Info

Buchbesprechung

Winfried Köppelle


Info

Info

Bestellen Sie noch heute Ihr kostenfreies Exemplar. mehr



Hanno Charisius, Sascha Karberg und Richard Friebe:
Biohacking – Gentechnik aus der Garage.

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (25. Februar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446435026
ISBN-13: 978-3446435025
Preis: 19,90 EUR

Info

Info

Neuer Mehrfachdispenser von BRAND: Das moderne Touch-Bedienkonzept macht die Arbeit einfach und effizient. mehr

Genkopierer im Kleiderschrank

Ein überflüssiges Buch über einen ebensolchen Trend, den es vermutlich gar nicht gibt.

Juhu, es gibt einen neuen Trend! Unzählige deutscher Akademiker im besten Alter folgen ihm bereits (Frauen verweigern sich komplett – typisch!), und kürzlich hat es auch den Laborjournal-Redakteur erwischt. Seitdem liefern Paketboten mehrmals pro Monat geheimnisvolle Pakete ins Haus, die ungeduldig erwartet und nach Ankunft mit glänzenden Augen und zittrigen Fingern, dabei aber sehr behutsam, geöffnet werden. Der jeweilige Inhalt, sorgsam eingehüllt in viele Lagen Schaumstoff und Luftpolsterfolie, ist zur Ausübung des neuen Trends unabdingbar. Nur die lieben Nachbarn, die sollten besser nichts mitbekommen, denn die Auswirkungen dessen, was in den voluminösen Paketen steckt, könnten für Spannungen sorgen.

Der neue Trend nennt sich „HiFi-Vintage“ (zu deutsch: Sinnfreies Sammeln angejahrter HiFi-Komponenten) und beruht darauf, dass sich pubertierende Knaben in den 1970er und 1980er Jahren nie die Stereoanlage leisten konnten, die ihrer männlichen Reife angemessen gewesen wäre. Trotz Ferienjobs, trotz den Eltern zäh abgerungener Taschengeld-Erhöhungen reichte das Ersparte meist doch nur für eine Billiganlage Marke „Schneider Compact“, die den Kumpels ein müdes Achselzucken abnötigte (dass diese exakt die gleichen Probleme wälzten, gaben sie natürlich nie zu).


Trendy: Ein "Biohacker" bei der Arbeit.

Info

Info

Info

Pipettieren, lagern und zentrifugieren Sie Proben in unserem Spiel "Master of Volumes" so schnell wie möglich. mehr

Aus den Knaben wurden Männer, aus Taschengeld ein mehr oder weniger ansehnliches Gehalt. Gleichzeitig wurde aus Langspielplatte und Musikkassette die CD und schließlich ein mp3-File. Heute kauft niemand mehr Stereoanlagen (ein paar ewiggestrige Sonderlinge mal ausgenommen), Jugendliche schon gar nicht. Heutige Teenager bringen ihre flatterhaften Hormonspiegel mit Smartphones und interessant anzuschauenden Selbstverstümmelungen wieder ins Gleichgewicht. Und die Musik kommt als hochkomprimiertes Datenpaket ans Ohr und klingt auch so.

Was aber wurde aus den Luxus-Stereoanlagen, die sich der Laborjournal-Redakteur als Teenager nie leisten konnte? Wo sind sie, die klavierlack-veredelten High-End-Schwergewichte, mit Elektrolytkondensatoren in Bierdosengröße, massiv kupferverstärkten Innengehäusen und Netzteilen, die auch im Triebwagen eines Regionalzugs gute Arbeit verrichten würden? Viele der damaligen Hersteller von HiFi-Komponenten sind pleite gegangen, die Übriggebliebenen produzieren jetzt Plastikschund mit kurzer Halbwertszeit. (Dem Webmaster kamen an dieser Stelle die Tränen der Rührung.)

Ein Trend für echte Männer

Die einstigen Perlen gibt es aber noch: bei Ebay. Erst neulich wurde dort ein komplettrestaurierter Sony TA-F800ES-Vollverstärker, ein 28-Kilogramm-Bolide mit wabenverstärktem „Gibraltar“-Chassis und glänzenden Holzseitenteilen, feilgeboten. Um 1986 herum stand dieses Prachtstück für 2.750 DM in ausgesuchten Läden und wurde von Medizinprofessoren und Konzernvorständen erworben. Die sind jetzt im Altenheim oder gestorben, und ihre respektlosen Erben verhökern Papas Edelkomponenten, um sich vom Erlös ein iPhone mit integrierten 3-Watt-Mikrolautsprechern zu kaufen. Der erwähnte Sony ging übrigens bei Ebay für – der Laborjournal-Redakteur bekam feuchte Augen – 256 Euro weg. Neidvolle Gratulation an den Höchstbietenden!

