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„Weiter so“ geht nicht

(21.09.2021) Die Deutsche Gesellschaft für Zellbiologie will sich neu aufstellen. Wie tief der Eingriff gehen soll, erklärt ihr Präsident Roland Wedlich-Söldner.
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Erfinden Sie die Deutsche Gesell­schaft für Zellbiologie jetzt neu?
Roland Wedlich-Söldner: Nein, es geht nicht darum, die DGZ komplett umzukrempeln, sondern sie so aufzustellen, dass sie eine bessere Sichtbarkeit in der Wissenschafts­landschaft hat. Es gibt ja eine Vielzahl an Fachgesell­schaften, deutschlandweit und international. Und seit geraumer Zeit, durch Corona verstärkt, sehen wir eine gewisse Konkurrenz zwischen den Gesell­schaften. Wir haben aktuell gut 730 Mitglieder. Die Zahlen gehen langsam zurück, das ist noch kein Problem, aber wir würden sie sehr gern wesentlich steigern: In Deutschland gibt es 2.000 bis 3.000 Zellbiologen. Seit Jahren bemühen wir uns, dass sich unsere Mitglieder doch primär bei uns verortet fühlen, auch wenn sie noch in anderen, breiter aufgestellten Gesellschaften wie bei der American Society for Cell Biology (ASCB) oder der Gesellschaft für Biochemie und Molekular­biologie (GBM) gleichzeitig Mitglied sind. Aber wir sind anscheinend zu wenig sichtbar.

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Wie wollen Sie das ändern?
Wedlich-Söldner: Seit Ende 2020 bin ich Präsident mit drei neuen Co-Präsidiums­mitgliedern. Wir haben – erzwungen durch die Pandemie, aber auch schon länger angedacht – eine digitale Überholung eingeleitet. Wir mussten nämlich feststellen, dass die Rückmeldungen aus der Gesellschaft auf unsere Ankündigungen, beispielsweise zu Tagungen, sehr gering waren. Das gilt auch ganz grundsätzlich: Wir würden uns sehr gern nach den Wünschen und Bedürfnissen unserer Mitglieder richten. Aber dazu müssen wir erst erfahren, welcher Bedarf überhaupt gegeben ist. Wir können natürlich niemanden zwingen, sich zu äußern oder zu engagieren, aber wir können mögliche technische Hürden abbauen und unser Programm leichter zugänglich machen. Durch neue Online- und Vernetzungs­angebote wollen wir wesentlich präsenter und vernetzter werden.

Welche Maßnahmen haben Sie konkret geplant oder sogar schon eingeleitet?
Wedlich-Söldner: Jeder Sonder­forschungsbereich, Schwerpunkt, Excellenz­cluster und jede größere Organisa­tionseinheit in der Wissenschaft veranstaltet Tagungen mit sehr spannenden Programmen und guten Vorträgen, die online jetzt noch einfacher zugänglich sind. Damit konkurrieren wir. Unsere diesjährige Tagung, die im September digital stattfindet, haben wir deshalb völlig neu gestaltet. Bisher deckten unsere Tagungen alle Bereiche der Zellbiologie ab, was zur Folge hatte, dass viele Mitglieder nur zu einzelnen Sessions kamen oder sich gleich gar nicht angesprochen fühlten. Das haben wir nun geändert. Wie zum Teil schon in der Vergangenheit versucht, stellen wir die Tagung unter ein übergeordnetes Thema: Life in Between – „The Cell Biology of Interfaces“. Es geht dabei um die Kommunikation, die zwischen Zellen, zwischen Zellen und ihrer Umgebung oder auch zwischen einzelnen Organellen stattfindet. Das ist ein zwar weit gefasster, aber originär zellbio­logischer Ansatz. Zudem ist es auch ein inter­disziplinäres Thema, an dem Forschende aus der Biologie, Mathematik, Computer­wissenschaft, Medizin, Chemie und Physik arbeiten.
Völlig neu ist zudem, dass wir für die Tagung direkt mit mehreren Forschungs­konsortien kooperieren. Von zwölf Sessions sind sechs zusammen mit SFBs organisiert, die mit Interfaces zu tun haben. Da geht es beispielsweise um die Organisation von Membranen, Kontaktstellen zwischen Organellen, die Lipide ohne Vesikel austauschen können, oder Barrieren zwischen Zellen und Geweben. Auch eine größere internationale Organisation stellt sich mit einer eigenen Session vor, nämlich das Mechano­biologie-Institut aus Singapur. Der Zweck dieser Übung ist eine verstärkte Interaktion unter weitgehend lokal organisierten Konsortien sowie eine erweiterte internationale Bekannt­machung der bereits bestehenden Netzwerke von deutschen Zellbiologen.

