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Halb Mensch, halb Tier

Publikationsanalyse 2009-2013: Reproduktionsforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 12/2015




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Foto: quranandscience.com

Vorgestern war noch Klonen mittels somatischem Kerntransfer das bestzitierte Thema der deutschsprachigen Reproduktionsforschung. Jetzt sind es Spermien.

Starten wir mit einem Rückblick in unser Archiv. Vor acht Jahren analysierte der „Vorvorgänger“ dieses Publikationsvergleichs „Reproduktionsforschung“ die entsprechenden Veröffentlichungen der Jahre 2001 bis 2004 (LJ 10/2007). Welche Themen schöpften damals die meisten Zitierungen ab?

Richtig, es war die Blütezeit der geklonten Tiere. Mitte 1996 erblickte das berühmte Klonschaf Dolly nahe Edin­burgh­ das Licht der Welt – und fortan lieferte die Technik des Kerntransfers reihenweise weitere Säugetier-Klone. Am 23. Dezember 1998 etwa brachte eine Leihmutter-Kuh das Klonkalb „Uschi“ auf die Welt. Verantwortlich für dieses erste deutsche Klontier nach Kerntransfer waren damals Tiermediziner der Ludwig-Maximilians-Universität München um Valeri Zakhartchenko und Eckhard Wolf. Uschi wurde danach noch mehrfache Großmutter – nach „natürlicher“ Reproduktionsmethode.

Das Klon-Verfahren via somatischem Kerntransfer in die entkernte Eizelle klappte natürlich nur, da die Eizell-“Umgebung“ den Spenderzellkern epigenetisch wieder effektiv auf Totipotenz zurückprogrammiert. Dieser Prozess war damals nicht unbedingt zu erwarten und weckte natürlich Hoffnungen auf enorme Potentiale – so man ihn im Detail verstehen würde.

Spermien auf der Überholspur

Doch darauf wollen wir hier gar nicht weiter eingehen. Vielmehr soll damit verständlich werden, warum damals die Säugetierklonierungs-relevante Forschung auch unseren Publikationsvergleich „Reproduktionsforschung“ der Jahre 2001 bis 2004 dominierte. Unter den zehn meistzitierten Papern aus dem deutschen Sprachraum belegten damals entsprechende Veröffentlichungen die Plätze 1, 2, 3 und 5. Und von den 14 meistzitierten Forscherinnen und Forschern ließen sich ganze acht diesem Feld zuordnen – darunter auch ganz vorne die Plätze 1, 3, 5 und 6.

Der jetzt vorliegende Publikationsvergleich „Reproduktionsforschung“ der Jahre 2009 bis 2013 kann daher durchaus als generelles Beispiel dafür dienen, wie sich die Zitierschwerpunkte innerhalb einer Disziplin über die Jahre thematisch verschieben können. Klonierte Säugetiere sind nicht mehr wirklich was Besonderes, und die Reprogrammierung somatischer Zellkerne wird inzwischen intensiv von Stammzell-orientierten Zellbiologen und (Human-)Genetikern weiter verfolgt.

Für Letzteres steht etwa auch das am zweithäufigsten zitierte Paper des aktuellen Publikationsvergleichs. Thema ist die genetische Reprogrammierung in der Eizelle – allerdings kommen neben dem bereits erwähnten „Tierzüchter“ Valeri Zakhartchenko an fünfter Stelle alle übrigen neun Autoren aus der Stammzell- und Genetik-Ecke.

Bis auf den Artikel auf Platz 10, der die Antwort der Gebärmutter auf geklonte beziehungsweise natürlich befruchtete Embryonen vergleicht, war‘s das aber auch schon mit dem Thema Klonen via somatischem Kerntransfer unter den zehn meistzitierten Artikeln der Jahre 2009 bis 2013. Klar ausgestochen wird dieser Themenkomplex diesmal vom menschlichen Spermium: Platz 1, 3, 4 und 5 für Artikel, die sich um Qualität, Entwicklung sowiebiochemische und genetische Steuerung der kleinen Schwimmer drehen.

Der meistziterte dieser Artikel hat den Titel „World Health Organization reference values for human semen characteristics“. Hört sich nach einem Review an, ist aber keiner. Vielmehr sammelten und vermaßen die Autoren rund um den Münsteraner Andrologen Trevor Coo­per Spermaproben von insgesamt 4.500 ausgewählten Männern aus 14 Nationen, um daraus einen Satz robuster Referenzwerte für die Beurteilung der Samenqualität und Fortpflanzungsfähigkeit von Patienten zu ermitteln.

