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Die Spitze des Eisbergs

Publikationsanalyse 2011-2015: Virusforschung
von Mario Rembold, Laborjournal 05/2017


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Die meistzitierten Virusforscher im deutschsprachigen Raum widmen sich den viralen Hepatitiden. Daneben wollen einige Kollegen mehr über die Tier-Reservoirs viraler Erreger erfahren. Die meisten Viren bleiben aber unerforscht...


Illustr.: Michelle Banks

Viren sind weder Fisch noch Fleisch, nichts Halbes und nichts Ganzes. Sie stehen irgendwo zwischen belebter und unbelebter Materie. Dass sie tatsächlich eine ursprüngliche Vorstufe zum echten Leben repräsentieren, darf aber angezweifelt werden. Vieles deutet darauf hin, dass Viren erst eine Folgeerscheinung zellulären Lebens sind: eigennützige Nukleotidsequenzen, die sich selbstständig gemacht haben. Mehr oder weniger aufwändig lassen sie sich von ihrer Wirtszelle einpacken in Hüllen aus Proteinen und manchmal auch Lipiden – und können sich dann auch außerhalb des Zytoplasmas verbreiten.

Chaotisches Sammelsurium

Ihr Ursprung ist unbekannt – sofern es den einen Ursprung der Viren überhaupt gibt. Zuverlässige Stammbäume sind praktisch unmöglich, weil sich Viren viel zu schnell verändern und immer wieder Erbgutabschnitte verlieren oder neu aufnehmen. Die Suche nach größeren monophyletischen Gruppen läuft schnell ins Leere; der Begriff ergibt im Zusammenhang mit Viren womöglich wenig Sinn. Vielmehr sind Viren ein chaotisches Sammelsurium infektiöser nukleinsäurehaltiger Partikel – mit RNA oder DNA, mal doppelsträngig, mal einzelsträngig; einige lassen als Retroviren die Transkription gar rückwärts laufen.

Trotzdem weiß jeder Biologe und Mediziner sofort, was mit einem „Virus“ gemeint ist; und umgekehrt ist auch ziemlich klar, was kein Virus ist. Das macht eine Publikationsanalyse „Virusforschung“ im Großen und Ganzen recht einfach. Überlappungen ergeben sich eher dadurch, dass andere Disziplinen weniger klar umrissen sind. So sind beispielsweise viele Veterinäre auf die Erforschung von Virusinfektionen spezialisiert. Weshalb es in dieser Ausgabe auch ein Wiedersehen mit einer ganzen Reihe von Tiermedizinern gibt, die wir Ihnen bereits in Ausgabe 3/2015 vorgestellt haben – etwa Martin Beer (10.) und Bernd Hoffmann (15.), die Viruserkrankungen bei Nutztieren auf der Spur sind.

Dank der Tiermediziner nimmt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald wieder eine dominante Rolle im „Köpfe“-Ranking ein. Ganze sechs Mal tauchen FLI-Virologen in der Liste auf; nur das Institut für Virologie der Uniklinik Bonn ist ebenso häufig vertreten, angeführt von Christian Drosten (4.). Der Coronaviren-Experte gehört zu den ersten, die Anfang der 2000er den SARS-Erreger beschrieben und charakterisierten. Außerdem sucht Drostens Team nach tierischen Reservoirs humanpathogener Erreger, zum Beispiel Hepatitis-Viren in Fledermauspopulationen.

Für die Zusammenstellung der „Köpfe“-Liste war uns wichtig, dass die Protagonisten tatsächlich am Virus selbst Interesse zeigen. Wer hauptsächlich Zytokine erforscht und die Aktivierung von T-Zellen studiert, mag auch gelegentlich über Viren publizieren, gehört bei uns aber in die Immunologen-Schublade. Weiterhin gibt es Mikrobiologen, die manchmal ein virologisches Paper herausbringen, sonst aber vorwiegend Bakterien erforschen. Nach unseren Kriterien haben sich Forscher dann als Virologen qualifiziert, wenn sie einen gewichtigen Anteil ihrer Artikel in virologischen Fachzeitschriften publizieren. Im Zweifelsfall schauten wir anhand der Schlüsselworte, ob sich die Virenthematik als roter Faden durch die Veröffentlichungshistorie im Analysezeitraum zieht. Wessen Arbeitsstätte explizit als virologisches Institut bezeichnet ist, dem schreiben wir ebenfalls ein zentrales Interesse an Viren zu.

HIV, HPV und Hepatitis

Unter den hier gelisteten Virologen gibt es trotzdem einige Grenzgänger, wie den HIV-Forscher Jürgen Rockstroh (7.) von der Infektiologie der Bonner Uniklinik. Den Web Of Science-Kategorien nach hat Rockstroh 31-mal in immunologischen Journals publiziert, aber auch 27-mal in virologischen Zeitschriften. Weil dieses Verhältnis recht ausgeglichen ist und sich in der HIV-Forschung Immunologie und Virologie generell überlappen, ist Rockstroh in beiden Rankings vertreten.

Schnittmengen gibt es auch zur Onkologie, denn heute sind mehrere virus-assoziierte Tumore bekannt, für die unter anderem die Gruppe der humanen Papillomviren verantwortlich ist. Michael Pawlita (13.) vom DKFZ Heidelberg ist einer dieser onkologischen Virologen. Gelegentlich hat es auch die Kardiologie mit den winzigen Plagegeistern zu tun, wenn Viren akute oder auch chronische Herzerkrankungen auslösen. Expertin auf diesem Gebiet ist Karin Klingel (16.) aus Tübingen – eine von nur fünf Frauen der „Köpfe“-Liste.

