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Herzensbedürfnisse

Publikationsanalyse 2008-2012: Herz- & Kreislaufforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 10/2014




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Foto: krishnacreations / Fotolia.com

Vorhofflimmern und Erkrankungen der Herzkranzgefäße brachten die meisten Zitierungen für die hiesige Herz-Kreislaufforschung. Allerdings hat dieser Publikationsvergleich seine besonderen Tücken.

Es begann vor über einer halben Milliarde Jahre mit einem kleinen Wurm – und der hatte auch noch einen Defekt. Irgendwo in den Tiefen der Ozeane sparten damals die Zellen des Winzlings während der Entwicklung plötzlich gewisse „Räume“ in dessen Körper aus, so dass unförmige Höhlen und sogar kleine röhrenförmige Strukturen entstanden. Dieser „Fehler“ hatte indes eine positive Wirkung. Während die kleine Kreatur weiter herumschwamm, pumpte der Hautmuskelschlauch die Körperflüssigkeit jetzt automatisch schneller und weiträumiger durch diese Hohlräume und Röhren. Zugleich drang damit der Sauerstoff, den der Wurm aus dem Umgebungswasser in die Körperflüssigkeit absorbierte, tiefer in dessen Gewebe ein. Durch den „Defekt“ geriet er folglich in die Lage, mehr Sauerstoff aufzunehmen und besser zu verteilen als andere Zeitgenossen – und wuchs daher prompt ein kleines bisschen größer als seine vermeintlich „intakten“ Artgenossen.

Am Anfang war ein Wurm

Unser Wurm führte auf diese Weise ein glückliches Leben und hinterließ ein Meer voller Nachkommen. Einem Teil davon vererbte er den frisch erworbenen Flüssigkeitshohlraum, woraufhin diese wiederum größer wuchsen und schneller schwammen als ihre Hohlraum-losen Verwandten – nur wegen der effektiveren Sauerstoff-Verteilung durch dieses erste primitive Gefäßsystem.

Soweit der kurze Blick zurück in die Evolution. Wozu der „Wurm-Defekt“ eine halbe Milliarde Jahre später geführt hat, ist klar: Heute sind Herz und Gefäße bekanntermaßen nach Gehirn und Nerven das am zweitintensivsten beforschte Organsystem überhaupt – zumindest wenn man die reine Masse der Veröffentlichungen als Maß nimmt. Überdies listet die Publikationsdatenbank Scopus ihre Kategorie „Cardiology and Cardiovascular Diseases“ innerhalb der gesamten Medizin auf dem zweiten Platz; nur die Krebsforschung verbucht hier im Schnitt mehr Artikel pro Zeiteinheit.

Womit wir elegant den Schwenk von früher Evolution zu zeitgenössischer Forschungs-Bibliometrie geschafft haben – und damit beim Thema wären: Welches sind die meistzitierten Herzkreislauf-Veröffentlichungen der Jahre 2008 bis 2012 mit Autorenbeteiligung aus dem deutschen Sprachraum? Und welches sind entsprechend die Autoren mit den meisten Gesamtzitierungen ihrer Artikel aus dem Zeitraum 2008 bis 2012?

Grenzfälle

Vorweg noch schnell ein paar Sätze zur „Grenzziehung“: Berücksichtigt wurden alle Autoren, deren Veröffentlichungen des Analysezeitraums die Datenbank Web of Science wenigstens zu einem gehörigen Teil der Kategorie „Cardiac & Cardiovascular Systems“ zuordnete. Herausgefallen sind auf diese Weise beispielsweise einige Epidemiologen, die zwar teilweise auch Herz-Kreislaufartikel mitzeichneten – damit gegenüber ihren anderen Themen jedoch nicht die erforderliche „relative Masse“ erreichten. Analog erging es so manchem Humangenetiker mit einem zu schwachen Verhältnis von Herz-Kreislauf- gegenüber anderen Themen. In beiden Fällen hätten gewisse Kandidaten sicherlich den Sprung in die Top 50-Liste der meistzitierten Herz-Kreislaufforscher geschafft – dies jedoch vorwiegend mit den Zitierungen aus dem größeren Anteil „fachfremder“ Artikel.

Hundert und mehr Autoren

Die Liste der zehn meistzitierten Herz-Kreislauf-Artikel aus den Jahren 2008 bis 2012 bestätigt im Großen und Ganzen, was wohl die meisten erwartet hätten: Top-Thema sind die meist durch Arteriosklerose verursachten Erkrankungen der Herzkranzgefäße, aus deren „Dunstkreis“ die sechs Artikel auf den Plätzen 2, 3, 4, 8, 9 und 10 stammen; im Prinzip auf Augenhöhe rangiert jedoch das Vorhofflimmern, welches die restlichen vier Artikel auf den Plätzen 1, 5, 6 und 7 im Titel stehen haben.

