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Der Bewegungsfilmer

(25.06.2019) Manchmal lohnt es sich, vermeintlich Langweiliges genauer zu betrachten. Unser Gesuchter begründete so ein ganz neues Feld der Zellbiologie. Kennen Sie ihn?
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Welche Namen fallen einem beim Begriff „Zellbiologie“ ein? Sicher Robert Hooke, Marcello Malpighi und Antoni van Leeuwenhoek, die die ersten Zellen unter dem Mikroskop beschrieben. Ebenso Matthias Jacob Schleiden und Theodor Schwann, die erstmals erklärten, dass Pflanzen und Tiere aus Zellen bestehen. Aus neuerer Zeit dann etwa George Palade und Christian de Duve wegen ihrer Pionier­arbeiten über Zellorganellen. Oder Günter Blobel und die Steuerung von Proteintransport und -lokalisation sowie Randy Shekman und James Rothman mit ihrem vesikulären Membranumsatz. Aber hier wird‘s schon langsam schwieriger, weil die Themen naturgemäß mit fortlaufender Zeit immer spezieller wurden.

Auf unseren Gesuchten trifft das allerdings nicht wirklich zu. Denn wenn man so will, kann man ihn durchaus als Pionier einer Art Unterdisziplin betrachten: Der Zellverhaltensbiologie.

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Nichtsdestotrotz könnte man weiter nach hundert besonders einflussreichen Zellbiologen fragen – und sein Name wäre in den meisten Listen wohl nicht dabei. Ob seine wissen­schaftliche Unscheinbarkeit auch daher kommen könnte, dass er sich selbst einmal als „neurotisch schüchtern“ bezeichnete – und seine Schüler entsprechend berichteten, dass er nur wenig sprach und lieber aufmerksam zuhörte?

Geboren nahe der walisischen Grenze, ging der spätere Zellbeobachter zum Studium in eine der beiden altehrwürdigen englischen Universitätsstädte, die sich bis heute keines­wegs nur in Ruderbooten miteinander messen. Während sein Vater in dessen Kinder- und Jugendjahren eine beeindruckende Karriere als Dichter und Dramatiker hingelegt hatte, wandte er selbst sich doch lieber dem echten Leben zu: Er studierte Zoologie und entwickelte schon bald ein besonderes Interesse für die experimentelle Embryologie. Dieses Interesse trieb ihn schließlich in die andere der beiden altehrwürdigen englischen Universitätsstädte, die in seiner Studienstadt viele bis heute nur „The Other Place“ nennen.

Am Vorabend des zweiten Weltkriegs lernte unser Dichtersohn seine spätere Ehefrau an der Universität Birmingham kennen, wo er die folgenden Jahre mit ihr zusammen im Anatomie-Department arbeitete. Jedoch musste deren Chef bald ein Projekt über Degeneration und Regeneration peripherer Nerven übernehmen – nicht zuletzt, weil man sich davon nützliche Erkenntnisse für die chirurgische Behandlung von Kriegsverletzungen erhoffte. Allerdings war das Labor damals derart unzureichend ausgestattet, dass unser Gesuchter auf seine Pensionsansprüche verzichtete und seine Frau ihr Auto verkaufte, um genügend Geld für die Forschung aufzubringen.

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Seine „goldenen Forscherjahre“ erlebte er schließlich in der Hauptstadt, wohin er seinem Chef nach dem Krieg gefolgt war und wo er 1959 schließlich einen Lehrstuhl bekam. Dort tat er erstmals etwas, was im Nachhinein als ziemlich simpel erscheint: Er filmte Zellen in der Kulturschale – vor allem Fibroblasten –, und entschlüsselte durch das Abspielen der Filme im Zeitraffer Grundlegendes über Bewegungsmechanismen und -verhalten einzelner Zellen.

Mit das wichtigste Ergebnis seiner quantitativen Bewegungsanalysen stellte jedoch die Beobachtung dar, was passiert, wenn Zellen sich auf ihren Wanderschaften durch die Kulturschale begegnen und berühren. Gerade hier sah er beträchtliche Verhaltens­unterschiede zwischen „normalen“ und „entarteten“ Zellen – eine Erkenntnis, für die ihm die gesamte Krebsforschung zu großem Dank verpflichtet ist. Kein Wunder, rangiert die entsprechende Veröffentlichung unter den zehn meistzitierten Artikeln der Periode 1960 bis 1975.

Eine Schlüsselfrage ist in diesem Zusammenhang jedoch bis heute nicht befriedigend geklärt: Bewegen und verhalten sich Zellen tatsächlich auch im dreidimensionalen Gewebeverband so, wie von unserem Gesuchten beschrieben – oder geschieht es in dieser Weise vornehmlich nur, wenn sie „zweidimensional“ am Boden der Kulturschale haften? Heute scheint es, dass die Situation sich in vivo meist doch etwas komplexer darstellt – sodass die Konzepte, die unser Gesuchter in vitro erarbeitet hat, das Verhalten der Zellen im Gewebe alleine nicht erklären können.

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Womöglich hätte unser Mann, der von vielen als „genialer Ideengeber“ beschrieben wurde, auch hierzu noch einen Einfall gehabt. Zurück an „The Other Place“ erkrankte er jedoch an Krebs und starb noch vor seiner Emeritierung. Dass er am Ende ausgerechnet von malignen Zellen dahingerafft wurde, denen er selbst in Kultur so manches Geheimnis entlockt hatte, wertete einer seiner Schüler in einem Nachruf als „bittere Ironie“.

Ralf Neumann

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Letzte Änderungen: 24.06.2019

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