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Jagd vorbei (144)

Maike Ruprecht


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Die TA

Am Montagnachmittag stürzt plötzlich ein Bachelor ins Labor: „Wo haben wir Xag1? Ich finde das nicht in unserer Enzymkiste.“

„Xag1? Das kannst du gar nicht in unserer Kiste finden, das haben wir noch nie gehabt“, antworte ich.

„Aber ich brauch‘ das heute!“

„Warum hast du mir nicht letzte Woche Bescheid gesagt? Dann hätte ich es bestellt.“

Er ringt verzweifelt die Hände. Nun bekomme ich doch Mitleid.

„Wir können im Freezer der Firma nachschauen, vielleicht ist es da ja vorrätig.“

Ein Hoffnungsschimmer überzieht sein Gesicht.

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„Wie groß ist die Chance, dass es im Freezer liegt?“

„Na ja, ...“

Die Wahrheit ist: Keiner von uns hat je Xag1 verwendet.

„Wenn du ein Jäger wärst, entspräche Xag1 einem kapitalen 16-Ender“, antworte ich.

Er guckt irritiert. Ich auch. Wie komme ich bloß auf diesen sonderbaren Vergleich? Hatte ich Hirschgulasch zum Mittagessen? Oder lief gestern „Bambi“ im Fernsehen?

„Ein absoluter Glücksfall“, übersetze ich mein Jägerlatein.

Enzym gesichtet

Kurz darauf ziehen wir los. Ich ausgerüstet mit unserer Keycard, er mit leeren Händen. Hat wohl die Flinte nicht so schnell gefunden...

Am Freezer angekommen zeige ich ihm die bereit liegende Enzymliste. Dabei fühle ich mich wie ein Jagdführer, der seinem reichen Klienten die Liste der in seinem Revier zum Abschuss freigegebenen Tiere präsentiert.

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Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist Xag1 dort tatsächlich aufgeführt.

„Freu dich nicht zu früh“, dämpfe ich den Jubelschrei des Bachelors und verweise auf eine Angabe in der Liste, die den Xag1-Bestand im Freezer – oder im „Revier“ – mit einem einzigen Aliquot beziffert.

„Der Freezer wird jeden Mittwoch aufgefüllt. Sollte jemand seitdem das Aliquot entnommen haben, muss dein Experiment bis nächste Woche warten.“

Keinerlei Fluchtreflex

Nun dringt unsere kleine Jagdgesellschaft in das kalte Revier der Enzyme vor.

Tief im Unterholz, genauer gesagt in Fach 14, spüren wir tatsächlich das entsprechende Enzym auf. Es zeigt keinerlei Angstreaktion oder Fluchtreflexe. Ein Verhalten, das ausschließlich bei selten benutzten Enzymen vorkommt, die bisher weitgehend ungestört von Menschen in ihrem Territorium lebten. Die „Big Five“ unter den Enzymen – BamH1, EcoR1, Nco1, Xho1 und Hind3 – haben hingegen ausgeprägte Fluchtinstinkte entwickelt.

Unser Xag1 ist ein ausnehmend schönes Exemplar, tadellos in Etikett und Farbe.

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„Sag rechtzeitig Bescheid, wenn es zur Neige geht“, streue ich noch eine pädagogische Botschaft ein, während ich den Strichcode auf dem Tütchen einscanne.

„Hoffentlich hat Xag1 dann keine Schonzeit“, ulkt der Bachelor und zieht glücklich von dannen. Eigentlich hätte ich ihn noch mit seiner Beute fotografieren müssen, aber er kann sich ja stattdessen später das leere Aliquot ausstopfen und als Trophäe über seinen Platz hängen.

Enzym aufgespürt, Bachelor zufrieden, Jagd vorbei. Halali!



Letzte Änderungen: 08.03.2021


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