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Topfgucker

Publikationsanalyse 2010-2014: Ernährungsforschung
von Ralf Neumann, Laborjournal 03/2016




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Foto: Valeriy Lebedev/ Fotolia.com

Nicht wenige sehen die Ernährungsforschung in einer Krise. Auf die Zitierzahlen schlägt sich das jedoch bislang nicht nieder.

Erst kürzlich erlebte die Ernährungsforschung eine ihrer größten Pleiten. Vierzig Jahre lang, von 1971 bis 2010, wurden in der sogenannten „National Health and Nutriton Examination Survey“ US-Amerikaner repräsentativ, regelmäßig und umfassend nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Die Studie war sorgfältig angelegt und wurde auch konsequent durchgeführt; zu Recht erhoffte man daher umfangreiche und belastbare Daten, inklusive aufschlussreicher Erkenntnisse. Hereingelegt wurden die beteiligten Forscher schließlich von der offensichtlichen Unehrlichkeit der Studienteilnehmer. Als die Organisatoren am Ende die gesammelten Angaben auswerteten, mussten sie feststellen, dass ganze zwei Drittel der Befragten Antworten lieferten, die für den jeweiligen Einzelfall eine Energieaufnahme bedeuteten, welche schlichtweg „nicht mit dem Leben kompatibel“ war (PLoS ONE 2013;8:e76632).

Eindrucksvoll zeigt dieses Beispiel ein Kernproblem der Ernährungsforschung, vor allem wenn es um das Erfassen vermeintlicher Krankheitsrisiken aufgrund gewisser Ernährungsspezifika geht: Es scheint ungemein schwer, an unvoreingenommene und zuverlässige Basisdaten zu kommen.

Kein Wunder, identifizierte der Medizinstatistiker John Ioannidis von der kalifornischen Stanford University Ende 2013 weitere „Folgeschäden“ aus der Verwendung solcher oftmals mehr als unsicheren Datensätze (British Medical Journal 347: f6698). So ist in der Fachliteratur inzwischen zu fast allen Nährstoffen oder Nahrungsmittelbestandteilen nahezu jeder beliebige Effekt beschrieben. Und bis hinauf zu den Top-Journals finde man jede Menge komplett unplausible „Ernährungserkenntnisse“ – meist mit dem Tenor „Too good to be true“.

Viele unplausible Ergebnisse

Weiterhin kritisiert Ioannidis, dass praktisch alle beobachteten Effekte von einzelnen Ernährungsfaktoren in nachgeschalteten randomisierten Studien nicht reproduzierbar waren. Was zum Teil aber auch daran gelegen habe, dass die Mehrzahl dieser klinischen Studien bezüglich der Fallzahlen rettungslos zu niedrig angesetzt waren.

„Implausible results in human nutrition research“ titelte denn auch Ioannidis seine grundsätzliche Kritik an der weltweiten Ernährungsforschung. Um dann gleich im Vorspann sinngemäß festzuhalten: „Definitive Lösungen wird man weder von einer weiteren Million reiner Beobachtungsstudien erhalten, noch von derart kleinen randomisierten Studien.“

Zumindest was die Erforschung der Abhängigkeit von Gesundheit beziehungsweise Krankheit von Ernährungsfaktoren angeht, scheint man eine gewisse Krise folglich nicht wegdiskutieren zu können.

Interessanterweise spiegeln die entsprechenden bibliometrischen Zahlen dies jedoch ganz und gar nicht wider – wie auch die vorliegende Publikationsanalyse „Ernährungsforschung“ der Jahre 2010 bis 2014 zeigt. Ganz im Gegenteil, offenbaren sich doch gerade die „beobachtenden und korrellierenden“ Ernährungsepidemiologen mit als die meistzitierten Forscher der gesamten biomedizinischen Forschung.

Doch der Reihe nach. Schauen wir uns zunächst die meistziterten Ernährungs-Artikel an, die zwischen 2010 und 2014 mit Autorenbeteiligung aus dem deutschen Sprachraum erschienen sind (siehe Tabelle Seite 38). Auf die Spitzenplätze 1, 2, 4 und 6 stürmten – wie in vielen anderen medizinischen Fächern auch – großangelegte, sogenannte genomweite Assoziationsstudien (GWAS). Konkret ging es um die Identifikation von Kandidatenloci, die die Variation gewisser ernährungsbedingter Parameter mitsteuern – nämlich den Body Mass Index (1.), die Verteilung des Körperfetts im Rahmen des Taille-Hüfte-Quotienten (4.) sowie die Glukose-Homöostase beim Fasten (2.) beziehungsweise direkt nach Glukoseaufnahme (6.).