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Planen Sie auch Veränderungen innerhalb der Gesellschaft?
Wedlich-Söldner: Ja. Erstmals haben wir Workgroups definiert. Warum? Weil die Zellbiologie sich so stark diversifiziert hat. Früher gab es ja Professuren für Zellbiologie, heute sind das solche für Omics in der Zellbiologie, Stammzell­forschung, Epigenetik, Kernorga­nisation und so weiter. Ich habe in Münster beispielsweise eine Professur für multiskalige Bildgebung in der Zellbiologie, das gab es früher natürlich in dieser Form nicht.

Und die jeweiligen Forscher auf einzelnen Gebieten wollen Sie also in Arbeitsgruppen „bündeln“?
Wedlich-Söldner: Genau. Wir haben zwölf Workgroups definiert, die man in Kürze auf unserer Homepage finden wird. Jeweils zwei oder drei Personen wollen wir als verantwortliche Sprecher für jede Workgroup definieren. Diese können dann ihr Fachkollegium viel besser erreichen als wir vom Präsidium aus.

Wissen diese Personen schon um ihre neuen Jobs?
Wedlich-Söldner: Teilweise haben wir schon Zusagen, mit anderen Forschern müssen wir erst noch sprechen. Ich bin aber zuversichtlich, dass das klappt. Bisher war die Resonanz sehr gut. Wenn das steht, werden wir alle Mitglieder anschreiben und erfragen, zu welchen dieser Workgroups sie sich zugehörig fühlen. Das können auch mehrere sein. Wenn die sich verortet haben, können sie eine Art konstitu­ierende Sitzung abhalten und sich besser kennenlernen. Dann planen wir eine virtuelle Seminarserie, bei der jede Workgroup etwa einmal jährlich als Organisator wirkt. Das ist eine Frequenz, die nicht zusätzlich zu anderen Aktivitäten zu sehr belastet, aber wir erreichen trotzdem eine kritische Masse. Wir stellen uns jeweils vier Vorträge pro Seminartemin vor, wobei jede Karriere­ebene in der Liste der Referenten abgebildet sein soll, also ein Doktorand, ein Postdoc sowie jeweils ein angehender und ein etablierter Gruppenleiter.

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Was möchten Sie damit bezwecken?
Wedlich-Söldner: Für junge Forscher ist eine Exposition innerhalb der relevanten Subgruppe der Wissen­schaftler sehr wichtig. Netzwerke und Mentoring­strukturen für Doktoranden, Postdocs und junge Gruppenleiter sind in Deutschland noch nicht so gut ausgebaut und obendrein vielfach ungenügend ausgestattet. Gerade Postdocs sind ja nur zwei oder drei Jahre an einer Stelle, also immer im Durchlauf. Postdocs stehen aber selten im Fokus, das gilt für alle Wissenschafts­disziplinen. Es gibt ja auch keine spezifische Organisa­tionsform, um sich als Postdoc überregional oder gar international bekannt zu machen und darzustellen. Die Seminare von Workgroups wären zumindest eine Option beziehungs­weise ein Anfang. Zudem bieten wir mit unseren sehr bezahlbaren Mitglieds­beiträgen einen einfachen Zugang zu einer Reihe von Ressourcen der DGZ, vom viertel­jährlichen Newsletter bis zu einer Reihe von renommierten Preisen für alle Karriere­stufen.