Auf Platz 3 dann ein Paper aus der Gruppe des Bonner Sinnesphysiologen und Ionenkanal-Spezialisten Ulrich Benjamin Kaupp, das einen Spermien-spezifischen, Progesteron-gesteuerten Kalziumkanal beschreibt. Übrigens waren Kaupp und Co. erst vor wenigen Wochen wieder mit einem Artikel über die „schwimmende Sinneszelle“ Spermium in den Medien; Thema war deren helikales Navigieren in räumlichen Verteilungsmustern chemischer Lockstoffe – diesmal allerdings von Seeigel-Spermien.

Damit gehört Kaupp, der in der Liste der meistzitierten Köpfe auf Platz 30 landete, allerdings zu den „Exoten“ des Publikations­vergleichs „Reproduktionsforschung“ – zumindest was die „offizielle“ Disziplin angeht. Denn der große Rest der fünfzig meistzitierten Kollegen kommt aus den zwei großen Lagern Tiermedizin oder humane Fortpflanzungsmedizin – wobei sich letztere nochmals in Gynäkologie, Geburtshilfe und Andrologie unterteilt.

Nutztiere vor Menschen

An der Spitze der meistziterten Reproduktionsforscher stehen vier Tiermediziner. Interessanterweise belegen dabei mit dem Münchner Eckhard Wolf sowie Heiner Niemann vom Friedrich Löffler-Institut für Tiergesundheit in Neustadt-Mariensee doch zwei Protagonisten der deutschen „Klontier-Szene“ die Plätze 1 und 2. Allerdings sammelten beide ihre Zitierungen diesmal eher mit anderen Themen. So hat Niemann auch klare Schwerpunkte auf der assistierten Reproduktion und der Herstellung transgener Nutztiere – dies auch mit der Zielrichtung Xenotransplantation von Schweineorganen. Eckhard Wolf ist als Leiter der Abteilung „Molekulare Tierzucht und Biotechnologie“ am Veterinärmedizinischen Institut der Universität München zugleich in das dortige Genzentrum inte­griert – und veröffentlicht über diese Schiene bisweilen völlig „fachfremd“. So beschreibt etwa das meistzitierte Paper des Bewertungszeitraums, das er mitzeichnete, den Einfluss des humanen „Sprachgens“ FoxP2 auf die Gehirnstruktur von Mäusen.

Die beiden Tiermediziner Wolfgang Heuwieser von der Freien Universität Berlin und Karl Schellander von der Universität Bonn auf den folgenden Plätzen haben dagegen einen klaren Fokus auf Funktion und Erkrankungen der weiblichen Fortpflanzungsorgane von Nutztieren. Bis zum Wiener Marc Drillich auf Platz 49 folgen dann insgesamt noch 15 weitere tiermedizinische Reproduktionsspezialisten.

Andrologie vor Gynäkologie

Die Riege der insgesamt 26 Forscherinnen und Forscher an fortpflanzungsmedizinischen Instituten wird angeführt von dem Andrologen Hermann Behre vom Uniklinikum Halle auf Platz 6. Relativierend ist allerdings zu erwähnen, dass er diese Platzierung hauptsächlich seiner Ko-Autorenschaft auf dem bereits erwähnten, meistzitierten Paper zu den generellen Referenzwerten für Samenqualität verdankt.

Der am nächstbesten platzierte Fortpflanzungsmediziner, Wolfgang Weidner von der Uniklinik Gießen auf Platz 9, kommt eigentlich aus der Urologie – forscht aber schon lange ebenfalls über Spermienbildung und -reifung sowie männliche Fruchtbarkeitsstörungen.

Gynäkologische Ausrichtung findet man erstmals bei der Wienerin Andrea Weghofer (11.) und ihrem Münchner Kollegen Udo Jeschke (13.). Weghofer, die zudem auch am Center for Human Reproduction in New York arbeitet, hat vor allem die Rolle von Hormonen und Immunsystem beim weiblichen Fortpflanzungsgeschehen im Blick, während Jeschke sich in die Reihe einiger weiterer Plazenta-Spezialisten einfügt. Die beiden Grazer Gernot Desoye und Berthold Huppertz auf den Plätzen 16 und 17 sind weitere Repräsentanten.

Quasi eine „Splittergruppe“ im vorliegenden Vergleich bilden die drei Humangenetiker Thomas Haaf (Würzburg, 5.), Ulrich Zechner (Mainz, 10.) und Wolfgang Engel (Göttingen, 33.). Alle drei interessieren sich vor allem für die epigenetischen Prozesse in Keimbahn und Embryogenese – und veröffentlichen diese auch in reproduktionsbiologischen Zeitschriften.

Bleibt zum Schluss noch der Blick auf die Geographie: Neben Deutschland findet sich unter den Top 50 der meistzitierten Reproduktionsforscher achtmal Österreich als Standort und fünfmal die deutschsprachige Schweiz. Und die „Frauenquote“? Insgesamt sieben Forscherinnen schafften es in die Liste. Im Vergleich mit anderen Life-Science-Disziplinen eher ein mittelmäßiges Ergebnis.


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Letzte Änderungen: 05.12.2015


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