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Buchbesprechung

Hubert Rehm


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Katrin Himmler und Michael Wildt:
Himmler privat. Briefe eines Massenmörders.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Piper; Auflage: 3 (10. Februar 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3492056326
ISBN-13: 978-3492056328
Preis: 25 EUR (gebunden mit Schutzumschlag), 21 EUR (E-Book)

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Briefe von Massenmördern

Was beschäftigt Menschen, die andere Menschen quälen und töten lassen, im Privatleben?

Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, Chef der deutschen Polizei und ab 1943 auch Innenminister des Deutschen Reiches, kennen die meisten als Herrn der Konzentrationslager, Chef der Gestapo und Verantwortlichen für die industrielle Menschenvernichtung. Himmler war jedoch auch ein Förderer der Wissenschaften. Er finanzierte seine eigene Wissenschaftsorganisation, das „Ahnenerbe“, und im Rahmen des Ahnenerbes ein „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“.


KZ-Arzt Sigmund Rascher (links); Heinrich Himmler, Raschers Förderer und zweitmächtigster Mann des Dritten Reichs, beim Wandern (rechts).

Himmler war Ideengeber für Vieles, was im Ahnenerbe beforscht wurde, und weil die Gedanken des studierten Landwirts auf krausen Linien wuselten – er war ein Kind seiner Esoterik-verliebten Zeit – widmete sich das Ahnenerbe krausen Fragen: Warum die alpenländischen Sennerinnen und die Japanerinnen Hosen tragen oder ob die arische Rasse einst als lebendige Keime im Weltall kreiste.

Zudem sollte das Ahnenerbe die Stellung der SS in den Universitäten und bei der Wehrmacht stärken. Daher widmete es sich auch seriösen Forschungsprojekten und Fragen von praktischer militärischer Bedeutung. Für Letzteres war das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung im Konzentrationslager Dachau zuständig. Einer der Leiter war der Mediziner Sigmund Rascher. Er hatte in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts die okkulten Träumereien eines anthroposophischen Gurus zu belegen versucht, eine Krebsdiagnose von sagenhafter Aussagekraft. Mit gefälschten Daten konnte Rascher dazu mehrere Artikel in der Münchner Medizinischen Wochenschrift veröffentlichen.

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KZ-Häftlinge als Versuchspersonen

Am Institut für militärische Zweckforschung, widmete sich Rascher unter anderem der Wiedererwärmung ausgekühlter Menschen und der Höhenphysiologie. Dabei setzte er – mit Himmlers Genehmigung – Dachauer Häftlinge als Versuchspersonen ein. Zweihundert sollen dabei ums Leben gekommen sein.

Bei Himmler hatte Rascher eine Sonderstellung. Dessen Frau Nini, eine Konzertsängerin, hatte Himmler in den 20er Jahren vor der Polizei versteckt – manche behaupten auch, sie sei seine Geliebte gewesen – und deswegen hatte Nini bei Himmler einen Stein im Brett und direkten Zugang zum Sekretär des Reichsführers, Rudolf Brandt. Himmler rettete sie etliche Male aus gefährlichen Lagen: Die Künstlerin zog Skandale an wie ein Sendemast die Blitze. Auch zwischen ihrem Mann und Himmler entwickelte sich ein enges Verhältnis. Rascher durfte direkt an Himmler berichten und mußte nicht den Umweg über den Reichsarzt SS, den Sanitätsinspekteur der Luftwaffe oder den obersten Kliniker der SS gehen, die sich, wie die meisten Vorgesetzten, mit den Errungenschaften ihrer Untergebenen schmückten.

Dazu kommt, dass sich Rascher und Himmler sowohl in ihrem Erscheinungsbild (beide klein und unauffällig) als auch in ihrem Verhältnis zu Frauen glichen (beide waren Pantoffelhelden und neigten älteren Damen zu). Zudem waren beide gute Familienväter.