Sinnfreie Trends gibt es auch in den Grauzonen der Naturwissenschaften. In den letzten Monaten etwa wurde in deutschen Tageszeitungen immer wieder über eine Modeerscheinung namens „Bio­hacking“ berichtet. Drei hochangesehene deutsche Wissenschaftsjournalisten haben darüber sogar ein Buch mit gleichnamigem Titel geschrieben, auf dessen Umschlagseite zu lesen ist:

Es bricht eine Ära heran, in der Amateurwissenschaftler den Code des Lebens umschreiben werden. Biohacker, die Handwerker unter den Biotechnologen, arbeiten in ihren Garagen schon heute daran, Krankheiten zu überwinden und Zellen umzuprogrammieren.

"Selbstversuch" in den USA

Wow! Offenbar hat Laborjournal da einen Trend total verschlafen. So kann’s gehen, wenn man zuviel nach alten Stereoanlagen googelt und dabei die wirklich wichtigen Themen „an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter“ übersieht. Zum Glück waren Hanno Charisius, Sascha Karberg und Richard Friebe aufmerksamer und haben „einen packenden Selbstversuch“ gewagt – drüben in den USA, dem Ursprungsland des neuen Bio-Trends. Die Tapferen. Verwegen hantierten sie mit „potenziell gefährlichen Genen“, bewegten sich Auge in Auge mit „Biopunkern“ und den „Gurus und Pionieren dieser neuen Amateurforschungs-Bewegung“, und fanden dabei sogar noch Zeit, alles investigativ mitzuprotokollieren für ihr neues Bestseller-Buch.

Aufs Wesentliche heruntergebrochen und um die gekünstelte Aura des Geheimnisvollen bereinigt scheint Biohacking folgendes zu sein: Leute ohne naturwissenschaftliches Studium dilettieren im Wohnzimmer ohne jeden Plan mit Zentrifugen und Pipetten herum und scheitern bereits mit Anfänger-Experimenten, die jeden Gymnasiasten ab der 10. Klasse langweilen. Dabei fühlen sie sich wie eine Kombination aus Edward Snowden und Albert Einstein (dem einzigen Gentechniker, von dem sie schon mal was gehört haben) und halten jedes gegossene Agarose-Gel in ihrem Blog für die Biohacker-Community fest (diese besteht im Wesentlichen aus dem Blogbetreiber und dessen bestem Kumpel).

Vermutlich um den famosen „Trend“ nicht vorzeitig vertrocknen zu lassen, gibt es in den USA mittlerweile Volkshochschul-ähnliche Kurse, brav organisiert mit Mitgliedskarte und angeleitet vom netten Molekularbiologie-Professor der nächstgelegenen Hochschule. Klingt nicht besonders spannend, und in der Tat sind die in diesen Kursen angebotenen Experimente üblicherweise von der biederen Sorte („Guck mal, ich hab’ DNA ausgefällt!“; „Meine Zentrifuge wackelt und dröhnt, hab ich jetzt was Neues entdeckt?“; „Uiiii – mein Gel wird blau, was hab’ ich falsch gemacht?“).

Naive Vorstellung von Forschung

Leider schaffen es die drei Autoren nicht, den angeblichen Trend und die von ihnen portraitierten Hobby-Gentechniker kritisch und mit angemessener Distanz zu hinter- beziehungsweise befragen. Oder sie wollen sich ihre eigene Illusion nicht kaputtmachen. Begeistert reisen die Deutschen also von Kellerlabor zu Kellerlabor und dürfen auch mal eine echte Pipette in Händen halten und sich von den echt lässigen Biohackern erzählen lassen, was diese schon alles gemeistert hätten.

Aha, es gibt also auch schon veröffentlichte Resultate...? Ein Biohacker-Paper? Nicht? Ach so... im Blog stand was. Toll. Wen wundert‘s – ein ernstzunehmendes Labor lässt sich eben nicht so einfach auf der heimischen Küchenanrichte installieren, und ein Scientific American-Abo qualifiziert jemanden noch nicht als ernstzunehmenden Wissenschaftler. Mit echter Forschung haben derlei Beschäftigungstherapien für an Molekularbiologie interessierte Laien selbstredend nichts zu tun.

Zu hart geurteilt? Ein paar Beispiele aus dem Buch mögen verdeutlichen, wie weltfremd die „Biohacking-Bewegung“ und auch ihre Verfechter ticken. Auf Seite 23 etwa erwähnen die Autoren beispielhaft „Väter und Mütter, die das Erbgut ihrer Kinder nach einer Ursache für eine unbekannte Krankheit durchsuchen“.

Wie bitte, geht’s noch? Ok, vielleicht ist es ja bereits Biohacking, sich für ein paar hundert Euro einen kommerziellen Gentest bei 23andMe zu kaufen und die darin präsentierten Ergebnisse treudoof für bare Münze zu nehmen (siehe dazu auch Seite 16). Vielleicht sind mit „Väter und Mütter“ ja auch Paare gemeint, die eine Doppelstelle als Genetikprofessoren in Oxford bekleiden. Normale Eltern jedenfalls werden „die Ursache für eine unbekannte Krankheit ihres Kindes“ mit Sicherheit nicht mal eben so beim Experimentieren auf dem Küchentisch entdecken. Selbst echte Wissenschaftler knabbern an einer derartigen Mammut-Aufgabe viele, viele Jahre, und das im professionellen Team und mit optimaler Geräteausstattung sowie – was ja immer unterschätzt wird – bei ungewissen Erfolgsaussichten.

