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Buchbesprechung

Daniel Weber und Darja Henseler


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Sabine Schmidt-Weitmann, Reinhard Saller & Christane Brockes (Hrsg.)
Schulmedizin & Naturheilkunde. Häufig gefragt – von Ärzten beantwortet (Gesundheit per Mausklick, Band 2)


Taschenbuch: 110 Seiten
Verlag: Swiss Professional Media; Auflage: 1 (2. Juni 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3952342998
ISBN-13: 978-3952342992
Preis: EUR 16,00 (Online-Antworten kostenlos)





Imogen Evans, Hazel Thornton, Iain Chalmers & Paul Glasziou
Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin.


Broschiert: 260 Seiten
Verlag: Huber, Bern; Auflage: 1., Aufl. (8. Mai 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3456852452
ISBN-13: 978-3456852454
Preis: EUR 24,95



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Zwei Bücher zum Thema „fundierte Medizin für mündige Patienten“

Schulmedizin und Naturheilkunde müssen keine Gegensätze sein. Nur muss die Wirkung belegbar sein. Da haben beide Schulen noch Verbesserungspotential, wie zwei sehr unterschiedliche Bücher zeigen.

Nein, fair ist der Vergleich nicht. Auf der einen Seite des Rezensententisches liegt ein dünner Ratgeber mit dem sperrigen Titel Schulmedizin & Naturheilkunde. Häufig gefragt – von Ärzten beantwortet. Darin beantworten Ärzte des Universitätsspitals Zürich via Online-Formular Patientenfragen aus ihrer täglichen Praxis.

Gegenüber türmt sich Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin auf – ein fast doppelt so dickes und wesentlich textlastigeres Werk. „Dieses Buch ist kein ‚Führer zu den besten Behandlungen‘ und kein Ratgeber zu den Wirkungen einzelner Therapien“, heißt es im Vorwort. Die Autoren stammen aus dem Umfeld der Cochrane Collabora­tion, die systematische Übersichtsartikel zu Studien aus dem Gesundheitswesen erstellen. Sie möchten gegen den „Berg von Ergebnissen“ anschreiben, die „oftmals unzuverlässig“ sind.

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Unfairer Vergleich?

Gerd Antes, Direktor der deutschen Niederlassung des gemeinnützigen Cochrane Zentrums. Foto: Uni Freiburg

Darf man einen Ratgeber wie Schulmedizin & Naturheilkunde mit einem politischen Plädoyer wie Wo ist der Beweis? vergleichen? Die Autoren von letzterem würden wohl mit „Nein“ antworten: „Wenn Therapieversuche fair sein sollen, dann muss gewährleistet sein, dass Gleiches auch mit Gleichem verglichen wird.“

Andererseits sollen beide Bücher Patienten helfen. Und sowohl die Naturheilkunde als auch die evidenzbasierte Medizin kämpfen für eine „andere“ medizinische Kultur. Es reizt also, die beiden trotzdem zu vergleichen. Und deshalb machen wir das jetzt einfach mal.

Die Autoren von Wo ist der Beweis? kommen aus unterschiedlichen Richtungen: Imogen Evans, ehemalige Dozentin der Endokrinologie und Medizinjournalistin; Hazel Thornton, Aktivistin für eine aktivere Rolle der Patienten in der Forschung; Iain Chalmers, Mediziner und Gründungsmitglied des ersten Cochrane Centers in Oxford; und Paul Glasziou, australischer Hausarzt und Medizinforscher. Die deutsche Version wurde von Gerd Antes herausgegeben, dem Leiter des Cochrane-Zentrums in Freiburg (siehe Foto auf Seite 65 oben).

Die Autoren möchten den Umgang mit Unsicherheit in der Medizin revolutionieren. „Weder Theorien noch Fachmeinungen sind für sich allein ein verlässlicher Ratgeber für sichere, wirksame Behandlungen“, mahnen sie. Damit Patienten immer in den Genuss der bestmöglichen Behandlung kommen, müssen aussagekräftige Studien berücksichtigt werden. Fehlen solche, sollte ein Patient die Therapie nur erhalten, wenn sie im Rahmen einer Studie durchgeführt wird.

