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Publikationsanalyse 2009-2013: Nieren- und Hochdruckforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 6/2015




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Zumindest im Analysezeitraum 2009 bis 2013 hatte die hiesige Nieren- und Hochdruckforschung eine ganze Reihe von Themen zu bieten, mit denen sich nach Zitierzahlen ganz nach vorne kommen ließ.


Renale Denervierung zur Blutdrucksenkung: Der eingebrachte Katheter durchdringt mit niederfrequenten Funkwellen die Wand der Nierenarterie und verödet die sympathischen Nierennerven. Näheres siehe Text. Foto: Medtronic

Fangen wir einmal anders an. Nehmen wir gleich mal jemanden heraus aus der Top 50-Liste derjenigen Nieren- und Hochdruckforscher, deren Publikationen der Jahre 2009 bis 2013 bis heute am häufigsten zitiert wurden. Nehmen wir Felix Mahfoud, den Siebtplatzierten – um an seinem Beispiel gleichsam einige generelle Probleme solcher Zitiationsvergleiche zu demonstrieren.

Einer für Alle

Felix Mahfoud ist Oberarzt in der „Inneren Medizin III – Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin“ am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Wie kommt er mit diesem Hintergrund in einen Publikationsvergleich „Nieren- und Hochdruckforschung“, werden einige sofort fragen. Klar, weil er an Bluthochdruck arbeitet. Aber als Kardiologe? Sollten hier nicht nur solche Bluthochdruckforscher mit eingeschlossen werden, die diese multifaktorielle Störung tatsächlich „von der Niere aus“ angehen? Richtig, und genau das trifft auf Felix Mahfoud zu. Maßgeblich für unsere Publikationsvergleiche ist also, was eine Forscherin oder ein Forscher tatsächlich tut – und nicht, was auf seinem Türschild steht.

Methode in der Kritik

Was tut Felix Mahfoud also? Trotz seiner jungen Jahre gilt er als Pionier der sogenannten renalen Denervation in Deutschland. Diese ist ein Verfahren, das derzeit insbesondere an den etwa 10 Prozent Hypertonie-Patienten entwickelt wird, die auf blutdrucksenkende Mittel nicht ansprechen. Dabei werden über einen Katheter die sympathischen Nervenfasern, die von den Nieren zum Gehirn ziehen, rund um die Nierenarterien verödet – wodurch das Stressnervensystem heruntergedreht wird und der Blutdruck absinkt. Und da Mahfouds Publikationen sich fast ausnahmslos der Weiterentwicklung dieser Behandlungsmethode wie auch der Charakterisierung ihrer Folgen widmen, passt er natürlich unzweifelhaft hinein in einen Publikationsvergleich „Nieren- und Hochdruckforschung“.

Allerdings sieht die Fachwelt die renale Denervation inzwischen nicht mehr ganz so euphorisch. Vor allem in den letzten beiden Jahren wurden einige Studien publiziert, die erhebliche und berechtigte Zweifel an der Wirksamkeit des Verödungs-Eingriffs weckten. Folglich wird es, wie so oft, noch einigen Forscherfleiß brauchen, um tatsächlich sicher zu stellen, was die renale Denervation überhaupt taugt.

Zitierzahlen sind relativ

Was bedeutet das für Felix Mahfoud im Rahmen unseres Publikationsvergleichs? Momentan werden Mahfouds Publikationen sehr gut zitiert, weil die renale Denervation ein „heißes“ Thema ist. Wenn sich aber irgendwann tatsächlich heraustellen sollte, dass die Methode doch nicht oder nur kaum wirkt, hätte Mahfoud all die vielen Zitate am Ende womöglich für nicht viel mehr als einen „Nice Try“ gesammelt. Nicht falsch verstehen: Auch in einem solchen „Worst Case“ wäre Mahfouds Forschung gut und wichtig für das Feld – so funktioniert nun mal Wissenschaft. Trotzdem müsste man in diesem Fall die Aussagekraft seiner hohen Zitierzahlen wohl nachträglich etwas relativieren.

Ein kleiner Denkanstoß

Dies nur als kleiner Denkanstoß, was die reinen Zitierzahlen tatsächlich widerspiegeln können – und was nicht.

