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Mehr als nur Testentwickler

Publikationsanalyse 2010-2014: Klinische Chemie & Laboratoriumsmedizin
von Ralf Neumann, Laborjournal 04/2016




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Foto: Fotolia / nimon_t

Hinsichtlich der Forschungsthemen ist die Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin ein wahrer „Gemischtwaren­laden“. Ein echter Vergleich ist daher nur bedingt möglich.

Die Klinische Chemie und Laboratoriums­medizin gehört nicht gerade zu den Medizinfächern, die regelmäßig Schlagzeilen machen. Letzten Oktober allerdings schafften sie es mit ihrer Jahrestagung in einige Zeitungen – auch wenn der Grund dafür weniger ein wissenschaftlicher, als vielmehr ein humanitärer war: Da in unmittelbarer Nachbarschaft zum Leipziger Tagungsort der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) 2.000 Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan in einer Messehalle untergebracht waren, trugen die Teilnehmer für diese rund 23.000 Euro sowie Sachspenden im Wert von nochmals 25.000 Euro zusammen.

Auch humanitär aktiv

„Wir konnten nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Gerade bei einem medizinischen Kongress sehe ich es als humanitäre Aufgabe, den vielen, in Not geratenen Menschen in unserer Nachbarschaft zu helfen“, wurde DGKL-Kongresspräsident Joachim Thiery, Direktor des Leipziger Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik, hierzu zitiert. Und auf Grund der positiven Resonanz beschloss die DGKL, die Aktion seitdem unter dem Namen „Die Labormedizin hilft“ deutschlandweit fortzuführen.

Direkt mit Menschen – konkret: mit Patienten – haben Klinische Chemiker und Laboratoriumsmediziner nur selten zu tun. In der Regel bekommen sie nur bestimmte Patientenproben zur weiteren Laboranalyse geliefert. Entsprechend beschreibt etwa das Freiburger Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin sich selbst als „zentrale Dienstleistungseinrichtung des Universitätsklinikums Freiburg, die labordiagnostische Analysen für alle ambulanten und stationären Patienten des Klinikums anbietet“. Und weiter: „Die im Zentrallabor erstellten Untersuchungsbefunde sind wesentlich für die Diagnose von Krankheiten und ihren Ursachen, für die Überwachung des Krankheitsverlaufs und bei der Bewertung therapeutischer Maßnahmen. Hierbei kommen morphologische, chemische, physikalische, immunologische, biochemische und molekularbiologische Analyseverfahren zur Anwendung.“ Womit die Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin letztlich ein rein diagnostisches Fach an der Schnittstelle zu naturwissenschaftlichen Disziplinen wie etwa Chemie oder Molekularbiologie darstellt.

Überhaupt hören sich deren Fach-Definitionen oftmals wie Rundumschläge an. Ein anderes Beispiel: „Das Feld der Klinischen Chemie und Laboratoriumsmedizin ist definiert durch die Anwendung von Chemie, Biochemie und Immunochemie sowie der Molekularbiologie auf das Studium menschlicher Krankheiten in Körperflüssigkeiten, Zellen und Geweben.“ Für die Forschung in den Instituten für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin heißt das, dass man dort im Prinzip auf alles Mögliche treffen kann, was nur irgendwie mit Krankheiten zu tun hat. Da studieren die einen beispielsweise bevorzugt den Fettstoffwechsel, während andere Kollegen sich auf Herzkreislauf-Regulation spezialisieren und wiederum andere die Steuerung von Immunreaktionen im Visier haben.

In Autorenmassen verschwunden

Dass dies unseren Publikationsvergleich „Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin“ stark relativiert, dürfte klar sein. Denn was sagt es im Endeffekt aus, wenn man die Gesamtzitate eines Klinischen Chemikers mit Schwerpunkt Tumorforschung vergleicht mit denjenigen eines Laboratoriumsmediziners, der sich auf Allergien spezialisiert hat? Schließlich peilen beide mit ihren jeweiligen Veröffentlichungen ein komplett verschiedenes Publikum potentieller Zitierer an.

Es bleibt also nur, die Zitierzahlen für die jeweiligen Forscherinnen und Forscher an Instituten für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin relativ „nüchtern“ zu ermitteln – und in jedem Einzelfall kritisch zu prüfen, ob ein Vergleich tatsächlich sinnvoll ist.

