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Regelkreisdreher

Publikationsanalyse 2008-2012: Hormon- & Stoffwechselforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 11/2014




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Foto: synbiobeta.com

Genetische Assoziationsstudien zu Diabetes und Fettsucht dominierten zuletzt die hiesige Hormon- und Stoffwechselforschung – zumindest was die Anziehungskraft auf Zitierungen betrifft.

Immer wenn die Nobelpreise vergeben werden, ist eines der Nebenthemen, wer ihn trotz absolut hinreichender Verdienste in der Vergangeheit nicht bekommen hat. Eine Frage, die auch im Zusammenhang mit diesem Publikationsvergleich durchaus interessant ist. Denn Hormon- und Stoffwechsel-relevante Themen wurden zwar insgesamt reich berücksichtigt – die Begründer der Hormonforschung per se bekamen jedoch keinen Nobelpreis.

Wie so vieles begann Hormonforschung durch Zufall. Es war der Winter 1902, als der 41-jährige Physiologe William Bayliss und der 35-jährige Mediziner Ernest Starling in einem kleinen Labor am University College London eine Versuchsreihe zum Verdauungssystem von Hunden durchführten. Dabei interessierte sie unter anderem, wie die partiell verdaute Nahrung im Dünndarm wiederum die „Saft-Produktion“ in der Bauchspeicheldrüse auslöst. Also banden Bayliss und Starling eine kurze Schleife aus dem Zwölffingerdarm eines Hundes ab und entfernten anschließend alle Nervenverbindungen, so dass das Stück nur noch über Arterien und Venen mit dem Tier verbunden war.

In jenen Tagen war es heiliges Dogma in der Biologie, dass ein Teil des Körpers ausschließlich über das Nervensystem Signale an einen anderen Teil schickt. Daher erwarteten Bayliss und Starling keinen Pankreas-Saftfluss, wenn sie lediglich in der isolierten, Nerv-entkoppelten Schleife partiell verdaute Nahrung mit einer schwachen Salzsäurelösung „vorgaukelten“. Zu ihrem Erstaunen jedoch floss der Pankreassaft unbeeindruckt und mit gleicher Rate wie zuvor.

Wie alles begann

Offensichtlich sendete der Darm also über einen bisher unbekannten Mechanismus Signale mit dem Blut an die Bauchspeicheldrüse. Bayliss und Starling schabten daraufhin etwas Schleimhaut vom HCl-behandelten Duodenum-Stück und injizierten sie direkt in den Blutkreislauf – und wieder floss das Pankreassekret. Damit hatten sie das Grundprinzip des Hormonsignals überhaupt entschlüsselt und zudem einen chemischen Botenstoff in der Darm-Schleimhaut entdeckt, den sie Secretin nannten. Letzteres war nach dem Adrenalin zwar „nur“ das zweite Hormon, das entdeckt wurde, allerdings war es in der Tat Starling, der das Wort „Hormon“ drei Jahre später erstmals einführte – abgeleitet von dem griechischen Verb „hormaein“ für „stimulieren“ oder „in Bewegung setzen.

Wie gesagt, gingen Bayliss und Starling letztlich ohne Nobelpreis in die Wissenschaftsgeschichte ein. Was heute durchaus ein wenig komisch wirkt angesichts der Tatsache, dass Stockholm nachfolgend separate Preise etwa für Sexualhormone, Insulin, Prostaglandine oder die Hormone der Nebennierenrinde vergab.

Letztere Aufzählung deutet schon an, wohin die Geschichte sich nachfolgend ausweitete: Hormone entpuppten sich als zentrale Signalgeber innerhalb der verschiedensten Regelkreise des Stoffwechsels – mit ganz besonderer medizinischer Bedeutung. Sinnvollerweise beschäftigt sich daher heute der klinische Zweig der Hormonforschung unter der Bezeichnung „Endokrinologie und Metabolismus“ mit den Erkrankungen des endokrinen Systems inklusive der jeweiligen Folgen für Stoffwechsel, Physiologie und Entwicklung. Oder darüber hinaus im Rahmen der (Psycho-)Neuroendokrinologie auch mit den Auswirkungen auf Verhalten.

Wie präsentierten sich also nun die hiesigen Hormon- und Stoffwechselforscher hinsichtlich ihres Publikations-Outputs der Jahre 2008 bis 2012? Die Publikationsdatenbank SCImago listet in der Kategorie „Endocrinology, Diabetes and Metabolism“ zwischen 2008 und 2012 insgesamt 9.158 Publikationen mit mindestens einem Autor aus Deutschland (6.404), Österreich (1.056) oder der Schweiz (1.698). Zum Vergleich kommen für den gleichen Zeitraum die USA auf 26.885, das Vereinigte Königreich (UK) auf 8.472, Japan auf 5.296 und Kanada auf 4.198.

