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Forschungsskandal in der Schmerztherapie

Schockwellen erschüttern die Schmerzforschung. Der amerikanische Anästhesist Scott Reuben soll in den vergangenen Jahren zahlreiche Veröffentlichungen gefälscht haben. Diese hatten auch Einfluss auf Behandlungsleitlinien in Deutschland.

(26. März 2009) Scott Reuben vom Baystate Medical Center in Springfield, Massachusetts, USA, soll zwischen 1996 und 2008 in 21 Veröffentlichungen in Anästhesie-Zeitschriften Daten erfunden haben. Außerdem soll er zwei seiner Studien ohne Genehmigung des Krankenhauses durchgeführt haben. Zur Zeit ist der Schmerzforscher beurlaubt. Seine Anwältin sagte gegenüber Scientific American, Reuben bedauere all dies sehr. Die beanstandeten Artikel erschienen unter anderem in den Zeitschriften Anesthesiology, Anesthesia and Analgesia und im Journal of Clinical Anesthesia.

Reuben empfahl nach orthopädischen Operationen eine Schmerztherapie mit Cox-2-Hemmern wie Mercks Vioxx oder Pfizers Bextra und Celebrex in Kombination mit den Pfizer-Medikamenten Neurontin oder Lyrica. Durch den Einsatz mehrerer Methoden zur Schmerzlinderung sollen die Nachwirkungen von Operationen leichter beherrschbar sein und die Genesung beschleunigt werden. Zudem ließe sich so die Verwendung von süchtig machenden Morphinen einschränken.

Reuben erhielt von Pfizer zwischen 2002 und 2007 Forschungsgelder und hielt Vorträge über Medikamente dieser Firma. Pfizer weist jede Beteiligung an den unter Verdacht geratenen Veröffentlichungen zurück.

Die Zeitschrift Anesthesia and Analgesia zog inzwischen zehn von Reubens Veröffentlichungen zurück, die Zeitschrift Anesthesiology drei. Gegen Reubens Koautoren werden keine Vorwürfe erhoben. Evan Ekman, Orthopäde aus Columbia, South Carolina ist laut PubMed zwischen 2005 und 2007 auf vier Veröffentlichungen Reubens als Koautor aufgeführt. Ekman sagte gegenüber Anesthesiology News, dass er bei zwei inzwischen zurückgezogenen Veröffentlichungen gar nicht beteiligt gewesen sei. Das hätte ihm allerdings schon früher auffallen können. Die PubMed ist immerhin öffentlich zugänglich. Waren diese zusätzlichen Veröffentlichungen bisher etwa karrierefördernd ? Man kann sich auch fragen, weshalb den Peer Reviewern so lange nichts aufgefallen ist. Vielleicht waren sie zu vertrauensselig, zu überlastet oder einfach zu faul. Möglicherweise waren sie in einem Interessenkonflikt befangen oder wollten den prominenten Kollegen nicht vor den Kopf stoßen. Doch spielt beim Peer Reviewing auch Vertrauen eine Rolle. Schließlich ist der Peer Reviewer an der Durchführung und Zusammenstellung der eingereichten Forschungsarbeit nicht beteiligt. Ob die dargestellten Experimente tatsächlich durchgeführt wurden, kann er nicht beurteilen vor allem wenn die Darstellung geschickt gefälscht wurde und plausibel ist. Wie auch immer: Reuben flog nicht durch einen aufmerksamen Peer Reviewer auf, sondern weil die Ethikkommission bei zwei Studien eine fehlende Zustimmung monierte. Die Paralellen zum Innsbrucker Urologie-Skandal sind unübersehbar (siehe „Die Innsbruck-Affäre“ auf dieser Netzseite)Steven Shafer, Chefredakteur von Anesthesia and Analgesia befürchtet, dass die wissenschaftliche Literatur im betroffenen Gebiet der Schmerzforschung neu auswertet werden muss. Möglicherweise müssten klinische Studien wiederholt werden. Insbesondere ist fraglich, ob die von Reuben empfohlenen therapeutischen Anwendungen wissenschaftlich fundiert sind. Möglicherweise wird die Heilung nach orthopädischen Eingriffen durch seine Therapieempfehlungen sogar verlangsamt. Im Gegensatz zu Reuben berichten andere Studien, dass Cox-2-Hemmer die Knochenheilung hemmen können (siehe beispielsweise Vuolteenaho K et al. Basic Clin Pharmacol Toxicol. 2008 102(1):10-4).

Winfried Meißner, Leiter der Schmerzambulanz der Uniklinik Jena, äußerte im Spiegel, jeder Schmerztherapeut kenne Reubens Arbeiten. Im Mai 2007 seien Reubens Ergebnisse in die Behandlungsleitlinien eingeflossen, die sicher stellen sollen, dass Patienten nach dem Stand der Wissenschaft optimal nach einer Operation versorgt werden. In der Regel dauert es jedoch Jahre, bis die Leitlinien in den Kliniken allgemeine Verbreitung finden. Die neuen Leitlinien zur Akutschmerztherapie seien auch sofort durchforstet worden und alle Hinweise auf Reuben würden gelöscht, so Edmund Neugebauer in Zeit Online. Neugebauer ist Mitherausgeber der Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS). Der Vizepräsident der DIVS, Marcus Schiltenwolf urteilte in Zeit Online, kaum ein Patient sei wegen Reuben grundsätzlich falsch behandelt worden.Nach der Einschätzung von Paul White, Herausgeber von Anesthesia and Analgesia, haben die unter Fälschungsverdacht geratenen Studien den Herstellern von Cox-2-Hemmern Umsätze von Milliarden Dollars beschert. Meißner von der Uniklinik Jena forderte im Spiegel „pharmaunabhängige Möglichkeiten, neue Medikamente eingehend zu überprüfen“. Die konsequente Durchsetzung eines wissenschaftlichen Ethos in der medizinischen Forschung käme billiger.Bettina DupontQuellen: Anesthesiology News, iht, Scientific American, Der Spiegel, Zeit Online



Letzte Änderungen: 22.04.2009
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