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Skandal in Berlin: Forscher verlangt mehr Gehalt als braver Kommunalpolitiker!

Angesichts der Aufregung, welche die missglückte "Rückführung" des deutschen Forschers Tom Tuschl verursacht hat, fragt sich LJ-Autor Winfried Köppelle, wieviel Geld ein Forscher in Deutschland denn verdienen darf.

(9. März 2009) 130.000 Euro. Soviel wollte Tom Tuschl, Laborleiter an der New Yorker Rockefeller Universität, als Jahresgehalt in Berlin bekommen. Der Freie Universität Berlin versucht seit zwei Jahren, den prominenten Exildeutschen zurück in die Heimat und an ihre Hochschule zu locken (siehe untenstehendes Editorial "Touche für Tuschl" (http://www.laborjournal.de/editorials/365.html) sowie ein erhellendes Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Februar 2009 (http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/294/459932/text).

Doch die Gehaltsforderung Tuschls war zuviel für den FU-Präsidenten Dieter Lenzen. Empört gab er unlängst zu Protokoll, der Bewerber Tuschl habe sich mit dieser Forderung "unmöglich gemacht". Tuschl hätte ja mehr verdient als der, jawohl, Wissenschaftssenator!, habe Lenzen beklagt. So berichtet die Berliner Morgenpost in ihrer Ausgabe vom 5. März 2009.

Mehr als der Berliner Wissenschaftssenator will Tuschl also? Also wirklich! Ein starkes Stück.

"Unmöglich" gemacht?

Der Senator, um den es geht, heißt E. Jürgen Zöllner und hat bis 1969 in Freiburg Medizin studiert, danach promoviert und 1975 habilitiert. Danach war Zöllner für ein paar Jahre Professor für Physiologische Chemie in Mainz.

Senator Zöllner hat in seinen 14 Jahren als forschender Mediziner (zwischen 1971 und 1985) atemberaubende 32 in der Medline gelistete Publikationen veröffentlicht (zu finden unter dem Suchbegriff "zollner ej"), zumeist in so bedeutenden Weltklassejournalen wie Acta Neurochirurgica, Zeitschrift für Naturforschung oder Andrologia.

Mitte der 1980er Jahre gab Zöllner die Forschung auf und wechselte in die (Uni)verwaltung. Danach wurde er Politiker.

Zuviel gefordert?

Tom Tuschl hat in seinen bisher 16 Jahren als Forscher (zwischen 1993 und 2009) 85 Paper veröffentlicht (im Medline-Suchkasten "tuschl t" eingeben). Die überwiegende Zahl dieser Paper erschien in so unbedeutenden Randjournalen wie Cell (4 Publikationen), Nature (9x), Science (5x), PNAS (3x), RNA (8x), Nucleid Acids Research (7x), New England Journal of Medicine, PloS Biology, Nature Biotechnology und Nature Methods (je 1x).

Tuschl hat 2002 nebenbei eine Firma mit inzwischen 130 Mitarbeitern mitgegründet, in die der Roche-Konzern vorletztes Jahr 330 Millionen Dollar investiert hat und die Medikamente gegen Infektionskrankheiten und Krebs entwickelt, und war als Nobelpreiskandidat im Gespräch.

Woran misst man Qualität?

Sie, lieber Leser, mögen jetzt vollkommen zu Recht einwenden, dass man jemanden wie Senator Zöllner, der nach ein paar Jahren mittelmäßiger Forschung in die Politik gegangen ist und dort seine Zeit hauptsächlich damit verbringt, in Konferenzen herumzusitzen und für seine regelmäßige Wiederwahl zu sorgen, nicht an der Zahl seiner wissenschaftlichen Publikationen messen darf.

Recht haben Sie!

Jemanden wie Zöllner sollte man ganz bestimmt nicht mit einem international geschätzten Spitzenmann wie Tom Tuschl vergleichen, dessen Anwesenheit in Berlin unter Garantie weitaus mehr wert wäre als die vergleichsweise moderaten 130.000 Euro, die er als Gehalt verlangte ...

... und der, was FU-Präsident Lenzen wohlweislich verschweigt, vor allem erst mal seinen vier derzeitigen Laborleitern von der Rockefeller-Uni Dauerstellen in Berlin verschaffen wollte - was die dortige FU bzw. deren Boss Lenzen jedoch kategorisch ablehnte.

Winfried Köppelle

P.S.: Tuschl wollte 130.000 Euro. Was verdient eigentlich ein "normaler" Professor in Deutschland? - Das kommt darauf an. Nicht-Mediziner erhalten in der Besoldungsstufe C4 je nach Dienstalter ein Grundgehalt zwischen 50.000 und 75.000 Euro; Chefärzte an Unikliniken sacken (nach einer Studie von 2006) durchschnittlich zwischen 235.000 und 300.000 Euro ein.

P.P.S.: Wir haben übrigens auch versucht, herauszufinden, was Senator Zöllner verdient, und am 5. März eine diesbezügliche Anfrage an Zöllners Berliner Büro gestellt. Doch dort hält man augenscheinlich nichts von Transparenz: Bis dato (23. März) hat man unsere Anfrage nicht beantwortet.

Der (unabhängige und gemeinnützige) Bund der Steuerzahler (www.steuerzahler.de) war dagegen wesentlich auskunftsfreudiger als die Berliner Bürokraten: Senator Zöllners Bruttobesoldung dürfte laut BdSt bei etwa 130.000 Euro jährlich liegen. Wir danken dem BdSt/Landesverband Berlin ganz herzlich für die unkomplizierte und schnelle Auskunft!




Letzte Änderungen: 19.04.2009
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