Epidemiologen drängen rein

Filtert man aus diesen Publikationen diejenigen zehn heraus, die bis heute am häufigsten zitiert wurden, fallen gleich mehrere Dinge auf (siehe Tabelle). Was die Art der Studie betrifft, gibt es einen klaren „Sieger“: Genetische Assoziationsstudien. Sechs Artikel der „Top 10“ sind entsprechende Multi-Autoren-Paper, die mögliche genetische Signaturen für hormonregulierte Stoffwechsel-Regelkreise beziehungsweise deren Störungen präsentieren. Auf den Plätzen 1, 6 und 7 rangieren dabei Studien zur genetischen Prädisposition für Typ 2-Diabetes, die Plätze 2 bis 4 dagegen belegen Arbeiten zur genetischen Basis des Körpermasseindex (body mass index) beziehungsweise für Fettsucht (Adipositas). Damit sind gleichsam diese beiden Volkskrankheiten als Top-Themen der Hormon- und Stoffwechselforschung bestätigt – insbesondere, da auch die beiden Publikationen auf den Plätzen 5 und 10 Typ 2-Diabetes zum Thema haben.

Der Vollständigkeit halber: Auf Platz 8 schaffte es eine Studie zu neuroendokrinen Tumoren der Bauchspeicheldrüse, unmittelbar gefolgt von einem Artikel zu kardiovaskulären Problemen in Abhängigkeit vom Vitamin D-Stoffwechsel.

Die aktuelle Dominanz der Genetischen Assoziationsstudien mit ihren jeweils mehr als zweihundert Autoren wirkt sich natürlich auch auf die Liste der meistzitierten Autoren aus (siehe Tabelle). Allgemein verdünnen sich natürlich die konkreten Beiträge der einzelnen Ko-Autoren zu diesen vielzitierten Artikeln erheblich. Und im Speziellen drängen dadurch natürlich auch einige Genetiker in das Feld der Hormon- und Stoffwechselforschung – viel mehr noch aber Epidemiologen und Biostatistiker. Da diese jedoch mit ihrer Expertise oftmals noch ganz andere Felder beackern, nahmen wir nur diejenigen von ihnen in den Publikationsvergeich auf, für deren Publikationen der Jahre 2008 bis 2012 die Datenbanken einen klaren Schwerpunkt in „Endocrinology and Metabolism“ auswiesen. Andernfalls würden sich letztlich zu viele „fachfremde“ Veröffentlichungen in den Vergleich der meistzitierten Köpfe einschleichen.

Epidemiologisch arbeitende Forscher, die dieses Kriterium am Ende erfüllten, rutschten dann aber durch bis ganz nach oben: So landete der Greifswalder Henry Völzke auf dem Spitzenplatz, die beiden Münchnerinnen Annette Peters und Christa Meisinger knapp dahinter auf den Plätzen 3 und 4. Dazu kommen unter den zehn meistzitierten Köpfen weiterhin einige, die sich als klinische Mediziner an den erwähnten Genetischen Assoziationsstudien beteiligten: die Leipziger Michael Stumvoll und Peter Kovacs auf Platz 2 und 6, der Düsseldorfer Christian Herder auf Platz 7 sowie der Duisburg-Essener Kinder- und Jugendpsychiater Johannes Hebebrand auf Platz 9. Einzig der Psychiater und Neuroendokrinologe Florian Holsboer (München, 5.) sowie die klinischen Endokrinologen Hans-Ulrich Häring (Tübingen, 8.) und Stefan Bornstein (Dresden, 10.) tauchen nicht in den endlos langen Autorenlisten der Assoziationsstudien auf.

Ungewöhnliche Geographie

Fassen wir weiterhin die gesamte Top 50-Liste weniger namentlich, sondern stattdessen geographisch zusammen. „Hotspot“ ist Tübingen, das insgesamt sieben Forscher unter den 50 meistzitierten Hormon- und Stoffwechselforschern platzierte. Vier Kolleginnen und Kollegen brachten sowohl Leipzig als auch Graz in der Liste unter; jeweils drei arbeiten in Düsseldorf, Greifswald, München und Dresden. Sicher eine Verteilung, die sich kaum mit den „Hotspot“-Mustern der meisten anderen biomedizinischen Disziplinen deckt.

Und was sich – ganz zum Schluss bemerkt – ebenfalls nicht wirklich mit den Verhältnissen in anderen klinisch dominierten Fächern deckt: In der Hormon- und Stoffwechselforschung schafften es vergleichsweise viele Frauen unter die 50 meistzitierten Köpfe – immerhin sechs an der Zahl.


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Letzte Änderungen: 04.11.2014


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