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Schweiz ohne Tierversuche

(08.11.2021) Das fordert eine Volksinitiative. Ein Erfolg würde sowohl das Gesund­heits­wesen als auch Handelsverträge und natürlich die Grundlagen­forschung treffen.
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Wenn am 13. Februar die Schweizer abstimmen, hält die biomedi­zinische Forschung im Alpenstaat die Luft an. Denn wohl nur selten werden Entscheidungen getroffen, die für sie so weitreichende Konsequenzen haben können wie ein Erfolg der Eidgenössischen Volks­initiative „Ja zum Tier- und Menschen­versuchsverbot – Ja zu Forschungs­wegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt“. Die bereits im März 2019 eingereichte Initiative fordert nicht nur ein bedingungs­loses Verbot von Versuchen an Mensch und Tier, sondern ebenfalls ein Verbot der Einfuhr aller Produkte, die mithilfe solcher Versuche entstanden sind.

Kein Wunder, dass der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der Wissen­schaftlichen Forschung (SNF) alarmiert ist. Wiederholt hat sich der Forschungs­förderer zu Wort gemeldet und in einer Pressemitteilung vom 14. Oktober noch einmal die Befürchtung geäußert, dass ein generelles Verbot von Versuchen mit Tieren und Menschen nicht nur die Möglichkeit, neues Wissen zu schaffen, drastisch einschränken, sondern auch den Wissen­schafts­standort Schweiz gefährden würde. Die Initiative, die von rund 80 Organisationen und Unternehmen unterstützt wird, wurde bereits im Bundesrat – der Schweizerischen Regierung – sowie im Parlament, zu dem der Nationalrat als Volksvertretung und der Ständerat als Vertretung der Kantone gehören, diskutiert. Beide empfehlen die Ablehnung, doch bindend ist letztlich das Votum der stimm­berechtigten Bürger.

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Strenges Tierschutzgesetz

Auf seiner Website bekennt sich der SNF ausdrücklich zur Forschung an Tieren: „Die Erkenntnisse kommen sowohl Menschen als auch Tieren zugute und bilden beispielsweise die unerlässliche Basis für eine spätere Entwicklung neuer Therapien.“ Auch wenn alternative Methoden wie Zellkulturen immer mehr Tierversuche ersetzen können, müssen gerade Medikamenten-Kandidaten, die ganze Organe oder Organ­systeme beeinflussen, nach wie vor an Tieren und später im Rahmen von klinischen Studien an freiwilligen menschlichen Probanden untersucht werden. Auch in der Grundlagen­forschung gibt es komplexe Prozesse wie etwa die Vorgänge im Gehirn, die sich auf absehbare Zeit nicht in der Kulturschale untersuchen lassen werden. Der SNF befürchtet deshalb, dass die Schweiz durch ein totales Verbot von Tierversuchen den Anschluss an die internationale Forschung verlieren würde – schon allein, weil viele betroffene Forscher mit ihren Projekten ins Ausland abwandern würden.

Das Tierwohl hat für den Nationalfonds, der hauptsächlich Grundlagen­forschung fördert, dennoch einen hohen Stellenwert: Bei den geförderten Projekten gelten im Umgang mit Versuchstieren hohe Qualitäts­standards, und erst im Mai wurde im Auftrag des Bundesrats das Nationale Forschungs­programm „Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft“ mit 20 Millionen Franken ausgeschrieben. Die 3R-Prinzipien besagen, dass – wo immer möglich – Tierversuche durch alternative Ansätze ersetzt (replace), die Zahl der Versuchstiere möglichst niedrig gehalten (reduce) und die Tiere möglichst wenig belastet werden sollen (Refine). Zudem verfügt die Schweiz über eines der strengsten Tierschutz­gesetze überhaupt, bei dem die Verwendung jedes einzelnen Versuchstiers bewilligt werden muss.

Widerstand aus der Wirtschaft

Mit ihrer Ablehnung der Initiative steht der SNF nicht alleine da. Auch die Schweizer Hochschulen, die Akademien der Wissenschaften Schweiz und die schweizerische Wirtschaft erwarten negative Auswirkungen auf die medizinische Versorgung und die forschende Industrie, sollte die Initiative Erfolg haben.

Als größter Wirtschafts­dachverband mit 100.000 Unternehmen und zwei Millionen Beschäftigten bezieht economiesuisse deutlich gegen die Initiative Stellung. „Die Annahme der Tier- und Menschen­versuchsverbots­initiative hätte gravierende Auswirkungen – insbesondere auf das Gesundheits­wesen und somit auf die Volksgesundheit“, erklärt Ensar Can, Projektleiter für Wirtschaftspolitik und Bildung bei economiesuisse, und liefert gleich ein konkretes Beispiel: „Wäre die Initiative bereits vor der Corona-Pandemie in Kraft gewesen, hätten wir heute in der Schweiz keinen Corona-Impfstoff. Die Initiative geht so weit, dass sie selbst im absoluten Notfall keine Ausnahmen zulässt. Eine Güter­abwägung wird dadurch verunmöglicht.“

Laut Can hätte ein komplettes Verbot von Tierversuchen auch negative Auswirkungen auf das Tierwohl, da neue Therapien für die Behandlung von Haus- und Nutztieren vor der Anwendung ebenfalls nicht mehr getestet werden dürften. „Aus Sicht der Veterinär­medizin ist dieses Verbot enorm einschränkend.“ Hinzu käme, dass viele Versuche ins Ausland ausgelagert werden würden, in denen die gesetzlichen Regelungen für Tierversuche deutlich weniger streng sind als in der Schweiz.

Verstoß gegen Handelsabkommen

Neben den negativen Auswirkungen auf die forschende Industrie rechnet economiesuisse damit, dass das Importverbot mit dem WTO-Abkommen und anderen Handels­verträgen im Konflikt stünde. „Führt die Schweiz einseitig ein Importverbot ein, dürften andere Länder den Spieß umdrehen: So könnten sie ebenfalls zusätzliche Anforderungen an Importe aus der Schweiz stellen oder diese anderweitig diskriminieren. Dies würde der Schweiz nicht nur auf politischer, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene großen Schaden zufügen.“

Grundsätzlich unterstütze die Wirtschaft aber die verschiedenen Bestrebungen, in der Schweiz Tierversuche zu reduzieren. Dadurch sei die Anzahl der Tierversuche seit 1983 um etwa 75 Prozent gesenkt worden. „In der Schweiz sind Forschende dazu verpflichtet, Tierversuche auf ein Minimum zu beschränken und wenn immer möglich Alternativ­methoden anzuwenden. Leider sind wir aber noch nicht an dem Punkt, wo wir auf Tierversuche gänzlich verzichten können“, fasst Can zusammen und schließt mit deutlichen Worten: „Aus Sicht der Wirtschaft schießt die Initiative deutlich über das Ziel hinaus, weshalb wir sie ablehnen.“

Larissa Tetsch

Bild: AdobeStock/elena


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Letzte Änderungen: 08.11.2021