Der Rezensent war daher gespannt, ob sich die Beziehung Rascher / Himmler und die „wissenschaftlichen“ Interessen des Reichsführers in dem neu entdeckten privaten Briefwechsel zwischen Himmler und seiner Frau Marga niederschlug. Möglich wäre es, denn die Oberschwester Marga Himmler wohnte ebenfalls in esoterischen Gedankengebäuden.


Himmler als Reichsführer-SS in schwarzer Uniform mitsamt Entourage beim Besuch des Konzentrationslagers Dachau, das er 1933 als damaliger Münchener Polizeipräsident hatte errichten lassen.

In esoterischen Gedankengebäuden

Um es gleich zu sagen: Rascher wird in dem Briefwechsel nicht erwähnt. Es tauchen zwar etliche Bekannte Raschers auf, zum Beispiel Erich Schnitzler, Raschers Trauzeuge und Adjutant Himmlers, und Karl Fahrenkamp, Raschers Berater bei der Höhenphysiologie und Hausarzt der Familie Himmler – Rascher selber erscheint jedoch nur im Begleittext, und da wird er falsch geschrieben (Siegmund statt Sigmund). Das Ahnenerbe wird einmal erwähnt: bei der Vermessung des Grabmals des Theoderich in Ravenna. Himmler scheint also seine Wissenschaftsliebhaberei nicht mit seiner Frau geteilt zu haben: Zu Rascher und NS-Wissenschaft gibt das Buch nichts her. Raschers scheinen nicht einmal zum Kaffee zu Himmlers geladen worden zu sein, obwohl die Familien kaum 40 Kilometer auseinander wohnten: Raschers in München und Himmlers in Gmund am Tegernsee.

Den Rezensenten reizte es jedoch, den Briefwechsel des Massenmörders Himmler mit dem des Massenmörders Rascher zu vergleichen, denn auch Rascher schrieb Briefe. Erhalten sind Briefe an und von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Onkel und Tanten (im Bundesarchiv Berlin). Mit seiner Frau Nini scheint sich Rascher schriftlich nicht ausgetauscht zu haben. Zwar war auch er, wie Himmler, selten daheim, aber vermutlich haben Sigmund und Nini telefoniert, statt die Post zu bemühen.

Unterscheiden sich die Korrespondenzen der beiden Massenmörder auch anderweitig?

Ewige Klagen über den Magen

Oh ja, das tun sie! Es ist kein Massenmörder wie der andere.

Bei Himmler und Marga geht es jahrein, jahraus um Verdauung, Gartenarbeit, Schokolade, Julleuchter (heidnisch-germanische Kultgegenstände), Murmeltierfett und das Benehmen ihrer Tochter Püppi. Was sich Himmler und seine Frau zu schreiben hatten, lässt den Leser gähnen – soweit ihm Himmlers Magenbeschwerden nicht sauer aufstoßen.

Vermutlich auch deswegen haben die Autoren von Himmler privat die Briefe durch längere Begleit- und Erklärtexte unterbrochen. Daran haben sie gut getan. Dies kindisch-zärtliche gartenzwergliche Gesülze: Du Liebichen lasse ja das Dummerle nie kommen, u. wenn es kommt, dann schau unserem goldigen Kindchen in seinen blauen Äuglein u. aus denen schaut auch der Vati raus u. sagt der Mutti, daß er sie so unendlich lieb hat ... – Alles in der Ordnung. Sehr kalt draußen. Hühner legen nicht. Hund ‚mieft’ den ganzen Tag. Schwein frißt. Gutes Liebchen ich küsse Dich. Dein „Bengele“ ... das hält kein Schwein über hunderte von Seiten aus.