Diese letzten beiden Studien zur Dynamik des Blutzuckerspiegels hatten natürlich die ernährungsbedingte Dia­be­tes zum Hintergrund, womit bereits ein Topthema der Ernährungsforschung genannt wäre. Hinsichtlich der meistzitierten Paper wird die Volkskrankheit Diabetes allerdings noch übertroffen vom Themenkomplex Gewichtsregulation und Übergewicht bis hin zur krankhaften Fettleibigkeit – im Fachjargon Adipositas oder auch Obesitas (obesity) genannt. Gleich fünf Artikel mit entsprechender Stoßrichtung finden sich unter den Top 10 (Plätze 3, 5, 7, 9 und 10).

Bleibt noch der am achthäufigsten zitierte Artikel: Eine molekularbiologische Studie zum Bindespektrum einer Familie von Bittergeschmack-Rezeptoren.

Wann macht Ernährung krank?

Schauen wir uns das „Treppchen“ der meistzitierten Forscher an (siehe Tabelle Seite 39). Wie bereits angekündigt, finden sich auf den Plätzen 1 und 3 zwei Vertreter aus epidemiologischen Abteilungen: Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke und Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Beide untersuchen, welchen Beitrag Ernährungs-, aber auch andere Lebensstilfaktoren und biologische Parameter zum Entstehungsrisiko chronischer Krankheiten leisten. Und beide stehen mit ihren konkreten Forschungsthemen unter anderem auch für ein weiteres Topthema der gesamten Disziplin: die Rolle der Ernährung bei der Krebsentstehung, insbesondere Tumoren des Verdauungstrakts.

Dazwischen schob sich auf Platz 2 mit Michael Stumvoll, Direktor der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Leipzig, wiederum ein Vertreter des Themenkomplexes Adipositas und Diabetes. Stumvoll gehört gleichsam zum Vorstand des Inte­grierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen der Universität Leipzig, aus dem es weiterhin die Kollegen Peter Kovacs (4.), Matthias Blüher (6.) und Wieland Kiess (17.) unter die fünfzig meistzitierten Ernährungsforscher schafften.

Durchsuchen wir die ganze Top 50­Liste nach den beiden genannten Subfeldern, so stoßen wir darin auf insgesamt zwölf Epidemiologen und sechs Endokrino­logen (mit Schwerpunkt Adipositas/Diabetes).

Auffällig ist daneben noch die starke Präsenz ausgewiesener Kinderärzte. Elf Vertreter platzierten sich insgesamt in der Liste, allein sieben davon unter den Positionen 5 bis 17. Am höchsten rangieren der Kinder- und Jugendpsychiater Johannes Hebebrand (5.) von der Universität Duisburg-Essen sowie seine Kollegin Anke Hinney (9.). Deren Themen: Essverhalten und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, sowie die Auswirkungen pränataler Alkoholexposition während der Schwangerschaft.

Kinder im Fokus

Weitere Kinder-spezifische Topthemen sind die ernährungsbedingte Allergieentwicklung sowie die gesundheitlichen Aspekte der Muttermilch und des Stillens – beide unter anderem repräsentiert durch das Münchner Ehepaar Sybille und Berthold Koletzko (10. und 13.).

Bleiben als weitere starke Gruppe noch diejenigen Lebensmittelchemiker und -technologen, die ihre Disziplin auch unter ernährungsspezifischen Gesichtspunkten betreiben – und folgerichtig einen guten Teil ihrer Veröffentlichungen explizit in Fachblättern für Ernährungsforschung publizieren. Sechs Vertreter, die man zumidest grob dieser „Gattung“ zuordnen kann, schafften es unter die Top 50. Von diesen auf Platz 29 am höchsten platziert: Thomas Hofmann von der Technischen Universität München, wo er sich mit seinem Team insbesondere der Identifizierung und den sensorischen Mechanismen von Geschmacks- und Aromastoffen widmet.

Soweit die thematischen Aspekte, schauen wir noch ein wenig auf die Geographie. Neun Forscher des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke schafften es in die Top 50-Liste, sieben stammen aus Münchner Instituten und sechs arbeiteten während des Analysezeitraums zumindest teilweise in Zürich. Mit letzteren wäre bereits zugleich die gesamte Schweiz abgedeckt; aus Österreich konnten sich dagegen keine Kollegen unter den Top 50 platzieren.

Und die „Frauenquote“? Zehn von 50. Damit landet die Ernährungsforschung in dieser Hinsicht ganz vorne unter den biomedizinischen Disziplinen.


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Letzte Änderungen: 01.03.2016


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