Schauen wir uns die zehn meistzitiereten Artikel der Jahre 2009 bis 2013 aus der Nieren- und Hochdruckforschung an. Und legen wir dabei den Fokus nicht so sehr auf die genauen Zahlen, als vielmehr auf die Themen, die es geschafft haben, so oft zitiert zu werden. Die erwähnte renale Denervation ist mit zwei klinischen Studien auf den Plätzen 2 und 4 dabei. Nur knapp schob sich eine weitere klinische Studie zum veränderten Herzinfarktrisiko bei Dialysepatienten davor auf Platz 1. Auf den Plätzen 3 und 5 landete ein weiteres großes klinisches Thema: die chronische Niereninsuffizienz. Auf den Plätzen 6 und 7 dann die meistzitierten nicht-klinischen Arbeiten: zwei genomweite Screenings zu Kandidatengenen beziehungsweise Genvarianten, die mit Bluthochdruck assoziiert sind. Die letzten drei Plätze der Top 10 haben dann wieder jeweils eigene Themen: das akute Nierenversagen (Platz 8); die ANCA-­assoziierte Vaskulitis der Niere (ANCA = Antineutrophile-zytoplasmatische Antikörper, Platz 9); und die Aufbewahrung der Nieren verstorbener Spender für die Transplantation (Platz 10).

Die meisten anderen klinischen Disziplinen versammeln auf den ersten zehn Plätzen lediglich zwei bis vier verschiedene Themen. Folglich verfügt die Nieren- und Hochdruckforschung im Gegensatz dazu offenbar über ein recht breites Themen­spektrum, mit dem man potentiell viele Zitierungen einstreichen kann.

Dies unterstreicht sogar noch die Tatsache, dass von den ersten Dreien der meistzitierten Forscher zwei nochmals andere Themen im Fokus haben. Lediglich der Erlanger Oberarzt Roland Schmieder auf Platz 2 ist mit seinen Top-Themen Bluthochdruck und chronisches Nierenversagen bereits erwähnt.

Mit Abstand meistzitierter Nieren- und Hochdruckforscher ist indes der Tübinger Physiologe Florian Lang. Sein „Nieren­thema“ sind vor allem Transport- und Kanalproteine, sowie die Regulation des Zellvolumens in den verschiedenen Nierengeweben. Damit scheint Lang aber keinesfalls ausgelastet, denn schon lange publiziert er zudem auch ausgiebig „Nieren-fern“, beispielsweise über Zelltodmechanismen oder bakterielle Infektionsstrategien. Auf diese Weise zeichnete Lang in den fünf Jahren zwischen 2009 und 2013 insgesamt 317 Originalartikel – das macht im Mittel alle 5,8 Tage einen Artikel, Wochenenden eingeschlossen.

Mit Hilfe von außerhalb

Der Zürcher Holger Moch auf dem dritten Platz schaffte mit 159 Artikeln als Zweitproduktivster (!) gerade mal die Hälfte von Florian Langs „Opus Magnum“. Und auch er brauchte dafür Hilfe von jenseits der Niere: Denn nicht nur auf Arbeiten zu seinem Kernthema, der Pathologie von Nierentumoren, findet man seinen Namen, sondern darüber hinaus auch auf einigen Artikeln zu Krebserkrankungen anderer Organe.

Der Rest der Top 50-Liste ist natürlich deutlich von Inneren Medizinern dominiert. Daneben ist die Pathologie insgesamt viermal, die Physiologie dreimal, die Pädiatrische Nephrologie zweimal, sowie Anatomie und Pharmakologie jeweils einmal vertreten.

Zudem ist die Industrie noch eineinhalbmal vertreten: Der Nephrologe Ciro Tetta (30.) forscht beim Dialyse-Spezialisten Fresenius Medical Care in Bad Homburg; und der Proteomiker Harald Mischak (23.), seit 2010 an der Universität Glasgow, publiziert zudem unter der Adresse seiner eigenen Firma mosaiques diagnostics in Hannover.

„Heiße“ Orte

Apropos Hannover: Schauen wir uns die geographischen „Hotspots“ der vielzitierten Nieren- und Hochdruckforschung an: Vorne liegt Berlin, wo sieben der „Top 50-Köpfe“ arbeiten; jeweils vier Kollegen brachten Hannover, Heidelberg und Zürich in die Liste; je dreimal tauchen Erlangen-Nürnberg, Homburg und Würzburg auf. Damit sind die letztgenannten Städte genauso oft repräsentiert wie ganz Österreich, während die vier Zürcher zugleich die einzigen Schweizer in der Liste sind.

Bleibt zum Schluss wieder die „Frauenquote“: Sieben von Fünfzig, die beste davon mit Kerstin Amann auf Platz 14. Nicht schlecht für eine Disziplin, die stark von der Inneren Medizin dominiert wird.


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Letzte Änderungen: 02.06.2015


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