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„Zum Wohle der
gesamten Menschheit“

(30.06.2022) Dafür forscht laut Statuten die Max-Planck-Gesellschaft. Kooperationen mit dem Tech-Riesen Amazon wollen dabei nicht so recht ins Bild passen.
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Viel liest man in letzter Zeit über PPPs: Public-Private Partnerships. Private Unternehmen sollen dabei Projekte der öffentlichen Hand unterstützen. Ob beim Autobahnbau, dem Bau von norddeutschen Konzerthäusern, bei der Abfallent- und der Wasserversorgung. Nicht immer ist diese Partnerschaft in der Vergangenheit harmonisch verlaufen.

Auch die öffentlich geförderte Wissenschaft tut sich bisweilen mit Privatunternehmen zusammen. Wo sonst kann man theoretisches Wissen so einfach einem Praxistest unterziehen. Kürzlich gab die zum Großteil öffentlich finanzierte Max-Planck-Gesellschaft (MPG) stolz bekannt, dass sie mit dem US-amerikanischen Tech-Konzern Amazon noch stärker zusammen­arbeiten möchte. Man wolle einen gemeinsamen „Science Hub“ gründen. Und zwar in Tübingen, wo auch schon eines von vier Amazon-Forschungs­zentren in Deutschland steht. Es geht dabei, wie könnte es anders sein, um künstliche Intelligenz, die ja auch in den Lebens­wissenschaften eine immer wichtigere Rolle spielt. Und die sich gemeinhin an biologischen Konzepten orientiert. Stichwort: neuronale Netze etc.

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Sicher und vertrauenswürdig?

„Hauptziel dieser Wissenschafts­kooperation ist es, die Forschung in Deutschland in Teilbereichen der Künstlichen Intelligenz (KI), insbesondere Kausalität, Computer Vision und Machine Learning, voranzutreiben, sichere und vertrauens­würdige Konzepte für die Zukunft zu entwickeln und damit den Technologie­standort Deutschland zu stärken“, heißt es dazu offiziell. Im ersten Jahr überweist der Konzern 700.000 Euro für Forschungs­projekte und Nachwuchs­programme an die Max-Planck-Gesellschaft, in den folgenden Jahren soll neu verhandelt werden. „Zudem erhalten Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft die Möglichkeit, in Form einer Nebentätigkeit bei Amazon zu arbeiten.“

Die Vertragsunterlagen sind natürlich nicht öffentlich. Bekannt ist nur, dass „der Rahmenvertrag zwischen den beiden Parteien den Grundstein legt für vereinfachte freie Forschungs­kooperationen, administrative Hürden reduziert und Fragen des geistigen Eigentums regelt.“ Wie genau, bleibt unklar. Beteiligt sind zunächst die Max-Planck Institute für Intelligente Systeme (Tübingen), für Softwaresysteme (Kaiserslautern, Saarbrücken), für Informatik (Saarbrücken) und für biologische Kybernetik (Tübingen).

Interessant an dieser Kooperation ist, dass die MPG in ihren Richtlinien eigentlich ausdrücklich betont: „Wir handeln ehrlich, ethisch und integer. Wir erwarten von allen Gästen und Kooperations­partnern, dass sie die zentralen Werte der MPG in ihrem Handeln berücksichtigen.“ Ist da also Amazon der richtige Partner? Ein Unternehmen, das nicht unbedingt bekannt ist für seine Steuerzahl­moral und faire Arbeits­bedingungen?

Schöner shoppen

Bei einem in der Presse­mitteilung erwähnten Projekt soll es darum gehen, digitale 3D-Abbilder einer Person zu schaffen, „um ihre Größe und Körperform in unterschiedlicher Kleidung schnell zu erfassen“. Das soll das virtuelle Shopping-Erlebnis verbessern. Schauen wir noch einmal kurz in den MPG-Code-of-Conduct: „Es ist unser Auftrag, Grundlagen­forschung auf höchstem Niveau zum Wohle der gesamten Menschheit zu betreiben“. Was genau der gesamt­gesellschaftliche Nutzen eines Online-Püppchens für die virtuelle Kostümierung sein soll? Unklar.

Tun sich Forschungs­institute und Firmen zusammen, geht es meist um Geld. Aber finanzielle Zuwendungen seitens Amazon können hier nicht ausschlaggebend für die Kooperation gewesen sein. Schon im November 2018 hat die Bundesregierung die Strategie Künstliche Intelligenz beschlossen. Einhundert zusätzliche Stellen für KI-Professuren sind bereits geschaffen worden. Dazu kommen Förderprogramme, Kompetenz­zentren etc. Die Politik liebt KI und ist bereit, dafür mehrere Milliarden springen zu lassen (fünf Milliarden sind der letzte Stand).

