Info

Die NatureScienceCell-Krankheit

(16.09.2022) … Es wird höchste Zeit für ein Heilmittel gegen die unverhältnismäßig große Verehrung der vermeintlichen Forschungs-Edelblätter.
editorial_bild

Was ist eine „CNS Disease“? Dem Biomediziner ist’s klar: eine „Central Nervous System Disease“, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Harold Varmus, Ex-Chef der US-National Institutes of Health (NIH), deutete den Kürzel-Begriff indes vor Jahren einmal sarkastisch um – und meinte mit „CNS Disease“ die Krankheit, dass im biomedizinischen Publikationsuniversum die Dreifaltigkeit der Zeitschriften Cell, Nature und Science allzu große, und dazu noch oftmals voreilige Verehrung erfährt.

(Des öfteren spricht man sie ja mittlerweile in einem Wort aus: Naturesciencecell. Oder wie ein US-Kollege einmal spottete:

„Vielleicht sollte man ein neues Wort in die Lexika aufnehmen: naturescienceandcell [ney-cher-sahyuhns-uhnd-sel] – Substantiv: 1. Wissenschaftliche Fachzeitschriften, die Forscher vorübergehend den Verstand verlieren lassen.“)

Info

Ritterschlag?

Die Artikel in „CNS“ machen jährlich weniger als 0,5 Prozent der biomedizinischen Veröffentlichungen aus. Gemessen daran sei der Hype um die Drei völlig überdreht, kritisieren nicht wenige. Zumal diese durchaus selber zugeben, dass sie 90 Prozent ihrer hohen Impact-Faktoren lediglich etwa einem Bruchteil ihrer Artikel verdanken, die ultrahoch zitiert werden. Der Großteil dagegen wird allenfalls „normal“ zitiert, ein gutes Fünftel gar überhaupt nicht. Dennoch gilt völlig undifferenziert jegliche Veröffentlichung in Naturesciencecell per se als wissenschaftlicher Ritterschlag.

Dieses Missverhältnis in der Wahrnehmung von Naturesciencecell versus andere Zeitschriften illustriert unter anderem auch folgendes Beispiel, das der englische Physiologe David Colquhoun vor einiger Zeit folgendermaßen referierte:

„Colquhoun & Sakmann (1981) wurden [...] 278 Mal zitiert. Es handelt sich um einen drei Seiten langen ‚Letter to Nature‘, in dem wir einen ersten Versuch beschrieben, die Feinstruktur des Durchgangs eines Ionenkanals zu interpretieren. Er war nicht schlecht, aber da Nature-Paper so kurz sind, können diese meist nicht als wirkliche Veröffentlichungen angesehen werden. Vier Jahre später veröffentlichten wir die komplette Arbeit umfassend im Journal of Physiology (Colquhoun & Sakmann, 1985). Sie stellte auf 57 Seiten das Ergebnis von sechs Jahren Arbeit vor – und wurde 565 zitiert.“

Kaum Grundimmunität

Nochmals das Zitat: „Da Nature-Paper so kurz sind, können diese meist nicht als wirkliche Veröffentlichungen angesehen werden.“ – Auch wenn das Gleiche zwar für Science, weniger aber für Cell gelten kann: Colquhoun scheint folglich großteils immun gegen die „CNS Disease“. Offenbar sind das aber weiterhin nur wenige. Varmus’ damalige Forderung dürfte daher für den großen Rest auch heute noch gelten:

„Wir brauchen dringend ein Heilmittel gegen die CNS-Disease.“

Ralf Neumann

(Illustr.: LJ)

 

Weitere Artikel zum Thema "wissenschaftliches Publizieren":

 

- Pimp Your Paper!

Aus den "Einsichten eines Wssenschaftsnarren": Sie wollen aus den Resultaten irrelevanter oder schlecht designter Studien einen Artikel stricken? Kein Problem, unser Narr hat die richtigen Tipps für Sie ... 

 

Manuskript verbessern?  – Muss nicht wirklich sein!

Die Forderungen der Gutachter zur Revision meines Manuskripts einarbeiten? Dann schick' ich es lieber unverändert zu einem anderen Journal 

 

Was man beim Publizieren so erleben kann ...

Wie ein Verlag partout nicht zugeben wollte, dass er bei einem Manuskript einen Fehler gemacht hatte – und damit bewusst riskierte, den Ruf der Autoren zu beschädigen ... 

 

 



Letzte Änderungen: 09.09.2022