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Form und Struktur

Publikationsanalyse 2010-2014: Anatomie und Morphologie
von Mario Rembold, Laborjournal 11/2016




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Anatomie existiert kaum mehr als diskrete Forschungsdisziplin. Trotzdem sind die Anatomen gefragt, vor allem in den Neurowissenschaften.


Illustr.: outstormcrowd.com

Das wichtigste Kriterium unserer Publikationsanalysen sind normalerweise die Journals, in denen Forscher den Löwenanteil ihrer Artikel veröffentlichen. Zumindest ein Teil der Zeitschriften lässt sich nämlich klar einer Disziplin zuordnen – denken wir etwa an „Endokrinologie“, „Entwicklungs-“ oder „Meeresbiologie“. Um die meistzitierten Anatomen ausfindig zu machen, helfen uns die Journal-Namen allein jedoch nicht weiter – das wussten wir aus den Erfahrungen vergangener Rankings.

Der Grund ist einfach: Die Anatomie als klar abgrenzbare Forschungsdisziplin existiert praktisch nicht mehr. Kaum ein Journal widmet sich noch den neuesten Erkenntnissen zum Aufbau des menschlichen Körpers. Ähnlich sieht es aus, wenn man den allgemeiner gefassten Begriff der „Morphologie“ als Kriterium heranzieht: Im Großen und Ganzen wissen wir, aus welchen Organen, Knochen und Geweben ein Mensch oder Tier besteht. Eher interessiert sich ein Forscher daher für Abweichungen bekannter morphologischer Merkmale im Zusammenhang mit Krankheiten – zum Beispiel, wie sich die Leber bei Fibrose oder einem Tumor verändert. Und schon sind wir bei der Frage, ob der Forscher, der diesen Aspekt untersucht, nicht eher Hepatologe, Onkologe oder Pathologe ist – statt Anatom.

Viel Neuro

Anatomie als Lehrfach an den Unis ist natürlich von zentraler Bedeutung, gibt den angehenden Medizinern und Biologen aber vielmehr ein Handwerkszeug mit, das sie später in ihrem Alltag als Ärzte und Forscher benötigen – und zwar in allen möglichen Disziplinen. In unserer aktuellen Publikationsanalyse haben wir daher nach Forschern gesucht, die in ihrer Biografie einen klaren Bezug zur Anatomie haben – zum Beispiel, weil sie auf diesem Gebiet habilitiert sind. Auch die Institutsbezeichnung war ein zentrales Kriterium, insbesondere um eine Grenze zu den Pathologen zu ziehen, deren Kernkompetenz ja ebenfalls bei (zell-) morphologischen Merkmalen liegt.

Insofern geben die hier vorliegenden Listen einen Überblick über die Forschungsrichtungen, in denen Anatomen heute gefragt sind. Das Ranking dieser 50 meistzitierten Köpfe (siehe Seite 35) taugt aber keineswegs, um die Leistungen der aufgelisteten Forscher direkt miteinander zu vergleichen – viel zu heterogen sind deren Themen. Was beispielsweise sollte es aussagen, dass Felix Eckstein, der in Salzburg Gelenkerkrankungen erforscht, im Analysezeitraum doppelt so oft zitiert wurde wie Emeritus Peter Gehr aus Bern, dessen meistzitierte Paper die Aufnahme von Nanopartikeln im Lungenepithel zum Thema haben?

Was wir aber aus der Publikationsanalyse lernen können: Es sind vor allem die Neurowissenschaften, in denen die Kompetenz der Anatomen gefragt ist. Rund zwanzig „Köpfe“ des Rankings haben mit Bildgebung des Gehirns, neurodegenerativen Erkrankungen oder auch den zellulären Feinheiten neuronaler Verschaltungen zu tun. Und die Neuroanatomen sind es auch, die sich nach Zitierzahlen besonders weit vorn platziert haben.

Jülich ganz vorn

Gleich vier Köpfe aus den Top Ten arbeiten am Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich. Alle forschen sie im Institutsbereich „Strukturelle und funktionelle Organisation des Gehirns (INM-1)“. Der Name deutet schon den Bezug zur Anatomie an, denn die Morphologie des Gehirns ist hier zentraler Gegenstand der wissenschaftlichen Fragestellungen. Institutsbereichsleiterin und Biomedizinerin Katrin Amunts ist Fachärztin für Anatomie und koordiniert in Jülich die Arbeitsgruppe „Architektonik und Hirnfunktion“. Sie steht auf Platz 6 der meistzitierten Köpfe. Svenja Caspers, Platz 8 der Liste, leitet die Arbeitsgruppe „Konnektivität“ und setzt hierbei MRT-basierte Verfahren ein, ebenfalls mit einem Schwerpunkt auf anatomisch-morphologische Aspekte.

„Altmeister“ Karl Zilles forscht schon seit Jahrzehnten in Jülich und widmet sich heute der Verteilung von Neurotransmittern und Rezeptoren im Gehirn. Sein Forschungsgebiet sehen wir hier vor seinem Hintergrund als Anatom. Der ein oder andere Medizinstudent dürfte schon das von ihm mitverfasste Lehrbuch „Funktionelle Neuroanatomie“ in der Hand gehalten haben. Also ein klarer Kandidat für unser Ranking, der souverän auf Platz 2 steht, nur noch getoppt vom Neuroanatom Simon Eickhoff. Dieser leitet in Jülich die Arbeitsgruppe „Brain Network Modeling“ und schaut sich unter anderem Veränderungen von Hirnregionen bei psychischen Erkrankungen an.