Schwer fiel die Einordnung bei einer ganzen Reihe von Gastroenterologen und Hepatologen, die bei uns eigentlich ihren eigenen Publikationsvergleich haben. Allerdings widmen viele Leberforscher den Großteil ihrer Arbeit den Hepatitis-Erregern, untersuchen deren Infektionsmechanismen und prüfen die Wirksamkeit antiviraler Therapien. Diese eindeutig virologisch ausgerichteten Wissenschaftler per se aus dem aktuellen Ranking auszuschließen, würde das Kind mit dem Bade ausschütten. Andererseits wollen wir die Virologen von denjenigen Forschern abgrenzen, die vorrangig an Leber oder Verdauungstrakt und nur beiläufig an Viren interessiert sind.

Äpfel und Birnen

Beim Blick auf die letzte Publikationsanalyse zur Gastroenterologie und Hepatologie (LJ 09/2014: 30-33) fällt auf, dass man für eine Platzierung in der „Köpfe“-Liste deutlich über 1.000 Zitierungen benötigte. Niemand aus den Top Ten hatte weniger als 3.300 Zitierungen. Unter Virologen fallen die Zitierzahlen hingegen niedriger aus.

So kommt es, dass Stefan Zeuzem von der Frankfurter Uniklinik die aktuelle Virologen-Liste ziemlich einsam anführt – er ist eben Hepatologe und bringt es auf knapp 13.500 Zitierungen. Erst in weitem Abstand folgt ihm sein Fachkollege Peter Ferenci, Medizinische Universität Wien, mit knapp 5.500 Zitierungen. Christian Drosten, der meistzitierte Virologe ohne hepatologischen Hintergrund, kommt dagegen „nur“ auf knapp 3.800 Zitierungen.

Diese Zahlen allein sagen natürlich nichts über die Qualität der Forschung aus. Anscheinend werden Paper zu Hepatitis-Infektionen generell oft zitiert und sprechen eine andere Forscher-Community an. In einigen Fällen kann die Gegenüberstellung zweier Virologen daher dem vielbeschworenen Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen entsprechen – und das sollte man beim Blick auf die Liste im Hinterkopf behalten.

Werfen wir noch einen Blick auf die „Virus-Paper“. Die Artikelliste führt eine Arbeit an, an der Stephan Günther (26.) vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) als Seniorautor beteiligt war. Die Autoren widmen sich einem neuen Ebola-Stamm, der vor vier Jahren in Westafrika aufgetaucht ist. Etwas exotisch dagegen Platz drei der Artikel-Liste: Mit Hilfe eines Röntgenlasers hat ein Forscherteam Mimivirus-Partikel sichtbar gemacht.

Unendliche Virenwelten

Tatsächlich gibt es im Analysezeitraum Artikel mit deutlich mehr Zitierungen, deren Titel ein Interesse an Viren nahelegen. Darunter klinische Studien, in denen es aber nicht um die viralen Mechanismen, sondern allein um die Verträglichkeit und Wirksamkeit einzelner Wirkstoffe geht. Auch epidemiologische Arbeiten, die lediglich die Prävalenz in einzelnen Regionen oder Bevölkerungsgruppen betrachten, waren uns zu weit weg vom eigentlichen Virus und seinen Interaktionen mit der Wirtszelle. Aus demselben Grund blieben rein molekulargenetische Paper unberücksichtigt, in denen Loci, Marker und Assoziationen mit Krankheiten im Fokus stehen.

Als meistzitierten Review haben wir ein Paper ermittelt, das Empfehlungen für die HIV-Therapie bei Erwachsenen ausspricht. Da die Autoren auch Infektions- und Immunmechanismen samt der Wirkung von Medikamenten diskutieren, haben wir die Arbeit als „virologisch“ eingeordnet.

Die Virologie präsentiert sich anhand der Publikationen zwischen 2011 und 2015 als vorwiegend klinische Disziplin, was schon die Institutsbezeichnungen nahelegen: Drei Viertel der „Köpfe“ arbeiten an einer Uniklinik oder einer Einrichtung mit klarem medizinischen oder tiermedizinischen Bezug. Dass vor allem klinisch und tiermedizinisch relevante Arbeiten viele Zitierungen sammeln, dürfte einerseits kaum überraschen. Führt man sich aber vor Augen, dass es vermutlich zehnmal mehr virusähnliche Partikel als Bakterienzellen auf diesem Planeten gibt, und dass die human- und Nutztier-pathogenen Viren nur eine winzige Spitze des viralen Eisbergs im Ökosystem ausmachen, dann fällt in den Tabellen unserer Publikationsanalyse der größte Teil der Virenwelt komplett unter den Tisch.

Und Pflanzenviren?

Erwähnt seien daher noch Holger Jeske von der Uni Stuttgart und Stephan Winter vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. Beide widmen sich einem Teil des Eisbergs „unterhalb der Wasseroberfläche“: Sie interessieren sich für Pflanzenviren. Mit 365 beziehungsweise 129 Zitierungen im Analysezeitraum tauchen sie jedoch nicht in der Top 50-Liste auf.

Dabei bringt auch deren Arbeit die Forschung weiter voran. So möchte die DSMZ möglichst viele Mikroorganismen kategorisieren, katalogisieren und für Wissenschaftler aus der ganzen Welt bereitstellen. Das mag dem einzelnen Forscher dieser Einrichtung kurzfristig wenig Ruhm und Ehre einbringen; als Ressource für die Wissenschaft dürfte der Wert einer solchen Sammlung aber außerordentlich hoch ausfallen. Zitate sind also nicht alles!


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Letzte Änderungen: 08.05.2017


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