Und was, wenn Ihre Mitglieder wenig Begeisterung für diese Idee zeigen?
Wedlich-Söldner: Wenn wir merken, dass ein großer Teil der Mitglieder in einer Workgroup landet, die wir nicht so genau definiert haben oder deren Themen nur am Rande in der Workgroup auftauchen, dann würden wir die noch mal neu definieren. Aber das sehen wir bei der Rückmeldung der Mitglieder. Wir hoffen, dass die Struktur nach zwei Feedback-Runden bei den Mitgliedern dann steht, sodass wir auch eine gewisse Kontinuität erreichen können.

Gab es auch Überlegungen, die Gesellschaft aufzulösen und in die Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie (GBM) zu gehen?
Wedlich-Söldner: Natürlich, das diskutieren wir seit Jahren immer wieder. Viele Zellbiologen – auch ich – sind Mitglieder in beiden Gesell­schaften. Und dagegen spricht auch nichts. Aber sie stellen innerhalb der sehr breit aufgestellten GBM eine zu wenig klar definierte Untergruppe dar – weil die Zellbiologie eben so unglaublich divers ist. Gerade deshalb wollen wir die neuen Arbeits­gruppen innerhalb der DGZ schaffen, die dann wesentlich fokussierter auf die relevanten Themen der Mitglieder eingehen können. Wir möchten natürlich auch weiterhin wie schon seit vielen Jahren auf organisatorischer oder logistischer Ebene mit der GBM zusammen­arbeiten und diese Kooperation gern vertiefen. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel eine gemeinsame Jahrestagung zum Thema Autophagie und Altern organisiert. Aber ein „Weiter so“ mit der DGZ, bis sie sich durch den schleichenden Mitglieder­schwund de facto aufgelöst hat, ginge meines Erachtens nicht. Bevor ich die Präsidentschaft übernommen habe, habe ich mich also gefragt, welche Möglichkeiten es gibt, die DGZ als eigenständige Gesellschaft zu erhalten, und ob es sich lohnt, da einen großen Aufwand zu betreiben.

Und das Ergebnis dieser Überlegung ist ...
Wedlich-Söldner: ... dass wir wirklich viel zu bieten haben und es sich rentiert, als eigenständige Gesellschaft sichtbar zu sein. Denn wir haben eine verbindende Komponente: Eigentlich alle Zellbiologen können sich über eine Technologie definieren – und das ist die Mikroskopie. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sie sich ja enorm weiterentwickelt, von den vielen Varianten der GFP-Markierung über die Super­resolution-Techniken zu den Neuerungen bei der Cryo-Elektronen­mikroskopie. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir beispielsweise auch mit der Gesellschaft für Mikroskopie und Bildanalyse in so engem Kontakt stehen. Gerade die Lebendzell­mikroskopie schafft dabei jenseits der rein technischen Aspekte auch eine ganz eigene zellbiologische Intuition und Heran­gehensweise. Diese „mikroskopische“ Denkweise geht aber in einer großen Gesellschaft wie der GBM als eigenständige Komponente ein wenig verloren. Deshalb wollen wir dies noch prominenter herausarbeiten.
Außerdem haben die neuen, angedachten Strukturen einen Über-Netzwerk-Charakter, der eine Ebene zwischen größeren Gesellschaften und den lokalen Clustern oder Sonder­forschungs­bereichen einführt. Wir hoffen, dass sich unsere Mitglieder davon angesprochen fühlen und dies positiv nutzen können und werden.

Das Gespräch führte Karin Hollricher

Bild: K. Hollricher

Dieser Artikel erschien zuerst in Laborjournal 9/2021.


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Letzte Änderungen: 21.09.2021

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