Grauzone

Auch die Universität Ulm taucht mehrmals im Zusammenhang mit den Neuro­anatomen im vorderen Drittel auf – unter anderem dank Heiko Braak und seiner Ehefrau Kelly Del Tredici, die krankhafte morphologische Veränderungen des Gehirns bei Parkinson und Alzheimer erforschen. Zwei der drei meistzitierten Anatomie-Reviews sind von diesem Forscherpaar mitgeschrieben.

Erwähnt sei, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Hirnforscher gibt, die fleißig publizieren und gelegentlich auch an Artikeln mit Neuroanatomie-Bezug beteiligt sind. In dieser Grauzone fällt das Differenzieren schwer, und wir haben uns hier entweder an biografische Daten gehalten, die die Schublade „Anatomie“ rechtfertigen, oder eben am Schwerpunkt des Instituts, an dem der Forscher tätig ist.

Auf diese Weise fällt insbesondere eine ganze Reihe von Wissenschaftlern heraus, die Neuroimaging zum Studium von Kognition und Emotion einsetzen. Auch hier ist natürlich neuro­anatomisches Know-how für die Datenauswertung gefragt, doch stehen dabei in der Regel nicht die morphologischen Aspekte im Vordergrund. Auf diesen Feldern tätige Autoren sind daher Kandidaten für unsere Publikationsanalysen zu den Neurowissenschaften.

Ebenso haben wir bewusst Zell- und Entwicklungsbiologen herausgenommen, deren Arbeit in eigenen Rankings erfasst ist. So gibt es zwar Zebrafisch-Experten, die die Neurogenese unter die Lupe nehmen und schon mal mit Neuroanatomen publiziert haben, doch ihr eigentliches Thema ist die Steuerung der Embryonalentwicklung. Umgekehrt haben wir mit Wilhelm Bloch einen Forscher unberücksichtigt gelassen, den wir vor vier Jahren noch als Anatom geführt haben. Bloch kommt zwar mit 111 Artikeln auf 1.312 Zitate und hat sich in Anatomie habilitiert, leitet aber bereits seit 2004 die Abteilung „Molekulare und Zelluläre Sportmedizin“ am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Kölner Sporthochschule. Weil er seit mehr als einem Jahrzehnt vor allem an stoffwechselphysiologischen und zellbiologischen Fragen forscht, schien er uns in dieser Liste fehl am Platz; andernfalls stünde er auf Platz 4.

Insekten und Co.

Es gibt auch ein paar Exoten jenseits der Medizin, so wie Rolf Beutel und Hans-Wilhelm Pohl aus Jena, die dort an der Universität auch ein phyletisches Museum betreuen. Sie sind der Verwandtschaft und Evolution von Insekten auf der Spur, und dabei ist tatsächlich morphologisches Spezialwissen gefragt. Beutel untersucht das Aussehen der Geschlechtsorgane holometaboler Insekten. Auch der Aufbau der Mundwerkzeuge ist ein entscheidendes Kriterium für Zoologen, die sich auf die Taxonomie von Arthropoden spezialisiert haben.

Ebenfalls ein Experte für Krabbeltierchen ist Martin Fritsch von der Uni Wien. Er schaut sich zum Beispiel die Organogenese des Nervensystems bei Krebstieren an. Es gibt also auch in der Zoologie Bedarf an Morphologie-Experten. Und um auf dieses Thema zurückzukommen: Deren Publikationsleistungen mit denen der Neuroforscher zu ranken, ist sicherlich der berühmte Vergleich von Äpfeln mit Birnen – zeigt dafür aber, wie vielseitig der Themenkomplex „Anatomie & Morphologie“ sein kann.

Was die meistzitierten Artikel und Reviews betrifft, haben wir vor allem danach geschaut, was die Anatomen so publizieren. Denn es wäre hier wenig aussagekräftig gewesen, allein anatomisch-morphologische Journals wie Brain Structure and Function zu berücksichtigen – wie gesagt, die Anatomen verteilen sich auf die unterschiedlichsten Disziplinen. Auch bei den Papern dominieren daher die Neurowissenschaften. Immerhin aber schafft es Hans-Wilhelm Pohl als Koautor einer Arbeit zur Insektenevolution auf Platz 7 unserer Artikelliste.

Auch wenn wir es insgesamt mit einer heterogenen Gruppe von Forschern zu tun haben, so scheint die Anatomie dennoch eine männerdominierte Disziplin zu sein. Nur fünf Damen tauchen unter den 50 meistzitierten Köpfen auf. Dafür aber sind drei von ihnen Neuroforscherinnen, die sich auf den vordersten zehn Plätzen positionieren. Unterm Strich aber gelangt man zur Schlussfolgerung, dass die Anatomen in der Forschung in ihrem Geschlechterverhältnis weit weniger bunt sind als ihre Forschungsthemen. Schade eigentlich.


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Letzte Änderungen: 10.11.2016


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