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Journalismus intern: Es bleibt Schwierig

Wie kommen wissenschaftliche Erkenntnisse in die Medien? Welche Themen interessieren die Leser? Woran erkennt man beim Recherchieren einen guten Experten? Wie verkauft ein freier Wissenschaftsjournalist seine Beiträge an die Redaktionen? Deutschsprachige Wissenschaftsjournalisten, Redakteure und Mitarbeiter von Pressestellen trafen sich im November in Bremen auf der sechsten „WissensWerte“, einem Forum für Wissenschaftsjournalismus.

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(24. November 2009) Die Teilnehmer hatten die Wahl zwischen 25 Präsentationen, Workshops und Podiumsdiskussionen mit insgesamt mehr als 80 Referenten.

Die neuen Medien haben den Weg von der Bench in die Öffentlichkeit verkürzt. Die Podiumsdiskussion zum Thema „Science und social media“ eröffnete Marc Scheloske, leitender Redakteur von Scienceblogs.de, mit seinem Überblick über die Wissenschaftskommunikation im Internet. Zur Erklärung: "Social media" sind Webseiten, wie Twitter, Facebook, Xing, YouTube, usw., kurz alle Seiten, auf denen die Kommunikation nicht nur in eine Richtung verläuft.

Während der Diskussion zeigte sich, dass zwar jeder bei den „social media“ mitmischen will, aber viele Redaktionen gar nicht damit umgehen können – oder wollen.

Beispiel WDR: In einer TV-Sendung am 19. November 2009 deckte ein Journalist auf, dass die Pharmaindustrie jahrelang verhindert habe, dass eine Salbe, die angeblich Neurodermitis heilen könne auf den Markt kommt. Angeblich um alte "teure" Präparate weiterhin gut verkaufen zu können. Ein Skandal!

Oder?

Regividerm, so der Name der Wundersalbe stand zwei Wochen später, wie durch Gottes Hand in den Regalen der Apotheken. Etwa zur gleichen Zeit erschien das Buch des TV-Journalisten, Titel: "Heilung unerwünscht" – Honi soit qui mal y pense! (Mehr dazu)

Zurück zum Thema "social media". Abgesehen davon nämlich, dass die tolle Salbe keine Wunder bewirkt, war nämlich beim WDR alles in die Hose gegangen, was in dieselbe reinpasst. Anstatt auf Kritik zu reagieren, löschte die Redaktion schlicht alle kritischen Kommentare von der Internetseite – wohl in dem Irrglauben, das Internet würde den Mantel des Vergessens darüber breiten. Fazit der Kölner Medienjournalistin Ulrike Langer: Man sollte die Kommunikation im Internet schon suchen, sollte aber ebenso bereit sein, auch Kritik zu ertragen und auf den eigenen Seiten zuzulassen.

 

Gerd Antes aus Freiburg erklärte, woran man gute Experten erkennt, und wie schwierig es ist, eine unabhängige Meinung zu bekommen. Es sei die Regel und nicht die Ausnahme, dass Wissenschaftler mit der Industrie verbandelt sind, und die übrigen spekulierten vermutlich gerade auf einen Lehrstuhl und wollten sich daher mit ihren Aussagen nicht zu weit vor wagen. Daher solle man nach Experten im Ausland suchen, die weniger Scheu haben, ihre Ansichten in der deutschen Presse zu vertreten.

Gegen Ende der zweitägigen Konferenz gab es noch einen Workshop, bei dem freie Journalisten aus dem Publikum ihre Themen vorschlagen konnten. Auf dem Podium saßen drei Redakteure, die begründeten, welche Beiträge sie nehmen würden und welche eher nicht. Das Angebot war gut gemeint, wurde aber vom Publikum nur zögerlich angenommen, da nicht jeder seine aktuellen Recherchethemen vor der versammelten Konkurrenz ausposaunen wollte. Daher blieb es bei theoretischen Anfragen. Neben einigen, deren Antwort offensichtlich sein müsste, wie „Macht es einen schlechten Eindruck, wenn ich eine Rundmail an mehrere Redaktionen mit meinem Artikelangebot schreibe?“ (ja) und „Sind Sie an einem Beitrag darüber interessiert, dass Luxemburg 200 Millionen Euro in einen Technologiepark investieren will?“ (nein) gab es interessante Einblicke in die Kriterien, nach denen sich Redakteure für oder gegen Beiträge entscheiden. Wichtig ist etwa, ob sich dazu eine Geschichte erzählen lässt, ob das Thema gut zu bebildern ist, oder ob über die zentrale Aussage gestritten wird. Lehnt das anvisierte Medium einen Vorschlag ab, muss der Journalist nicht gleich an seinem Instinkt zweifeln. So schmetterte Michael Brendler, Redakteur bei der Badischen Zeitung, das aktuelle und interessante Thema „Offshore-Windparks in der Ostsee“ mit der lapidaren Begründung ab: „zu norddeutsch“.

 

Julia Offe

 

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Hanns Joachim Friedrichs †

 

 



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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