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Enten im Rücken

(18.06.2019) Dieses Mal ist unsere (andere) TA auf der Suche nach einem botanischen Schatz. Die Schatzkarte ist jedoch etwas ungenau.
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Vor gut einem halben Jahr habe ich zwecks mRNA-Isolierung meine letzten Arabidopsis „geschlachtet“. Nun brauchte ich abermals eines der zarten Pflänzchen. Da ich wusste, dass unser altes Gewächshaus derzeit umgebaut wird, machte ich mich gar nicht erst auf den Weg dorthin. Ich musste meine Beute anderswo finden. Bloß wo? Ich durch­forstete mein Gedächtnis sowie meine Gruppenseminar-Notizen, fand aber keine entsprechende Information.

„Wo wachsen zur Zeit unsere Arabidopsis?“, fragte ich daraufhin einen pipettierenden Kollegen, der ebenfalls viel mit dem Grünzeug zu tun hat und es wissen müsste.

„Im Biologicum“, antwortete er und widmete sich wieder seinem Experiment.

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Das Biologicum, eines unserer Nachbargebäude, ist ein ausgesprochen weitläufiger Bau mit vier obererdigen Etagen, Kellern und sehr vielen Räumen. Bis ich dort nach dieser Wegbeschreibung unsere Anzuchtkammer finde, könnte es sehr spät werden.

„Könntest du das vielleicht noch etwas weiter präzisieren?“, bat ich.

„Du gehst zum Haupteingang rein, die erste Treppe links runter und dann siehst du die Anzuchtkammern auf der rechten Seite.“

Leicht verunsichert schnappte ich mir Anzuchtkammer-Schlüssel sowie die rote Trans­portkiste und zog los.

Den Haupteingang des Biologicums fand ich tatsächlich problemlos, schließlich sehe ich ihn jeden Tag von meinem Laborfenster aus. Auch „die zweite Treppe links“ entdeckte ich rasch. Gleich dahinter stand eine große Glasvitrine, mit ausgestopften Enten (Kurze Anmerkung in eigener Sache: Ich weiß wirklich nicht, warum in meiner Kolumne regel­mäßig Enten vorkommen. Ich mache das weder mit Absicht, noch mache ich mir beson­ders viel aus Enten. Wollte ich nur mal klarstellen).

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Am Fuß der Treppe sah ich mich um, erblickte aber nichts, was auch nur annähernd nach einer Anzuchtkammer aussah. Allmählich fühlte ich mich wie eine Schatzsucherin in einem Seeräuber-Roman, die anhand einer vagen mündlichen Überlieferung die Kiste mit den Goldmünzen suchte: „Hinter der fünften Palme rechts, 20 Schritte in Richtung Sonnen­aufgang, und beim großen Felsen fängst du an zu graben.“ Leider gibt es im Biologicum keinen großen Felsen. Nicht einmal einen kleinen. Wo bitteschön sollte ich hier also graben?

In die Glasaugen der Enten trat ein mitleidiger Ausdruck, als ich mit leerer Transportkiste wieder aus dem Untergeschoss auftauchte. Zurück am Haupteingang fragte ich den Pförtner. Der wusste jedoch nichts von irgendwelchen Anzuchtkammern.

Was jetzt? Sollte ich zurück ins Nachbargebäude, rauf ins Labor, meinen Kollegen aber­mals ausquetschen und dann samt Kiste noch einmal den ganzen Weg hierher laufen? Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust. Aber Trägheit ist nicht nur eine Todsünde, sondern auch eine Triebfeder der Kreativität. Was haben Menschen nicht schon alles erfunden, um sich künftig unliebsame Arbeit zu ersparen? Auch ich überlegte konzentriert, wie ich mir den Weg ersparen könnte.

„Darf ich mal telefonieren?“, bat ich den Pförtner.

Er musterte mich und meine rote Kiste skeptisch.

„Uni-intern“, fügte ich hinzu.

Er schob mir sein Telefon zu.

Ich rief bei meinem erstgefragten Kollegen an. Er ging nicht ran. Ich rief im Nachbarlabor an. Die Doktorandin am Apparat wusste es nicht mehr genau, immerhin erinnerte sie sich, dass ich auf dem Weg zum Schatz eine Glastür passieren müsste.

Abermals tauchte ich ab unter die Enten. Das erleben diese Vögel zu Lebzeiten bestimmt selten. Am Fuß der Treppe befanden sich nicht eine, sondern gleich sechs Glastüren. Wieder so ein nebulöser Hinweis. Hoffentlich muss keiner meiner befragten Kollegen jemals eine Schatzkarte verfassen. Mit solchen Wegbeschreibungen finden die ihre Goldmünzen doch niemals wieder.

Es wurde Zeit, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Alleine würde ich den botanischen Schatz nie finden. Der Pförtner guckte wie die Enten kurz zuvor und schob mir wortlos sein Telefon zu. Die Kollegin, die ich diesmal an die Strippe bekam, konnte mir den Weg zwar nicht am Telefon beschreiben, kam aber gleich darauf vom Labor herüber, um es mir vor Ort zu zeigen. Die Gute.

Und siehe da, sie nahm nicht die erste Treppe links unter der Entenvitrine hindurch, sondern die zweite Treppe. Die zugehörige Vitrine barg keine ausgestopften Vögel, sondern diverse Schädel, Knochen sowie das vollständige Skelett eines Faultieres. Anschließend passierten wir tatsächlich eine Anzahl Glastüren. Allerdings nicht eine, sondern fünf, hinter denen wir tatsächlich unsere einstweilige Anzuchtkammer vorfanden.

Anders ausgedrückt:

„Die Enten im Rücken,

rechts unterm Gebein.

Hinterm fünften Kristalltor,

der Schatz harret dein.“

Hätten meine Kollegen doch gleich sagen können. Darauf ´ne Buddel Rum, johoho!

Maike Ruprecht



Letzte Änderungen: 18.06.2019

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