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Bye-bye, Martinsried

(11.11.2021) Mit Exosomen Krankheiten wie Krebs frühzeitig diagnostizieren – das machen Exosome Diagnostics. Leider nicht mehr von Bayern aus.
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Seit Ende Oktober stehen im Martinsrieder Innovations- und Gründer­zentrum Biotechnologie, kurz IZB, wieder ein paar Laborräume leer. Die Exosome Diagnostics GmbH hat nach rund 10 Jahren ihre Sachen gepackt. Hat packen müssen, denn die Exit-Order kam von der Mutterfirma Bio-Techne, die das Unternehmen erst 2018 für 250 Millionen US-Dollar gekauft hatte. „Bio-Techne, the owner of Exosome Diagnostics GmbH has decided to change the business model for the Exosome-based tests in Europe, and consequently a decision was made to close the Munich IZB-based Exosome Diagnostics lab“, teilt uns der börsen­notierte Biotech-Konzern in einem Statement mit. Betont jedoch ausdrücklich, dass das IZB eine „fantastische Heimat“ für kleine und Start-up-Unternehmen ist.

Die Schließung bedeutet jedoch nicht das Ende von Exosome Diagnostics. Deren Hauptquartier und „Research Lab“ befindet sich in den USA, in Waltham, Massachusetts. In Martinsried, dem europäischen Hauptquartier, sollten die vom Unternehmen entwickelten Diagnostiktests weiter optimiert und für den europäischen Markt aufbereitet werden.

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Flüssige Diagnose

Die Tests beruhen auf einem spannenden Prinzip, das Firmengründer und heutiger CSO Johan Skog 2008 in Nature Cell Biology beschrieb (10(12):1470-6). Im Grunde handelt es sich um eine Flüssigbiopsie, oder neudeutsch: Liquid Biopsy, die viele als Zukunft der Diagnostik betrachten (siehe dazu auch den Essay „Flüssigbiopsie: Ein neuer Hoffnungsträger in der Krebsdiagnostik“ von Natalie Reimers und Klaus Pantel aus LJ 7/8-2020). Denn zur Diagnose von Erkrankungen muss hierbei kein Gewebe entnommen werden, Flüssigkeiten wie Blut oder Urin reichen vollkommen aus. In diesen sucht man beispielsweise nach spezifischen Tumor­markern. Exosome Diagnostics nutzt dabei die Vorteile von Exosomen.

Exosomen sind kleine, circa 30 bis 200 nm große Membran­vesikel mit einer Lipiddop­pelschicht, die die meisten eukaryotischen Zelltypen – seien es Immunzellen, Astrozyten, Stammzellen oder Neurone – bilden. Sie entstehen, wenn multi­vesikuläre Körperchen (oder „late endosomes“) mit der Plasmamembran verschmelzen und freigesetzt werden. Entdeckt wurden die Vesikel bereits in den 1980er-Jahren und auch Laborjournal hat sich mit ihnen in einem „Stichwort des Monats“ bereits beschäftigt. Die Funktionen der Exosome sind vielfältig: sie transportieren, signalisieren und schleusen aus. Das Spannende: ihre Fracht, also Proteine und RNA, ist relativ Abbau-sicher verpackt und, besonders wichtig, lässt eindeutige Rückschlüsse auf die Ursprungszelle zu, von der sie sich abgeschnürt haben.

Früher ist besser

Zum Beispiel von einer Tumorzelle. Und schon sind wir in der Diagnostik. 2008 hatte Firmengründer Skog beobachtet, dass Glioblastoma-Zellen Exosome voller mRNA, miRNA und angiogenen Proteinen abgeben und sich charakte­ristische mRNA-Varianten und miRNAs im Serum von Glioblastoma-Patienten wiederfanden. „Thus, tumour-derived microvesicles may provide diagnostic information and aid in therapeutic decisions for cancer patients through a blood test“, formulierte das Harvard-Team damals. Und Skog nahm die Erkenntnisse zum Anlass, Exosome Diagnostics zu gründen.

Exosome lassen sich aber nicht nur aus Blutproben isolieren, mit Urin und Liquor funktioniert es ebenso. Und es gibt einen weiteren Pluspunkt für die Exosom-Diagnostik: man ist früher informiert als mit anderen Liquid-Biopsy-Methoden. Denn diese nutzen in der Krebs­diagnostik oft zirkulierende freie DNA, cfDNA, als Biomarker. Und der wird erst ins Blutplasma abgegeben, wenn die Zelle apoptotisch oder nekrotisch ist, also recht spät. Die Exosom-Bildung ist jedoch ein aktiver metabolischer Prozess, schreiben Exsome Diagnostics auf ihrer Website, der in wahr­scheinlich allen lebenden Zelltypen stattfindet. Dies ermögliche einen Einblick in frühere Krankheits­stadien – und das nicht nur bei Krebs.

Angenehmer Test

Einen solchen Exosom-Diagnostiktest – den weltweit ersten – hat die Firma bereits 2017 in den USA auf den Markt gebracht, den ExoDx™ Prostate IntelliScore, kurz EPI-Test. Der Test dient vor allem als Entschei­dungshilfe dafür, ob bei Verdacht auf Prostata­krebs eine oft schmerzhafte Gewebe-Biopsie notwendig ist. Der EPI-Test ist demgegenüber weitaus angenehmer – besonders für den Patienten. Aus einer Urinprobe werden Exosome und RNA isoliert, anschließend schaut man sich per qRT-PCR drei Biomarker (ERG, PCA3 und SPDEF) an und berechnet abschließend den Risk Score. Das alles passiert im Firmen-Labor in Waltham, bei Boston.

Für Europa sollte dieser Service eigentlich von Martinsried aus angeboten werden, wie Mikkel Noerholm, der nun ehemalige Head of European Operations, noch im März in einem Interview erklärte: „Bislang war der Test nur in den USA über das CLIA-akkreditierte klinische Labor von Exosome Diagnostics erhältlich. Jetzt bringen wir den Test auf den europäischen Markt als CE-IVD vertriebenen Test, der in klinischen Drittlaboren durch­geführt werden kann. Exosome Diagnostics bietet diesen Test nun von unserem klinischen Labor im IZB an, während wir mit Partner­laboren zusammen­arbeiten, um ihn für Patienten und Kliniken in ganz Europa verfügbar zu machen.“

Kit statt Service

Von diesem ursprünglichen Plan ist man nun offen­sichtlich abgekommen. Das Team am IZB spielt keine Rolle mehr, man überlässt die Durch­führung der Tests vollständig den Partner­laboren. Offiziell heißt es, man sei auf ein rein Kit-basiertes Geschäftsmodell umgeschwenkt, das alle nötigen Reagenzien und Anwendungen beinhaltet und von Drittlaboren eigenständig durch­geführt werden kann. Der Service des IZB-Teams sei nicht mehr nötig.

Noch ist man aber nicht ganz startklar. Man sei jedoch mit einigen „well-known“ Diagnostik-Laboren in Deutschland und Großbritannien bereits in der finalen Vorberei­tungsphase, teilt uns die nun rein US-amerikanische Firma mit. Später soll das Modell dann auch auf Spanien, Italien und andere europäische Länder ausgeweitet werden.

Insgesamt sind 13 Mitarbeiter von der Schließung betroffen.

Kathleen Gransalke

Bild: IZB


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Letzte Änderungen: 11.11.2021