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"... mit Erfolg in die Seele ebranntmalt!!!"

Hermann Müller – wie vor 130 Jahren provoziert er noch immer

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(30. November 2009) Im Frühsommer dieses Jahres fand in der Zentralbibliothek der TU Dortmund eine Ausstellung zu Hermann Müller (1829-1883) statt. Dieser prominente Frühdarwinist war Lehrer an einem Realgymnasium in Lippstadt und provozierte durch seine Behandlung der Evolutionstheorie – des „Darwin-Haeckelschen-Entwickelungsgedankens“, wie man damals sagte - 1877 in Lippstadt einen handfesten Skandal, der, angeheizt von den beiden großen Konfessionen („Nehmt eure Kinder in acht!“) letztlich sogar im Reichstag behandelt wurde (vgl. Laborjournal 5/2009).

Zumindest teilweise führte die Auseinandersetzung damals dazu, dass der Biologieunterricht, für den Müller einen exemplarischen Lehrplan entworfen hatte, bis etwa zum ersten Weltkrieg wieder aus der Schule verbannt wurde.

 

Die Ausstellung in Dortmund, die zusammen mit dem Ostendorf-Gymnasium in Lippstadt, Müllers ehemaliger Schule, veranstaltet wurde, würdigte den Evolutionsbiologen, den Blütenökologen und Briefpartner Charles Darwins,  den beliebten Lehrer und wichtigen Pädagogen. Damit hätte es angesichts des 125. Todestages des in Lippstadt vor 130 Jahren als „Affen-Müller“ denunzierten Mannes ja genug sein können – wenn nicht das Gästebuch der Ausstellung  gewesen wäre.

 

Wie man auf der Homepage der TU Dortmund nachlesen kann, wurde dieses mit unsachlichen bis unflätigen Stellungnahmen vollgekritzelt, deren Rechtschreibung oftmals tiefgreifende Defizite erkennen ließ: Da wird befürchtet, dass der „Glaube in Vergessenheit geräht“, dass der Evolutionsgedanke „unserem Ursprung von Adam und Eva wiederspricht“, dann ist Darwin einmal ein  „intelligenter Hurensohn“  oder – wie war das noch mal 1877? – ein „Affe“. Viel hat sich anscheinend nicht geändert!

 

Das Problem liegt wohl weniger an den Hochschulen, sondern an der Schulbildung, wie Untersuchungen des Biologiedidaktikers Dittmar Graf aus Dortmund aus den Jahren 2006/07 erkennen lassen. So haben viele Abiturienten aufgrund der Marginalisierung dieser zentralen biologischen Theorie in der Schule in der Regel nur ungenaue Vorstellungen davon, bzw. lehnen sie schlankweg ab: in Deutschland lagen die Zahlen zwischen 7,7 % (mit LK Biologie), 17% (nur GK Biologie) und 29% (kein Biologieunterreicht in den letzten Schuljahren). Bei Paralleluntersuchungen Grafs in Ankara wiesen fast 75% der Abiturienten die Evolutionstheorie zurück.

 

Es wird deutlich, dass die Evolutionsgegner vor allem aus zwei Gruppen kommen, die allerdings eines eint: ein enges Verständnis der jeweiligen religiösen Grundschriften, die als wörtlich zu nehmende, in allen Details offenbarte Wahrheit gelten. Das betrifft denn auch naturwissenschaftliche Aussagen. Hierzu gehören vor allem konservativ evangelikale Kreise und konservative Moslems. Man kann sich anhand des  jeweiligen Webauftritts – eine kleine Auswahl unter vielen - über die Besonderheiten und Absurditäten informieren: www.wort-undwissen.de, http://www.genesisnet.info/ oder auf islamischer Seite bei  http://www.harunyahya.de/, die von dem Türken Adnan Oktar betrieben wird. Letzterer ließ seine voluminösen, aufwändig produzierten Werke („Atlas der Schöpfung“), die belegen sollen, dass sich Arten über geologische Zeiträume nicht verändern, großzügig z.B. an Bibliotheken auch deutscher Universitäten und Schulen verteilen. Die Finanzierung dieser kostspieligen Aktivitäten ist unklar. Erwähnenswert ist auch Wolf-Ekkehard Lönning, der Mitglied der „Zeugen Jehovas“ ist und der jahrelang seine evolutionskritischen Auslassungen auf der Internetseite seines Arbeitgebers, der Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, positionieren konnte (http://www.weloennig.de/internetlibrary.html). Die Vorstellungen reichen von einem Kurzzeit-Kreationismus, der von einem Erdalter von wenigen Jahrtausenden ausgeht bis hin zu Vertretern der Bewegung des Intelligent Design. Vereint werden sie durch die Ablehnung unserer heutigen Vorstellung von Evolution und den Versuch, den Schulunterricht zu beeinflussen. So gibt es derzeit zwei von Biologen verfasste „Lehrbücher“ aus dem evangelikalen Umfeld von „Wort und Wissen“: „Creatio“ von Alexander vom Stein (http://www.daniel-verlag.de/content.php?id=33) bzw. „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ (in 6. Auflage!) von  Reinhard Junker und Siegfried Scherer (http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=lehrbuch/main.html). Beide Werke werden in Privatschulen entsprechender Ausrichtung eingesetzt.

 

Offensichtlich ist es unbedingt nötig, die zentrale Rolle der  Evolutionstheorie im Schulunterricht der verschiedenen Schultypen deutlich stärker zu betonen und das in allen  Jahrgangsstufen auf verschiedene, jeweils angemessene Weise. Junge Leute sollten nicht erst an der Universität in qualifizierter Weise (“Das ist ja nur eine Theorie! …“) mit der Evolutionstheorie Berührung kommen. Dann ist der Schaden oft nicht mehr gutzumachen. Auch wäre es angeraten, die in manchen Privatschulen eingesetzten (Lehr)Bücher stärker in Augenschein zu nehmen.

 

Stefan Schneckenburger



Letzte Änderungen: 04.03.2013

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