Studien nur für Warmduscher?

Bei solchen Aussagen läuten bei den Ethikkommissionen die Alarmglocken. Dass Patienten vor Schäden geschützt werden müssen, bestreiten die Autoren aber nicht. Nur fragen sie rhetorisch: „Warum gilt Forschung als so riskant und reglementierungsbedürftig, nicht aber die alltäglichen Therapien, von denen sehr viel mehr Patienten betroffen sind?“ Es sei für die Patienten sogar gesünder, an einer Studie teilzunehmen: „Diejenigen, welche die Medi­kamente nicht im Rahmen eines fairen Tests erhielten, waren generell einem höheren Risiko ausgesetzt.“

Ausschließlich der Intuition eines Arztes ausgeliefert zu sein, kann also gefährlich sein. Genau diese Intuition wird durch die Fülle an schlechten und unnötigen Studien manipuliert – häufig durch aggressives Marketing von Pharmafirmen. Gepaart mit der Haltung vieler Ärzte, dass offengelegte Unsicherheit ein Zeichen von Schwäche sei, wird viel unnötiges Leid verbreitet. Ein britischer Chirurg soll Chalmers gegenüber sogar gesagt haben, klinische Studien seien etwas für Leute, die nicht sicher seien, ob sie Recht hätten oder nicht. Die Autoren plädieren dafür, relevante Unsicherheiten konsequent zu beseitigen.

Unethische Ethikkommissionen

Die „Cochrane-Gruppe“ fasst in ihrem Buch zusammen, welche Aspekte bei der sorgfältigen Planung von Studien zu beachten sind. So soll am Anfang und am Ende jeder Studie eine systematische Übersichtsarbeit über den gegenwärtigen Wissensstand durchgeführt werden, um unnötige Projekte zu verhindern. Zum Beispiel hätte eine systematische Übersicht aller Tierversuche mit dem Schlaganfall-Medikament Nimodipin gezeigt, dass das Molekül nicht wirkt, und die Schlaganfall-Patienten hätten eine aussichtsreichere Therapie ausprobieren können. Die Ethikkommissionen würden sich zu stark auf den Persönlichkeitsschutz bei Studien konzentrieren und dabei vergessen, die Relevanz zu überprüfen und die Durchführung zu überwachen.

Auch andere technische Fragen werden besprochen: Welche Fehler müssen bei der Randomisierung verhindert werden? Welche Zufallseffekte werden oft übersehen? Wie können die Patienten in die Planung der Studien miteinbezogen werden, damit nicht an ihren Bedürfnissen vorbei geforscht wird? „Ein Großteil der Forschung befasst sich nicht mit den Fragen, die aus Sicht der Patienten beantwortet werden müssten“, ist ein Vorwurf, den die Autoren den klinischen Forschern machen. Wo ist der Beweis? ist aber kein technischer Leitfaden. Er ist auch für Patienten geschrieben, damit sie fähig sind, mit Ärzten ein kompetentes Gespräch zu führen.

Leider bietet Wo ist der Beweis? kein Lesevergnügen wie etwa das vergleichbare Buch Die Pharma-Lüge des britischen Wissenschaftsjournalisten Ben Goldacre (Kiepenheuer & Witsch, 2013). Die Sprache ist holprig, was an der Übersetzung liegen mag; auch der Titel steht dem originalen Testing Treatments nach. Dafür ist sein Fokus breiter und schließt das Verhältnis zwischen Arzt und Patient mit ein. Wer an einem der vielen Beispiele für gute und schlechte Studien interessiert ist, kommt allerdings um eine eigene Recherche nicht herum; zu oberflächlich sind viele der Beschreibungen. Trotzdem kann man Goldacre zustimmen, wenn er im Geleit schreibt: „Dieses Buch gehört in jede Schule und alle ärztlichen Wartezimmer.“


Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis), ein aus Nordamerika eingebürgerter Neophyt, ist zwar lieblich anzuschauen, als Heilpflanze gegen Neurodermitis jedoch unbrauchbar. Abbildung aus: Otto Wilhelm Thomé, Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, 1885

„Es könnte vielleicht sein...“

Anders muss man den Ratgeber Schulmedizin & Naturheilkunde vom Universitätsspital Zürich beurteilen. Nehmen wir eine aus den rund 80 Patientenfragen. Zum Thema „Haut und Allergien“ steht die Frage der Eltern einer zehnjährigen Tochter mit Neurodermitis, die sie auf der Online-Beratung stellten (www.onlineberatung.usz.ch): „Kann man auch kortisonfrei behandeln?“

Die Ärzte erklären zwar schön, dass Neurodermitis eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung mit Ekzemen als Hauptbeschwerde ist und durch Allergien ausgelöst werden können. Dann wird bestätigt, dass neben einer intensiven Hautpflege die Anwendung von Kortisonpräparaten häufig nötig ist. Neben etwas Werbung für rückfettende Lotionen aus der Excipial-Reihe der Spirig Pharma GmbH gibt es dann aber nur noch Floskeln zu alternativen Therapien. Kortisonfreie, entzündungshemmende Salben „sind erhältlich“. Eine Behandlung mit UV-Licht „kann durchgeführt werden“. Nachtkerzenöl, das die ungesättigten Linol- und Linolensäure enthalte, „kann eingenommen werden“. Belege sucht der Leser vergeblich.

Werbung für Nachtkerzenöl

Zumindest zum Nachtkerzenöl gäbe es die aber durchaus, wie die Lektüre von Wo ist der Beweis? zeigt. Es habe in den 1980er-Jahren durchaus plausible Annahmen gegeben, dass der Gamma-Linolensäure-Stoffwechsel bei Patienten mit Ekzemen beeinträchtigt sei.

Zahlreiche Studien lieferten aber nur widersprüchliche Ergebnisse. Das britische Gesundheitsministerium gab deshalb 1995 eine Bewertung von zehn veröffentlichten und zehn unveröffentlichten (!) Studien in Auftrag, die zum Schluss kam, dass es keinen Beleg für die Wirkung von Nachtkerzenöl gibt. Diese Bewertung blieb auf Druck der zahlreichen Präparate-Hersteller aber unter Verschluss. Erst 2002, als weitere Studien publiziert wurden, entzog die damalige britische Medicines Controls Agency den Nachtkerzenöl-Präparaten die Indikation gegen Ekzeme.

Diese Information scheint in der Dermatologie des Universitätsspitals Zürich noch nicht angekommen zu sein. Auch wenn hin und wieder im Buch gesagt wird, dass es für die eine oder andere naturheilkundliche Behandlung keine wissenschaftlichen Belege gebe, kann dadurch der Eindruck der Beliebigkeit nicht beseitigt werden. Da helfen auch 80 Spezialisten und fünf gut betitelte Autoren nicht weiter. Einer der Autoren, Reinhard Saller, ist Direktor des Instituts für Naturheilkunde am Universitätsspital Zürich.

Nicht vertrauenswürdig

Die Darstellung ist zwar attraktiv und die Antworten sind angenehm kurz gehalten. Doch die Fachwörter-gespickte Sprache und die ausschließlich in Lateinisch beschrifteten Pflanzenbilder dienen eher der Ausübung ärztlicher Autorität denn einer nützlichen Hilfestellungen. Auf Referenzen und Sachregister wurde gänzlich verzichtet. Auch die zwei Seiten „Phytotherapie: Grundlagen und Begriffe“ zum Schluss können nicht erklären, weshalb die Naturheilkunde ein separates Büchlein braucht.

Wer mit seiner an Neurodermitis leidenden Tochter zur angebotenen Sprechstunde mit „umfassender Beratung“ geht, nimmt zur Sicherheit das bessere Konkurrenzbuch Wo ist der Beweis? gleich mit.




Letzte Änderungen: 12.02.2014


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