Was hat der Konzern also Unwiderstehliches zu bieten? Wenig überraschend: Daten. Dem Bayrischen Rundfunk (BR) erzählt MPG-Präsident Martin Stratmann: „Man muss die Datenmengen haben als Testdatensätze, um überhaupt Methoden der künstlichen Intelligenz zu testen. Und wir wissen alle, dass diese amerikanischen Firmen – Amazon gehört da ganz vorne dazu – über Datenmengen verfügen, mit denen man auch wirklich dann solche Rechenmodelle testen kann.“ Daten, die beispielsweise auch über Amazons Sprach­assistent Alexa heimlich aufgezeichnet und verarbeitet werden?

Nicht abhängig machen

Apropos Daten und deren Verarbeitung. Hierzu sagte uns Genomiker Jörn Walter kürzlich Folgendes: „Es ist wichtig, sich hier nicht zu sehr von kommerziellen Interessen und Strukturen abhängig zu machen, denn diese können samt ihrer entwickelten Standards auch schnell wieder vom Markt verschwinden. Wir brauchen nachhaltige und sichere Strukturen.“ Es besteht hier also die Gefahr, dass die an Amazon-Daten-Standards getesteten Rechenmodelle nicht übertragbar sind und man sich dadurch möglicherweise unnötig abhängig macht.

Neben dem Zugang zu Daten kommt auch immer wieder das Argument: man muss ja mithalten können mit den USA und China. Wie man die Amerikaner allerdings mit der Hilfe einer US-amerikanischen Firma schlagen will, bleibt ein Rätsel.

Die Kooperation zwischen Amazon und der MPG ist nicht der erste Versuch von Big Tech, in der Academia Fuß zu fassen. Seit 2011 finanziert Google beispielsweise das Berliner Institut für Internet und Gesellschaft. Facebook unterstützt mit mehreren Millionen Euro das Münchner Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz.

Auch Amazon hat seit Jahren ein eigenes akademisches Programm, die Amazon Scholars. Jeder erfahrene Postdoc kann sich bewerben – Voraussetzung: er oder sie ist an einer Uni oder einer anderen Forschungs­einrichtung beschäftigt. „Hilf uns schwierige technische Herausforderung zu lösen, ohne dein akademisches Institut zu verlassen“, wird gelockt. Allerdings wird man nur genommen, wenn die Expertise und Erfahrung mit den aktuellen „business needs“ übereinstimmt. Auch in Deutschland gibt es Amazon Scholars, darunter Bernhard Schölkopf und Michael Black, die auch im neuen Tübinger Amazon/MPG-Science-Hub Ansprechpartner sind. Weitere Amazon-Gelehrte sind Informatiker Thomas Brox an der Uni Freiburg und Neurowissen­schaftler Matthias Bethge von der Uni Tübingen.

Unklare Nebenbeschäftigung

Brox forscht an der Uni Freiburg unter anderem an TrimBot, einem Roboter, der Rosen und Hecken in Form schneidet, und RatTrack zur Bewegungs­analyse von Versuchstieren. Rund 30 Prozent seiner Arbeitszeit steckt er laut Interview in Amazon-Projekte zur Computer Vision. Wie die Uni Freiburg diese Beschäftigung sieht, haben wir sie gefragt, aber keine Antwort erhalten. Amazon selbst spricht von „employs“, also „angestellt“. Ob und wie die Stelle bezahlt ist, unklar. Wie das geistige Eigentum geregelt ist? Ebenfalls unklar.

Dass Big Tech durchaus zum Wohle der Gesellschaft und Wissenschaft agieren kann, zeigt das Beispiel AlphaFold. Das Struktur­vorhersage-Programm, entwickelt von der Google-Tochter DeepMind, gilt als Revolution in der Proteinforschung.

Wird nun auch die Kooperation zwischen Amazon und der MPG die Forschung zu künstlicher Intelligenz revolutionieren? Zumindest die beteiligten Wissenschaftler, MPG- und Firmenchefs äußern sich begeistert. Viele andere befürchten, auch weil die Rahmen­bedingungen nicht offengelegt werden, dass diese Zusammenarbeit die Wissenschafts­freiheit einschränken könnte und die Grundlagen­forschung ökonomisiert werde. Denn mit öffentlichen Mitteln finanziertes Wissen fließt hier direkt in ein (US-amerikanisches) Privatunternehmen, um (auch) dessen Profitabilität zu steigern. Und das trägt ja nun nicht unbedingt zum Wohle der gesamten Gesellschaft bei.

Kathleen Gransalke

Bild: Pixabay/cloudlynx


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Letzte Änderungen: 30.06.2022