Bei Raschers dagegen wird eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben. Es geht um gegenseitige Denunziationen bei der Gestapo, Syphilis, sexuelle Haltlosigkeit und Perversionen (die Schwester wünscht vom Vater therapeutisch befingert zu werden; Tante Maud vögelt künstlerisch); um Briefmarken, nicht akzeptierte Schwiegertöchter, Saxophonkonzerte, Unterstellungen, Unterschlagungen, Verleumdungen und Diebstahl – das pralle Leben. Der Briefwechsel von Raschers Lieblingstante, der schönen Maud, mit ihrem Geliebten aus dem Jahre 1926, kann es, was die Saftigkeit betrifft, mit dem Briefroman von Choderlos de Laclos „Gefährliche Liebschaften“ aufnehmen. Da steckt mehr Erotik drin als im gesamten Briefwechsel zwischen Heinrich und Marga von 1927 bis 1945. Selbst Raschers eigene Schreibereien, so betulich, beleidigt, moralisierend und selbstgerecht sie auch wirken, – auch war Deutsch nicht seine Stärke – sie lesen sich interessanter als Himmlers ewige Klagen über den Magen.

Keine politisch korrekte Entrüstung

Zum Begleittext in „Himmler privat“: Er liest sich gut. Angenehm fällt die weitgehende Abwesenheit des genreüblichen Entrüstungstones auf. Nur stellenweise verrennen sich die Autoren in moralisierende Küchenpsychologie. Ein Beispiel:

Weder Himmler noch Marga zeigen ein echtes Interesse am jeweils anderen. Sie stellen keine Fragen zum Alltag, zur Familie, zur Vergangenheit oder den Sehnsüchten des anderen, in den Briefen werden manchmal „hochinteressante“ Erlebnisse oder Gespräche erwähnt, ohne dass das Interessante daran je greifbar wird – kurz, es herrscht beiderseits ein völliger Mangel an Neugier und Empathie. Die gegenseitige Liebe wird in stereotypen Formeln und endlosen Redun­danzen ausgedrückt, die zugleich mit maßlosen, egozentrischen Forderungen verknüpft werden ...

Ja, du lieber Himmel! Was erwarten die Herausgeber denn? Literarische Meisterwerke? Liebesbriefe à la Choderlos de Laclos? Von einem vielbeschäftigten Verwaltungshengst und einer ehemaligen Oberschwester? Ich bitte sie! Wahrscheinlich haben die meisten Deutschen damals so oder ähnlich geschrieben. Ungewöhnlich ist höchstens, dass Himmler und Marga über Jahre hinweg beinahe täglich dieses Gesabbere absonderten. Das zwingt einem fast schon Respekt ab.

Fülle an Details

Der Begleittext enthält unzählige Details. Er ist ein Eldorado für Spezialisten und Dipfilisschisser. So wusste der Rezensent, auch ein Dipfilisschisser, nicht, dass Himmlers Geliebte Hedwig Potthast 1994 in Baden-Baden gestorben ist. Auch hatte er bisher dem Spiegel geglaubt, der 1966 berichtete, Himmler und Marga hätten sich 1926 in einem Bad Reichenhaller Hotel kennengelernt. In Wahrheit geschah dies weltbewegende Ereignis im September 1927 und im Zug von Berchtesgaden nach München. Schließlich hat der Rezensent den Himmler immer für einen Nichtraucher gehalten. Doch nein! Bis in die frühen 30er Jahre hinein rauchte der Reichsführer-SS Zigarren.

Die Unmenge derartiger Details und die unzähligen drittrangigen Personen, mit denen die Autoren im Begleittext aufwarten, werden den normalen Leser abstoßen. Der lechzt nach Handlung, Spannung und Grusel und nicht nach minutiös recherchierten Fakten. Trotz des Medienrummels um die neu gefundenen Himmlerbriefe wird sich daher der finanzielle Erfolg für den Piper-Verlag in Grenzen halten. Nicht jeder Furz, der in den Jahren 1933 bis 1945 in Deutschland gelassen wurde, kondensiert zu Goldstaub.




Letzte Änderungen: 02.09.2014


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