Info

„Hör nicht auf Ratgeber und zieh's durch!“

(15.04.2021) 2012 sprachen wir das letzte Mal mit den Thermophorese-Experten von Nanotemper. Wie ist es der Firma in der Zwischenzeit ergangen? Wir fragen nach.
editorial_bild

Info

Info

Alle Infos rund um Pipettieren, PCR und Zellkultur am 09. und 10. Juni. Registrieren Sie sich jetzt kostenlos. mehr

Die beiden Firmengründer und Geschäfts­führer, Biochemiker Stefan Duhr (im Bild links) und Physiker Philipp Baaske, stehen Rede und Antwort. Über Zigaretten­fabriken, Temperatur­schwankungen und Wissen­schafts-gefärbte Namen.

Herr Baaske, Herr Duhr, Laborjournal hat sich bereits 2012 mit Ihnen unterhalten. Damals hatten Sie erzählt, dass Sie nur ein Jahr nach der Gründung bereits erste Geräte für die Protein­charakterisierung mittels Thermophorese verkauft hatten. Zählen Sie noch mit?
Stefan Duhr: Absolut, das ist eine ganz wichtige Zahl. Demnächst knacken wir die 2.000. Das ist ja auch unser Ziel, dass in jedem Labor, das mit Proteinen arbeitet, eines unserer Geräte steht. Für uns beide ist das immer noch ein Teil unserer Erfolgsstory, dass wir so früh verkauft haben. Die ersten Geräte, die Prototypen, waren schwarze Kisten, die wir komplett selbst gebaut hatten. Aber wir haben sie verkauft und Umsatz generiert. So waren wir tatsächlich ab dem zweiten Jahr profitabel.

Info

Gab es denn auch Durststrecken, wo Sie an der Idee und der Firma gezweifelt haben?
Philipp Baaske: Am Anfang haben wir uns von Gerät zu Gerät gehangelt, haben mit dem Gewinn des ersten Geräts die nächsten zwei finanziert. Wenn eigentlich verplante Bestellungen storniert wurden, gab es schon Phasen, wo wir etwas nervös wurden. Aber das Gute ist, dass wir jetzt selten nervös werden [lacht], eben weil wir solche Phasen durchgemacht und gut überstanden haben.
Duhr: Die Leitung einer Firma ist eine Heraus­forderung, denn das Unternehmen ist jedes Jahr anders. Man kann nicht einfach so weitermachen wie immer, wenn man von zwei auf 160 Mitarbeiter wächst. Da gibt es viele Entwicklungs­stufen und Veränderungen.

Veränderungen wie der Umzug aus dem Unilabor in eine eigene Bleibe zum Beispiel. Als ich gelesen habe, dass Sie in München lokalisiert sind, dachte ich: Klar, Martinsried oder Planegg. Aber nein, Sie sitzen in Sendling. Warum das?
Baaske: Das ist einfach ein cooles Industrie­gebäude mit Flair, sehr hohe Räume, ein großer Schornstein davor. Früher war das eine Zigaretten­fabrik von Philip Morris. Und es ist zentral gelegen. Die Infrastruktur, die Martinsried bietet, mit etwa flüssigem Stickstoff oder Labor­ausstattung, brauchen wir nicht. Wir sind natürlich schon ein Life-Science-Unternehmen, aber auch Maschinenbauer, stellen optische Geräte her. Dafür ist hier alles vorhanden.

Info

Sie nutzen in Ihren Geräten das Prinzip der Thermophorese zur Detektion von Wechsel­wirkungen von Molekülen. Was genau ist das?
Baaske: Nehmen wir ein Protein. Das verändert sich, wenn es einen Liganden bindet oder die Konformation ändert. Das kann ich optisch auslesen, indem ich zum Beispiel die Fluoreszenz oder Lichtstreuung messe. Zusätzlich schaue ich, wie so ein Molekül auf eine äußere Störung reagiert, etwa wenn ich mit einem Infrarotlaser heize oder ein Denaturie­rungsmittel wie Urea hinzugebe. Diese äußeren Einflüsse – also Liganden­bindung, Chemie, Temperatur oder auch Zeit – verändern die physikalischen Eigenschaften des Proteins, und das lesen wir aus.

