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Nur nicht
bescheiden sein

(12.05.2022) Wer als Forscher mit einem Start-up erfolgreich sein will, muss einiges beachten. Ein Unternehmer und ein Wissenschaftler geben Tipps.
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Nach jahrelanger Arbeit ist es gelungen, einen Biomarker zu identifizieren, der sich hervorragend dafür eignet, eine bestimmte Krankheit zu diagnostizieren. Die Entdeckung hat Potenzial, auch kommerziell. Die Gedanken beginnen zu kreisen: soll ich oder soll ich nicht – eine Firma gründen und von der Wissenschaft in die Wirtschaft wechseln?

Viele Universitäten und andere Forschungs­einrichtungen haben inzwischen Transfer­abteilungen eingerichtet und stehen angehenden Jungunter­nehmern mit guten Ratschlägen und handfester Unterstützung zur Seite. In einem kürzlich veröffent­lichten Beitrag in PLoS Computational Biology geben Tobias Reichmuth und Collin Ewald ebenfalls zehn wertvolle Tipps, nicht nur speziell für „science start-ups“, sondern sogar für „successful science start-ups“ (PLoS Comput Biol, 18(4): e1009982).

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Firmen bauen

Die beiden wissen, wovon sie sprechen oder in diesem Fall schreiben. Reichmuth ist Unternehmer und Investor aus Leidenschaft. Unter anderem ist er beteiligt an Maximon, einem sogenannten Company Builder (siehe dazu auch unseren Beitrag zu ATAI Life Sciences, „Auf dem Therapie-Trip“ vom 09.09.2021). Diese „Firmenbauer“ strecken zunächst ihre Fühler nach Ideen und Entdeckungen mit Goldesel-Potential aus. Um diese Entdeckung herum wird dann aus dem Nichts eine Firma aufgebaut oder eine bereits existierende unterstützt. Maximons Fühler sind bei einem derzeit äußerst angesagten Thema fündig geworden: Longevity, ein langes, gesundes Leben. Erst kürzlich berichteten wir über die neu gegründeten Altos Labs, die mit Milliarden-Budget und allerhand Wissenschafts-Prominenz die Zelluhr per Reprogram­mierung zurückdrehen möchten („Nicht kleckern, sondern klotzen“, LJ Online 21.04.2022).

Auch Collin Ewald beschäftigt sich wissenschaftlich, aber auch kommerziell mit der Alterung. Oder vielmehr der Verlang­samung derselbigen. Ewald ist Professor an der ETH Zürich und leitet dort das Laboratory of Extracellular Matrix Regeneration. Nebenbei ist er Co-Gründer und aktuell wissenschaftlicher Berater bei Avea Life, einer Maximon-Ausgründung. Über Nahrungs­ergänzungs­mittel mit u. a. einem Vitamin-B3-Abkömmling (30 Kapseln für 52 Euro!!, lukrativ in der Tat) soll dem Alterungs­prozess ein Schnippchen geschlagen werden.

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Das 3H-Prinzip

Welche Tipps haben Ewald und Reichmuth nun für Wissenschaftler mit Unternehmer-Ambitionen? Tipp Nummer 1: Das Gründungsteam ist wichtiger als die eigentliche Geschäftsidee. Das heißt, nicht nur Kollegen aus der eigenen Arbeitsgruppe sollten bei der Gründung dabei sein, sondern auch Menschen, die etwas von wirtschaftlichen Zusammen­hängen verstehen, von Marketing und Sales. Optimal, so die Autoren, ist ein wissen­schaftliches Start-up nach dem 3H-Prinzip aufgestellt: ein Hipster, ein Hacker und ein Hustler. Der kreative Hipster ist für die Öffentlich­keitsarbeit zuständig und lässt das Produkt nach außen hin gut aussehen. Der Hacker ist das eigentliche Mastermind, das sich mit der Technologie auskennt, sie weiter­entwickelt und optimiert. Der Hustler schließlich ist der Manager-Typ, bei dem alle Fäden zusammen­laufen und der sich um die nötigen Finanzen kümmert.

