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Wettrennen und -springen

Schöne Biologie

Ralf Neumann


Schöne Biologie

(13.06.2022) Das Leben ist ein Wettrennen. Jedenfalls wenn man es im Rahmen der Evolution betrachtet. Immer muss man sich gegen irgendwelche Nahrungskonkurrenten durchsetzen, gefräßigen Räubern entwischen – oder Winzlinge abwehren, die allzu gerne den eigenen Körper zu ihrem Vorteil besiedeln wollen. Die Interaktionen mit den anderen Mitbewohnern des jeweiligen Lebensraums sind demnach selten harmonisch – oder wenigstens derart ausbalanciert, dass keiner der Teilnehmer einen Nachteil davon hat.

Gängige Ausnahmen sind allenfalls neutrale bis wechselseitig positive Beziehungen zwischen symbiotischen oder kommensalischen Partnern. Doch selbst bei diesen scheinbar neutralen „Beziehungen“ wird auf Dauer jeder weiterhin versuchen, dem Partner insgeheim ein Schnippchen zu schlagen, um am Ende noch ein wenig mehr Vorteil aus der Interaktion oder Zweisamkeit zu ziehen.

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Was insgesamt daraus resultiert, ist ein koevolutionäres Wettrennen. Räuber werden beispielsweise versuchen, noch bessere Jagdstrategien zu entwickeln. Beutetiere werden danach streben, sich besser tarnen oder noch schneller weglaufen zu können – oder auf irgendeine Art ungenießbarer zu werden. Potenzielle Wirtsorganismen werden immer ausgefuchstere Abwehrmechanismen gegen Parasiten entwickeln – und gleichzeitig werden Letztere stets weitere Tricks austüfteln, um sich eben doch in ihnen breitmachen zu können.

Bekanntlich führte gerade die Beobachtung dieses allgegenwärtigen Wettrennens zwischen Wirtsorganismen und Parasiten den US-Biologen Leigh Van Valen in den 1970ern zur Formulierung seiner berühmten Red-Queen-Hypothese – frei nach Lewis Carolls Roman „Through the Looking-Glass“, in dem die Rote Königin erklärt: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Übersetzt meint dies: Entwickelt eine Art irgendeinen Vorteil, folgt daraus in aller Regel ein Nachteil für eine andere Art – weswegen diese möglichst schnell nachziehen muss, um ihren „Beziehungsstatus“ halten zu können.

Van Valens theoretische Überlegungen sind inzwischen massenweise aus dem echten Leben belegt. Und wenn man‘s genau nimmt, lässt sich seine „Rote Königin“ nicht nur auf die evolutionären Wettrennen zwischen Wirt und Parasit anwenden, sondern zumindest grundsätzlich auch auf alle übrigen – sogar auf diejenigen Wettrennen, die sich aus dem Sexual Conflict zwischen Männchen und Weibchen derselben Art ergeben.

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Nehmen wir als Beispiel den besonders krassen Sexual Conflict kannibalisierender Spinnen-Arten, bei denen das vielfach größere Weibchen ihren Spinnenmann zumeist direkt nach der Paarung verspeist. Offenbar zieht dieses Männermorden keinerlei selektiven Nachteil für den Fortbestand der Art nach sich, sodass der Vorteil des relativ schlanken Nahrungserwerbs für die Weibchen sich in der gesamten Spinnenpopulation durchsetzen konnte. (Evolution kennt eben keine Moral, aber das ist ein anderes Thema ...).

Dennoch versuchen auch hier die Männchen, in dem evolutionären Wettrennen wieder aufzuholen und Strategien zu entwickeln, um den kräftigen Mandibeln ihrer Partnerinnen zu entkommen. Einige bringen beispielsweise zur Paarung Fressgeschenke mit ins Netz der „Auserwählten“, um sie damit während der Begattung lange genug abzulenken.

Eine offenbar noch erfolgreichere evolutionäre „Aufholjagd“ beschreibt ein chinesisches Team für die Männchen der Webspinnen-Art Philoponella prominens (Curr. Biol. 32(8): PR3545): In ihren speziellen Vorderbeingelenken speichern sie so viel kinetische Energie, dass sie sich direkt nach der Befruchtung blitzschnell wieder aus dem Netz des Weibchens herauskatapultieren können – und somit überleben.

Wollen die Philoponella-Weibchen in diesem Rennen ihren alten Nahrungsvorteil wieder erlangen, müssen folglich jetzt sie wieder mehr Gas geben.

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