In den vergangenen 10, 15 Jahren gab es in der Nano­technologie gewaltige Entwicklungs­sprünge, etwa beim Imaging. Ist Thermophorese noch zeitgemäß?
Baaske: Es ist ja ein physikalisches Prinzip. Die Technologien, die auf diesem Prinzip basieren, können wir immer wieder anpassen. So ändern sich unsere Geräte, bekommen ein komplett neues Innenleben oder neue optische Mess­einheiten. Wir stehen im engen Kontakt mit unseren Kunden und hören zu, was sie benötigen oder welches Problem sie haben. Dann lösen wir dieses Problem, egal mit welcher optischen Technologie. Wir haben einen „User Experience Engineer“, was ungewöhnlich für unsere Branche ist. Aber wir wollen genau verstehen, was der Kunde braucht. Das führt dazu, dass er ein Gerät bekommt, welches nicht nur robust und elegant ist, sondern genau sein Problem löst. Wir wurden deshalb schon einmal als „Apple des Biotech“ bezeichnet, weil wir eben ein cooles Design haben und viel Wert auf „Usability“ legen. Der Kunde soll sich mit seinen Proben und Experimenten beschäftigen und nicht mit einem Gerät herumärgern.

Wer sind denn Ihre Kunden?
Duhr: Früher haben wir zu 100 Prozent Academia beliefert. Mittlerweile ist die Mehrheit Industrie. Das war auch unser Ziel. Wir sind sehr früh international gewachsen. So haben wir ein großes Team mit über 30 Leuten in den USA, in Boston und San Francisco. Wir haben Mitarbeiter in Peking und Shanghai, also China, sowie Japan und Indien, und Distributoren weltweit.

Das klingt nach einer Erfolgs­geschichte. Wenn Sie zurück­schauen, auf die vergangenen fast 15 Jahre, was würden Sie Ihrem damaligen „Ich“ mit auf den Weg geben?
Baaske: Ich würde früher diese gute Kaffee­maschine kaufen [lacht]. Ansonsten würde ich ihm sagen: Mach‘s genau so noch einmal, hör‘ nicht auf Ratgeber, hab deinen eigenen Kopf und zieh‘s durch.
Duhr: Genau. Das heißt absolut nicht, dass wir alles richtig gemacht haben. Aber aus heutiger Sicht war es richtig, stets offen zu sein, sich selbst zu hinter­fragen oder auch mal Fehler zu machen.

Das klingt schon immer noch sehr nach Wissen­schaftler und weniger nach Unternehmer.
Duhr: Ja, aber so bringen wir es immer auf den Punkt, vor allem auch unseren Mitarbeitern gegenüber. Da ist es besonders wichtig, dass sie sich trauen, Entscheidungen zu treffen. Wenn jemand keine Fehler macht, trifft er keine Entscheidungen. Deshalb muss klar sein, dass Fehler dazugehören.

Zum Schluss: Warum heißt Ihre Firma Nanotemper?
Baaske: Nano war damals sexy. Wir schauen uns optisch Nanometer-große Partikel an, wie sie auf Temperatur­veränderungen reagieren. Daher stammt das „Temper“.
Duhr: Jetzt im Rückblick ist das wohl ein typischer Name, wie ihn sich Wissen­schaftler ausdenken. Wir haben uns damals zusammen­gesetzt und Bausteine geschoben [beide lachen]. Inzwischen ist eine Marke draus geworden. Die Leute sagen: Wir haben den Nanotemper im Labor stehen.

Die Fragen stellte Sigrid März


Steckbrief Nanotemper
Gründung: 2008
Sitz: München
Mitarbeiter: 160
Produkt: Proteincharakterisierung mittels u. a. Thermophorese

 

Weitere Biotech-Firmen im Porträt


- Die Schlossblocker

Die Martinsrieder Eisbach Bio GmbH stellt Tumore mit Helikase-Inhibitoren kalt und entwickelt nebenbei ein Mittel gegen das Coronavirus.

- Punkt für Punkt gegen Corona

Die „theoretischen Enzymologen“ der Grazer Biotech-Firma Innophore modellieren Punktwolken. Damit sagen sie unter anderem die Bindeeigenschaften der Main Protease von SARS-CoV-2 voraus.

- Ackernde Pilzsporen

Evologic Technologies setzt auf Symbiose. Die Wiener Firma produziert Mykorrhizapilze, die sich über das Saatgut aufs Feld bringen lassen.

 




Letzte Änderungen: 15.04.2021

Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie unsere Website benutzen, stimmen Sie damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation