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Kutscheras Heimspiel

Im Rahmen der Freiburger Ringvorlesung "200 Jahre Charles Darwin: moderne biologische Erkenntnisse zur Evolution" sprach am Montag, den 27. April, Ulrich Kutschera zum Thema "Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte".

(28. April 2009) Dass die Evolution eine Tatsache ist, war dem Laborjournal-Reporter eh klar und was Darwin (1809-1882) nicht gewusst hatte, schien ihm uninteressant, aber er dachte sich, es sei eine gute Idee, Herrn Kutschera zu diesem Anlass eines der neuen "Evoluzzer"-Leibchen (siehe LJ-Shop) zu überreichen. Also machte er sich auf zum Großen Hörsaal der Biologie I. Der Raum war voll besetzt. Doch waren die meisten Köpfe grau. "Das sieht ja aus wie bei Tanzteem im Kurhaus Bad Krozingen", meinte Redaktionsassistentin Riha, die mitgekommen war. "Vielleicht sind das ehemalige Studienkollegen von Kutschera", spekulierte der Reporter, "viele tragen ja 'nen Lehrerbart". Denn der Moderator hatte gerade verkündet, dass Kutschera, 1955 in Freiburg geboren, zuerst Biologie auf Lehramt studiert habe. Er habe jedoch 1980/81 im Fach Zoologie bzw. Evolutionsbiologie bei Günther Osche Diplomarbeit gemacht. Osche habe ihm dann von der Evolutionsbiologie abgeraten, weil diese in Deutschland ein brotloser Beruf sei. Kutschera hat über Stanford, Michigan, Bonn und Kassel dann doch zur Evolutionsbiologe gefunden. Seit 2001 hat er dafür einen Lehrauftrag.

Jetzt also steht er unten vor dem Mikrofon will über Evolution reden und - natürlich - das Mikrofon funktioniert nicht. Das Problem wird gelöst und Kutschera legt los. Wider Erwarten wird der Reporter gefesselt. Hier einige Perlen:

Darwin habe auf Anraten seines Vaters zwar Theologe studiert, habe aber dennoch ein vollwertiges Biologiestudium absolviert. Darwins Konkurrent Alfred Russell Wallace sei der originellere Denker gewesen, aber der schlechtere Publizist und zudem Esoteriker. Hier ließ Kutschera nicht den geringsten Zweifel obwalten, was er von Spiritisten hält, und dass Wallace daher zu Recht das Rennen gegen Darwin verloren habe. Darwin sei publizistisch vorsichtig gewesen, so habe er in seinem Buch On the Origin of Species aus taktischen Gründen nur vom Schöpfer und der Schöpfung gesprochen (das Wort Evolution kommt darin gar nicht vor) nur in Privatbriefen habe er seine wahre Meinung kundgetan. Darwin habe zur Evolution fünf Theorien aufgestellt:

- Evolution sei ein realhistorischer Prozess

- gemeinsame Abstammung der Lebewesen

- Gradualismus, d.h. die Arten verändern sich nicht schlagartig

- Verfielfachung der Arten

- Selektion (insbesondere sexuelle Selektion)

In allen Theorien habe Darwin im Prinzip recht gehabt, in Details habe er sich geirrt. Darwin habe jedoch nicht gewusst, dass bei der Selektion neben der Kompetition auch die Kooperation eine Rolle spiele. Dem biologischen Altruismus sei er ratlos gegenüber gestanden. Auch von seinem Zeitgenossen Mendel (1822-1884) habe Darwin nichts gewusst. Einen festen Artbegriff habe Darwin auch nicht gehabt und die Bakterien und Einzeller (bis zu 80 Prozent der Biomasse der Erde) habe er ignoriert.

Darwins Leistung für die Biologie sei keineswegs beschränkt auf die Evolutiontheorie. So sei er ein anerkannter Taxonom gewesen und habe 16 Bücher geschrieben. Darwin habe Bedeutendes über die Rankenfusskrebse, die Urzeugung, Geologie der Vulkaninseln, Tierpsychologie, Entwicklungsbiologie der Pflanzen, Blütenbiologie, Korallenriffe etc. veröffentlicht. Das letzte Buch Darwins handele von den Regenwürmern. Darin weise er die Intelligenz dieser Tiere nach: schneidet man z.B. Blätter in Dreiecke, fasst sie der Regenwurm am spitzen Ende, um sie in sein Loch zu ziehen.

Darwin habe mit seiner Cousine Emma, geb. Wedgwood, zwei begabte Naturwissenschaftler in die Welt gesetzt: Georg Howard, Astronom und Mathematiker, habe die Abspaltungstheorie des Mondes von der Erde erfunden, Francis Darwin habe am Phototropismus der Pflanzen gearbeitet. Insgesamt hatte Darwin zehn Kinder.

Kutschera redete über dies und noch viel mehr eine knappe Stunde und sie verflog wie fünf Minuten. Obwohl Kutschera eigentlich darüber reden wollte, was Darwin nicht wusste, war hinterher eines klar: es dürfte schwer sein einen glühenderen Bewunderer Darwins zu finden als den Ulrich Kutschera.

Nach dem Vortrag gab es eine Pause von fünf Minuten. Danach folgte die Diskussion. Etwa die Hälfte der Hörer blieb. Einer meinte, man müsse bei der Evolution auch epigenetische Phänomene berücksichtigten. Kutschera entgegnete, darin kenne er sich zu wenig aus, er könne vorläufig keine Schlussfolgerungen ziehen. Dann ist Schweigen im Saal und der Moderator fragt: "Alle wunschlos glücklich?"

Einer ist es nicht. Rudolf Hausmann, emeritierter Freiburger Biologie-Professor und Genetik-Lehrbuch-Autor, meldet sich mit folgendem Einwand (sinngemäß): Kutschera behaupte, die Evolution sei eine Tatsache. Da müsse man vorsichtiger sein. Rein theoretisch könne in Einzelfällen ein "Schöpfer" eingegriffen haben.

Kutschera entgegnet, da müsse er massiv widersprechen. Diesen Einwand habe er in seinem Buch "Streitpunkt Evolution" auf mehreren Seiten widerlegt. Evolution sei Tatsache. Kutschera zählt einige Belege auf.

Hausmann: "Gibt es Wunder?"

Kutschera: "Ein Naturwissenschaftler schließt Wunder aus."

Hausmann: "Man kann keine Wunder ausschließen."

Kutschera zuckt die Schultern und gibt auf. Dies, so der Eindruck des Reporters, um keinen Eklat zu provozieren.

Die Hörer eilen Kutschera zu Hilfe. Karl Friedrich Fischbach, einer der Organisatoren der Ringvorlesung, bringt einen Vergleich mit dem römischen Reich. Auch das existiere nicht mehr und auf seine Existenz könne nur aus Artefakten geschlossen werden und doch zweifele wohl niemand, dass die Römer existiert hätten. Ein Student, der Reporter hält ihn nach Haarschnitt und Argumentation für einen Theologen, sagt (sinngemäß), die Evolution müsse schon deswegen richtig sein, weil man sonst annehmen müsse, Gott sei fies. Gott täusche aber nicht willentlich. Er verstecke nicht Millionen von Fossilien im Boden, nur um die Forscher zum Narren zu halten. Ganz oben steht schließlich eine junge Frau auf und meint entrüstet (sinngemäß), es sei ein Unverschämtheit, einfach irgendwelche Eingriffe irgendwelcher imaginärer Schöpfer zu postulieren. Wer so etwas tue habe gefälligst auch Belege dafür zu liefern. Behauptungen in die Welt setzen ohne den geringsten experimentellen Beleg sei nicht statthaft. Sie bekommt Beifall (auch vom Reporter).

Hausmann versichert, er wolle nicht den Eindruck erwecken, dass er an Wunder oder Schöpfer glaube. Es gehe ihm um die theoretische Möglichkeit, um ein philosophisches Problem. Die Evolutionstheorie sei zwar in sich schlüssig, das sei aber kein Beweis für die Abwesenheit von Wundern. Zudem könnten Religiöse die Behauptungen Kutscheras arrogant finden.

Kutschera kontert, dass es keinen Anlass gäbe an Wunder zu glauben. Natürlich könne man postulieren, dass in der Dampfheizung Zwerge durch Dauerlaufen Wärme produzieren, aber was bringe das? Das führe letztlich in die Beliebigkeit und ins Nirwana. Und was die Arroganz betreffe: Arrogant fände er die Verlautbarungen des Papstes zur Evolutionstheorie.

Das war es dann, es meldete sich keiner mehr. Klarer Sieg für die Evolution. Der Reporter hofft, dass Kutschera zum nächsten Vortrag im Evoluzzer-Leibchen erscheint. Es würde zu ihm passen.



Hubert Rehm



Letzte Änderungen: 13.05.2009
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