Zudem offenbaren die meistziterten Artikel des Analysezeitraums 2010 bis 2014 mit Beteiligung aus Instituten für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin ein weiteres „Problem“ dieser Disziplin (siehe Tabelle S. 30): An vielen einschlägigen Multiautoren-Papern sind auch auf irgendeine Weise Klinische Chemiker und Laboratoriumsmediziner beteiligt. Und da die entsprechenden Studien in der Regel sehr häufig zitiert werden, finden sich gleich sieben solche Multiautoren-Paper unter den Top 10 der Klinischen Chemie und Laboratoriumsmedizin. Sechs davon – auf den Plätzen 1, 3, 6, 7, 8 und 9 – sind sogenannte Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) mit Autorenzahlen zwischen 94 und 375, während die Nummer 10 eine epidemiologisch ausgerichtete Multiautoren-Arbeit darstellt.

Nahezu alle Themen sind möglich

Die zwei Artikel auf den Plätzen 2 und 4, beide mit Beteiligung des Bonner Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin, verkünden dagegen grundlegende Erkenntnisse zu den Mechanismen des angeborenen Immunsystems. Lediglich die am fünfthäufigsten zitierte Publikation über die Validierung eines Troponin T-­Assays kann man dem eigentlich klassischen Forschungsthema der Klinischen Chemie und Laboratoriumsmedizin zuordnen: der Entwicklung und Etablierung diagnostischer Labortests.

Kommen wir zur Top 50-Liste der Klinischen Chemiker und Laboratoriumsmediziner, deren Publikationen aus den Jahren 2010 bis 2014 bis heute am häufigsten zitiert wurden (siehe Tabelle S. 31). Normalerweise nutzen wir in unseren Publikationsanalysen diese Liste vor allem dazu, um anhand der Projekte der vielzitierten Köpfe die aktuell „heißen“ Forschungsthemen des betreffenden Fachs herauszuarbeiten. Nach dem Vorhergesagten macht das allerdings für die Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin nur wenig Sinn, da hier die breite Variation der Forschungsthemen am Ende einen wahren „Gemischtwarenladen“ liefert.

Winfried März etwa, der Meistzitierte unserer Liste, forscht laut eigenen Angaben an Herz-, Gefäß- und Nierenerkrankungen sowie Fettstoffwechselstörungen. Die beiden auf dem „Treppchen“ folgenden Greifswalder Henri Wallaschofski und Matthias Nauck dagegen hatten ihre Schwerpunkte während des Analysezeitraums auf Hormon- und Stoffwechselstörungen. Die Bonner Veit Hornung (4.) und Gunther Hartmann (10.) wiederum sammelten ihre Zitierungen nahezu ausschließlich mit Erkenntnissen zum angeborenen Immunsystem. Und geht man die Liste weiter nach den Themen der jeweiligen „Köpfe“ durch, tauchen wieder andere „Spezialitäten“ auf: Allergien etwa, Neurobiochemie, Tumor- und Infektionsforschung oder auch Diabetes und Arteriosklerose.

Werten wir die Köpfe-Liste also lieber danach aus, wo sich vielzitierte Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin „ballen“. Gleich 13 Kollegen arbeiteten während des Analysezeitraums wenigstens teilweise in Österreich – ein Spitzenwert unter den biomedizinischen Disziplinen. Aus der Schweiz dagegen schafften es „nur“ fünf Köpfe unter die Top 50, angeführt vom Zürcher Arnold von Eckardstein auf Platz 9. Bleiben noch 34, die an deutschen Instituten arbeiteten (zwei „Ortswechsler“ aus der Schweiz und Österreich eingerechnet).

Spitzenreiter bei den Städten ist Bonn, das sieben Köpfe in die Top 50 brachte, gefolgt von Graz mit deren fünf. Vier Vertreter kamen jeweils aus Heidelberg, Greifswald, München und Wien – jeweils drei brachten Linz und Leipzig in die Liste.

Und zum Schluss noch, wie immer, die „Frauenquote“: Sechs Forscherinnen schafften den Sprung in die Top 50. Am weitesten nach oben „sprang“ mit Platz 5 die Greifswalderin Nele Friedrich – nicht zuletzt auch wegen eines „Plätzchens“ inmitten der 375 Autoren des über tausendmal zitierten Papers auf Platz 1 der Artikel-Liste.


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Letzte Änderungen: 29.03.2016


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