormedizinern: Im Gegensatz zu diesen kann sich der Pathologe bei der Untersuchung der Gewebeproben kaum auf Messwerte verlassen. Pathologie ist primär eine Erfahrungswissenschaft.

Apropos „Wissenschaft“. Ein weiterer Schwerpunkt universitärer Pathologie liegt natürlich in der Erforschung von Krankheiten. Dazu ist sie sogar ganz besonders geeignet, da sie unmittelbar das krankhaft veränderte Gewebe morphologisch und molekularbiologisch untersuchen kann. Auf diese Weise schlägt die Pathologie eine Brücke zwischen den Grundlagenwissenschaften und klinisch tätigen Ärzten.

„Lotsen und Brückenbauer“ sind sie also, die Pathologen. Schauen wir jetzt, was sie im deutschen Sprachraum zwischen 2007 und 2011 hinsichtlich Veröffentlichungen und Zitierungen zustande gebracht haben.

Eines dazu vorweg: Wie bei den vorangegangenen Publikationsvergleichen „Pathologie“ haben wir wieder die Neuropathologen ausgeklammert. Die arbeiten zum großen Teil in eigenen Instituten oder sind neurowissenschaftlichen Abteilungen zugeordnet – und können daher schon als eigene Disziplin gelten. Zudem sind sie regelmäßig in den Publikationsvergleichen zu den klinischen und nicht-klinischen Neurowissenschaften bereits bestens vertreten (siehe etwa LJ 1-2/2014, S. 34 bzw. LJ 3/2014, S. 56).

Bei den zehn bis heute meistzitierten Veröffentlichungen der Jahre 2007-2011 fällt auf, dass in allen Fällen der oder die Pathologen „irgendwo in der Mitte“ der jeweiligen Autorenliste stehen – einmal deren vier, zweimal zwei und siebenmal gerade mal ein einziger. Durchweg handelt es sich um Artikel mit mindestens 14, meist sogar über dreißig Autoren. Bekommen die Pathologen ihre meistzitierten Paper womöglich dadurch, dass sie ihre Proben nach der diagnostischen Charakterisierung an andere Studien weiterleiten? Beispielsweise um genomweite SNP-Muster mit Morbus Crohn zu assoziieren (siehe Platz 1 der meistzitierten Artikel), oder Onkogen-Mutationsprofile für verschiedene Krebsarten zu bestimmen (siehe Platz 8)? Die Liste der meistzitierten Artikel lässt es fast vermuten – nicht zuletzt, da auf diese Weise keine dieser Studien federführend von einer Pathologie-Gruppe stammt.

Dieses Bild relativiert gleichsam auch die Zitierzahlen der einzelnen „Köpfe“. Man muss schon genau hinschauen, wie jeder einzelne seine Zitate einsammelt – insbesondere durch das „Machen“ selbst initiierter Projekte, oder doch eher durch vielfaches „Mitmachen“ bei großen Multiautor-Studien. Auf diese Weise zeugen schnell mal 50 Zitate eigener Arbeiten von größerer wissenschaftlicher Leistung als 300 Zitierungen für eine Mittelposition auf einem 80-Autoren-Paper. Dies betrifft natürlich nicht die Pathologie allein, sondern ist an dieser Stelle durchaus als generelle Botschaft zur Einordnung unserer Publikationsvergleiche gemeint.

Krebs plus ein paar „Ausflüge“

Was fällt auf beim Blick auf die Top 50 der meistzitierten Pathologen des deutschen Sprachraums? Überwiegend konzentrieren sie ihre Forschung auf Krebserkrankungen. Dies wundert natürlich kaum, da hinter der Mehrzahl der Gewebe- oder Zellproben, die ihnen zur Untersuchung vorliegen, die Frage steht: „Bösartig oder nicht.“ Insbesondere trifft dies auf die ersten Zehn zu, von denen allenfalls Andreas Rosenwald (1.) und Christoph Loddenkemper (7.) auch mal „kleine Publikations-Ausflüge“ zu Morbus Crohn und Morbus Whipple unternahmen.

Womit wir gleichsam bei der gastroenterologischen Pathologie wären. Hier war es offenbar noch am ehesten möglich, mit „Krebs-fernen“ Themen in die Liste der Meistzitierten einzudringen. Dokumentiert wird dies insbesondere durch Michael Vieth (26.) und Manfred Stolte (37.), aktueller und ehemaliger Leiter der Pathologie am Klinikum Bayreuth (Stolte ist als Emeritus inzwischen am Klinikum Kulmbach). Natürlich haben beide auch zu gastrointestinalen Tumoren publiziert, mindestens gleichwertige Schwerpunkte sind aber Studien zu Magen/Darm-Erkrankungen, die durch Helicobacter oder Enterohämorrhagische E. coli-Bakterien (EHEC) verursacht werden.

Lymphome und Pankreaskarzinom

Weitere, tatsächlich weitgehend „Tumor-freie“ Ausnahmen sind dann nur noch die „Herz-Pathologin“ Karin Klingel (22.), die Nieren-Spezialistin Kerstin Amann (21.) sowie der Geweberegenerations-Experte James Kirkpatrick (18.).

Der große Rest ist Krebs. Wobei vor allem der hohe Anteil an Forschern auffällt, der sich hierbei insbesondere auf Lymphome spezialisiert hat. Die beiden Würzburger Spitzenreiter Andreas Rosenwald (1.) und Hans-Konrad Müller-Hermelink (2.) samt dem Ex-Würburger German Ott (5.)gehören dazu, wie auch etwa der Kieler Wolfram Klapper (17.), der Basler Stephan Dirnhofer (38.), der Berliner Harald Stein (47.) oder der Frankfurter Martin-Leo Hansmann (42.). Mengenmäßig ebenfalls noch gut vertreten ist das Pankreas-Karzinom, beispielsweise verteten durch den Heidelberger Peter Schirmacher (6.), den Münchner Günter Klöppel (15.), den Tübinger Bence Sipos (16.) oder den Berner Aurel Perren (34.).

Bleibt zum Schluss noch ein echter „Exot“: Als 49. schaffte es der Veterinär-Pathologe Achim Gruber gerade noch in die Top 50. Und er publiziert nicht einmal mehrheitlich über Tier-Tumoren, sondern vielmehr über Infektionskrankheiten und Cystische Fibrose bei Mensch und Tier.


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Letzte Änderungen: 07.04.2014


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