Fünf der zehn meistzitierten Artikel sind in klinischen Multicenter-Studien groß angelegte Wirksamkeitstests bestimmter Medikamente. Aber auch die übrigen fünf Studien sind zumindest von der Autorenliste her „groß angelegt“: Jeweils zig Dutzend bis zu weit über hundert Autoren zieren weiterhin:

  • zwei Vergleichsstudien verschiedener medizinischer Verfahren,
  • eine sogenannte Genomweite Assoziationsstudie (GWAS),
  • sowie zwei Artikel, die neue Leitlinien zu Management und Behandlung der erwähnten Herzerkrankungen vorstellen.

Klar, dass bei Artikeln mit derart langen Autorenlisten der individuelle Beitrag jedes Einzelnen deutlich kleiner sein muss als beispielsweise bei einem biochemischen Drei-Autoren-Paper. Da wir dies aber unmöglich für jeden Einzelfall angemessen quantifizieren und differenzieren können, bekam in unserem Vergleich trotzdem jeder einzelne Autor den vollen Zitate-Zuschlag. Dies nur als Hinweis, dass man die absoluten Zitierzahlen nur dann wirklich ernst nehmen sollte, wenn man die genauen Hintergründe ihres Zustandekommens kennt.

Wohin mit Leitlinien-Papern?

Auch die zwei erwähnten „Guideline“-Artikel auf den Plätzen 6 und 9 machten uns Probleme. Denn letztlich präsentieren solche naturgemäß vielzitierten Leitlinien-Vorstellungen vielmehr die Ergebnisse der Sitzungen auserwählten Kommittees, als dass sie „echte“ Forschungsarbeit im strengen Sinne darstellen. Weshalb Web of Science daher diese beiden Richtlinien-Paper als „Original Article“ kategorisiert, stattdessen einen weiteren, fast gleichlautenden Titel unter „Review“ einordnet (siehe Platz 3 der „meistzitierten Reviews) – das erschloss sich uns nicht.

Auch für die Liste der 50 meistzitierten Autoren hatte das natürlich Konsequenzen. Zumal sich unterhalb der Top 10-Artikel noch weitere, ebenfalls stark zitierte Kommissions-Artikel tummeln. Mehrfach „Auserwählte“ dieser Richtlinien- oder „White Paper“-Kommissionen profitierten hinsichtlich ihrer Gesamtzitierungen stark von dieser Einteilung – wie etwa der Frankfurter Stefan Hohnloser (2.), der Münsteraner Paulus Kirchhof (12.), der Stuttgarter Udo Sechtem (26.) oder der Grazer Burkert Pieske (28.). Dies ebenfalls als Hinweis zur korrekten Einschätzung der absoluten Zitierzahlen.

Spitze durch Masse

Der Spitzenreiter des Vergleichs, Hugo Katus von der Universitätsklinik Heidelberg, gehört übrigens nicht in diese Kategorie. Er profitierte insbesondere von schierer Masse: 321 Paper in fünf Jahren, ohne Reviews, Meeting Abstracts und ähnlichem – da kommt der gesamte Rest nicht annähernd mit.

Bleibt bei all dem noch die Frage: Hat es denn neben den kardiovaskulären, angiologischen, chirugischen und anderen klinischen Herz-Kreislauf-Forschern überhaupt jemand unter die Top 50 geschafft, der ein wenig mehr in Richtung Grundlagenforschung arbeitet? Nicht viele, aber es gibt sie. Zum Beispiel widmen sich etwa Heribert Schunkert (3.), Jeannette Erdmann (4.), Christian Hengstenberg (10.), Arne Pfeufer (31.) oder Stefan Kääb (48.) vor allem den genetischen Grundlagen von Herzerkrankungen. Oder aber Christian Weber (25.), der insbesondere die zellulären und molekularen Signalwege bei der Arteriosklerose-Entstehung studiert. Und nicht zuletzt der Hannoveraner Thomas Thum (46.), der der Rolle von Mikro-RNAs bei gesundem und krankhaftem Herzmuskelwachstum auf den Fersen ist.

Doch ob Kliniker oder nicht (und um damit den Bogen zurück zum Einstieg zu spannen): Ob irgendeinem von ihnen die „wurmige“ Geschichte von der Entstehung ihres Lieblings-Organsystems geläufig war?


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Letzte Änderungen: 02.10.2014


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