Wenn so viele unterschiedliche Welten aufeinander­treffen, ist es wichtig, dass alle miteinander klarkommen. „Proper conversations and frequent communications are vital“, schreiben Ewald und Reichmuth. Auch sollte die Chemie untereinander einigermaßen stimmen, denn gerade in der Anfangsphase sind Überstunden programmiert. Vorteilhaft ist auch, dieselben Langzeit-Ziele zu verfolgen. Das Autoren-Duo vergleicht die Beziehung der Gründer untereinander mit einer Ehe. Kompromisse sind notwendig, es kann aber auch in die Brüche gehen. Nichtsdestotrotz: Wenn das Team harmoniert, so Reichmuth und Ewald, kann man auch mit einer mittelmäßigen Idee erfolgreich sein.

Großzügig planen

Tipp Nummer 2 lautet „hire slow, fire fast“. Besonders am Anfang ist es wichtig, so die Autoren, etwas mehr Zeit in die Rekrutierung neuer Team-Mitglieder zu investieren. Denn passt der Neuzugang nicht ins Team, kann das die junge Firma wertvolle Zeit kosten.

Apropos Zeit. Davon und auch bei den Finanzen sollte man etwas Puffer einbauen, so Tipp Nummer 3. Die Empfehlung der Experten: in der ersten Seeding-Runde doppelt so viel veranschlagen, wie eigentlich benötigt, und ein Jahr und mehr Zeit zusätzlich einplanen. Ständiges Fundraising ist nicht unbedingt notwendig, betonen die Autoren, die begrenzten Ressourcen sollten eher in die Produkt­entwicklung gesteckt werden.

Tipp Nummer 4: die Geschäftsidee muss nicht einzigartig sein. Manchmal ist es einfacher zu schauen, wo sich gerade neue Märkte auftun (siehe Altos Labs und ATAI Life Sciences) und dort mitzumischen.

„Better share than stealth“ lautet Tipp Nummer 5. Ewald und Reichmuth raten dazu, mit der Geschäftsidee nicht hinter dem Berg zu halten, sondern möglichst vielen Menschen davon zu erzählen (natürlich ohne alle technischen Details preiszugeben). So kann die Idee noch weiter reifen. Vielleicht deckt aber auch ein Gesprächs­partner eine bisher unerkannte Schwachstelle auf, die das ganze Konzept über den Haufen werfen könnte – bestenfalls noch vor der Firmengründung.

Zeit ist Geld

Tipp Nummer 6 ist einfach: bring dein Produkt so schnell wie möglich auf den Markt und zu den Kunden. Das geht am einfachsten, wenn man vom Ende her denkt, so die Autoren, und einige andere Dinge erstmal zurückstellt. Wie zum Beispiel, die Namens­findung der Firma oder die Einrichtung der Büros. Auch die Teilnahme an Businessplan-Wettbewerben halten Ewald und Reichmuth für reine Zeitverschwendung: „you are not successful by winning awards, but by generating revenues!“ Sobald das Produkt auf dem Markt ist, kann man es im Nachgang immer noch verbessern und sich über das Design Gedanken machen.

Tipps Nummer 7 und 8 besagen, dass man bei der Produkt­entwicklung nicht auf Input von der zukünftigen Kundschaft hoffen kann (man muss den Markt schon selbst analysieren) und, dass nicht jeder Investor auch gut für die Firma ist.

„Kein Grund für Bescheidenheit“ ist Tipp Nummer 9. Wenn es etwas Positives über die Firma zu vermelden gibt, sollte man das unbedingt kommunizieren. Am besten so häufig wie möglich. Und so blumig wie möglich – ohne dabei jedoch falsche oder ungesicherte Informationen zu verbreiten.

Nobler Beirat

Bescheidenheit kommt auch in Tipp Nummer 10 nicht vor. Warum, so schlagen die Autoren vor, nicht mal Nobelpreis­träger und Industrie-Veteranen fragen, ob sie dem wissenschaftlichen Beirat des Unternehmens beitreten wollen. Große Namen an Bord verleihen dem Unternehmen nämlich Glaubwürdigkeit, so Ewald und Reichmuth. Und das kommt bei Investoren und potentiellen Kunden immer gut an.

Auch wenn man all diese Tipps beachtet, ist Erfolg nicht garantiert, betont das Autoren-Duo. Probieren sollte man es dennoch.

Kathleen Gransalke

Bild: Pixabay/mohamed_hassan


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Letzte Änderungen: 12.05.2022