Banale Schülerexperimente

Auf Seite 31 lernen wir dann Katherine „Kay“ Aull kennen, die im Kleiderschrank einen „Genkopierer“ stehen hat (gemeint ist wohl ein Thermocycler) und deren Katze, oh Schreck!, schon mal ein Stück Agarose-Gel gefressen hat. Mag sein, dass diese Begebenheit die Besitzerin des hungrigen Samtpföters für biotechnologische Heimexperimente qualifiziert – ihr im Buch geschildertes Resultat hätte sie jedenfalls billiger und schneller haben können: Die gute Kay, in Biohacker-Kreisen offenbar bereits eine Legende, „wollte wissen, ob sie ein Gen geerbt hat, das ihren Vater und einige andere in Kays Stammbaum an der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose hatte erkranken lassen“. Denn „wäre das der Fall, hätte sie noch rechtzeitig eine Therapie starten können, um bei sich Organschäden zu verhindern“.

Nun ja. Wenn der liebe Opa einen Herzstillstand erleidet, wird man ja auch ganz bestimmt nicht den Notarzt rufen, sondern sich schnell selbst einen Puls­generator zusammenbasteln und mit dem Eigenbau-Apparillo anschließend das Familienoberhaupt reanimieren, nicht wahr...?

Egal, Kay jedenfalls raspelte sich Mundschleimhaut ab und besorgte sich Primer, warf ihren „Genkopierer“ an und konnte in der Tat zeigten, dass sie heterozygot für Hämochromatose ist (und damit nur ein geringes Erkrankungsrisiko trägt). Sie muss, welch Glück, also keine Therapie starten (ob sie andernfalls die dafür benötigten Medikamente auch in ihrem Kleiderschrank synthetisiert hätte?).

Der guten Kay mag ihr gelungenes Experiment ja eine Art persönlicher Befriedigung verschafft haben. Die allerdings verspürte auch der Laborjournal-Redakteur, als er erfolgreich das zerbröselte Schubladen-Zahnrad seines alten Marantz-CD-­Players gegen ein funktionierendes austauschte. Dennoch weiß er, dass ihm jeder Elektriker-Azubi beim Musikanlagen-Basteln haushoch überlegen ist und dass er erst recht nicht versuchen sollte, selbst einen Halbleiterlaser zu konstruieren.

Immer wieder zeigt sich auch, dass die im Buch bejubelten „Amateure“ gar keine sind. Kay zum Beispiel ist Bioingenieurin, andere Helden der Biohacking-Szene arbeiten hauptberuflich an Universitäten, werden dort aus öffentlichen Töpfen oder Firmen-Etats bezahlt und geben in ihrer Freizeit ab und zu einen Klonierungskurs für Anfänger. Klingt alles irgendwie ein bisschen wie im Bio-Grundstudium – nur dass Studenten irgendwann soviel Wissen intus haben, um Gentechnik vernünftig betreiben zu können. Biohacker hingegen bleiben lebenslang Dilettanten, die im Nebel stochern. Etwas „Großes“ – wie die an Computerhacker angelehnte Bezeichnung suggeriert – wird dabei nie herauskommen.

Kritische Distanz? Fehlanzeige!

Was trieb die Autoren dazu, dem eher banalen Hobby einiger weniger Amerikaner den Ruch einer weltweiten „Revolu­tion“ zu verleihen? Wieso hinterfragen sie die abstrusen Vorstellungen und Ideen ihrer Protagonisten nicht, sondern drehen das krumme Rad sogar noch munter weiter? Irgendwie grenzt das an Hochstapelei. Mussten die Verfasser ihre „zweijährige USA-Recherche“ unbedingt refinanzieren, selbst um den Preis eines halbgaren Schnellschusses? Von Charisius, Karberg und Friebe war man bisher Besseres gewohnt. Die ständigen Superlative, vermischt mit einer Sprache, die wohl jugendlich-flippig wirken soll, sind anstrengend. Eine Dokumentation über Bierdeckelsammler im Raum Freyung-Grafenau wäre interessanter, realistischer sowieso. Der Laborjournal-Redakteur lädt die drei Verfasser gerne in seine ostbayerische Heimat zur Recherche ein.

Die Lektüre von „Biohacking“ hat er auf Seite 115 genervt abgebrochen. Ihm fiel ein, er könnte stattdessen ja mal die Plexiglashaube seines frisch erworbenen Dual-Plattenspielers abstauben. Und das tat er dann auch.




Letzte Änderungen: 11.06.2014


Diese Website benutzt Cookies. Wenn SIe unsere Website benutzen, stimmen SIe damit unserer Nutzung von Cookies zu. Zur ausführlichen Datenschutzinformation