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Peer Review und die
Bewahrung des Status quo

(02.09.2022) Als Gutachter fungieren meist Experten des wissenschaftlichen Status quo. Die Entdeckung von wirklich Neuem kann das mitunter behindern.
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Peer Review hat einige Probleme, das ist bekannt. Eines, das zunächst einmal ganz trivial klingt, ist, dass Peer Review nur dort funktioniert, wo es auch wirkliche Peers gibt. Kann das in den Wissenschaften überhaupt nahtlos der Fall sein? Gibt es tatsächlich immer und überall solche „ebenbürtige Experten“? Ganz sicher nicht.

Fragen wir daher zunächst einmal: Wer ist „Experte“? Klar – jemand, der sich in einem bestimmten Gebiet besonders gut auskennt. Was zunächst bedeutet, dass ein Peer vor allem den Status quo eines Gebietes umfassend kennt. Womöglich hat er bei dessen Etablierung sogar entscheidend mitgeholfen.

Jetzt dreht sich aber Wissenschaft nicht nur um den Status quo. Nicht mal vor allem um den Status quo. Vor allem geht es in der Wissenschaft um das, was jenseits des Status quo liegt. Neue Pfade beschreiten, Licht ins Dunkel bringen, Horizonte erweitern, zu neuen Ufern aufbrechen – das sind die Metaphern, die beschreiben, was vor allem Ziel der Wissenschaft ist. Oder, schlichter formuliert: Neue Erkenntnisse gewinnen.

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Handfest oder Blödsinn?

Das Paradoxon dabei ist nun, dass es da, wo einer erstmals Neuland beschreitet, keine Experten geben kann. Das heißt zwar nicht, dass jeder Experte des Status quo grundsätzlich nicht mehr adäquat bewerten kann, was er von jenseits der bekannten Grenzen seines Gebietes zu hören bekommt. Aber es ist natürlich ungleich schwieriger zu beurteilen, ob jemand tatsächlich Handfestes oder totalen Blödsinn aus absolutem Neuland berichtet. Und da die Experten des Status quo auch gerne Bewahrer des Status quo sind, kippen sie auch mal das Kind mit dem Bade aus, wenn sie vermeintlich allzu abenteuerliche Berichte abschmettern.

Beispiele gibt es genug, wie letztlich richtige Ergebnisse und Schlussfolgerungen teilweise sehr lange brauchten, um sich gegen den „Experten“-Mainstream durchzusetzen: Barabara McClintocks springende Gene, Stanley Prusiners Prionen, die Helicobacter-Geschichte, … – alles Fälle, bei denen die Peers seinerzeit schlichtweg unfähig oder unwillig waren, grundlegend Neues und Richtiges zu erkennen.

Mehr als ein Artefakt

Am schönsten wird dieses Dilemma womöglich jedoch illustriert durch eine Anekdote, die Nobelpreisträger Cesar Milstein gerne erzählte: Bevor er zusammen mit Georges Köhler die ersten monoklonalen Antikörper entwickelte, wollte er Ergebnisse publizieren, nach denen die Segmente der Immunglobulin-DNA für die Bildung spezifischer Antikörper in den B-Zellen rearrangiert werden – ein Ergebnis, welches der damaligen Lehrmeinung, dass chromosomale DNA nicht verändert wird, diametral widersprach. Laut Milstein soll einer der Reviewer daraufhin geantwortet haben, dass er in seinem eigenen Labor schon interessantere Artefakte gesehen habe.

Angesichts all dieser Beispiele ist es kein Wunder, dass der Wissenschaftssoziologe Steve Fuller vor einigen Jahren das Fazit zog: „Peer Review funktioniert bei ‚normaler Wissenschaft‘, hat aber auch die Macht, radikale Ideen zu unterdrücken.“

Ralf Neumann

Illustr.: techinasia.com

 

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Letzte Änderungen: 31.08.2022