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Kalenderbesprechung

Juliet Merz

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Sobotta:
Faszination menschlicher Körper Edition Kalender 2020
Heye in Athesia Kalenderverlag GmbH
(Unterhaching, 2019)
Sprache: Deutsch,
14 Seiten, 49 x 68 cm
Preis: 42 Euro

Oliver Meckes und Nicole Ottawa
LifeSciences Kalender 2020 – Verborgene Welten
Moosbaum GmbH (2019)
Sprache: Deutsch und Englisch,
14 Seiten,
50 x 70 cm
Preis: 69,95 Euro
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Lindsey Fitzharris:
Der Horror der frühen Medizin
Suhrkamp-Verlag (2018)
Sprache: Deutsch,
276 Seiten
Preis: 14,95 Euro (Klappenbroschur),
12,99 Euro (E-Book)
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Tiefe Einblicke

(08.12.2019) Dekoration oder Inhalt? Die drei vorgestellten Kalender können beides.

Das neue Jahr naht, und es wird höchste Zeit, das letzte Blatt am Kalender abzureißen. Oder dekoriert bei Ihnen gar kein Papierkalender mehr den Schreibtisch oder Ihre vier Wände? Klar, elektronische Kalender sind äußerst praktisch: Termine lassen sich nahezu überall eintragen sowie nachschauen, praktische Erinnerungen machen Sie auf den fast verpassten Geburtstag der Mutter aufmerksam, und Änderungen sind mit ein paar Swipes oder Klicks rückstandslos vorgenommen. Dennoch möchten wir an dieser Stelle drei Kalender aus Papier und Draht vorstellen. Warum? Sie können mit etwas punkten, was ihren elektronischen Konkurrenten fehlt: Papierkalender sind dekorativ und transportieren dabei auch noch Inhalt.

Den Anfang macht ein wahres Monstrum aus dem Heye-Verlag. Der Posterkalender „Sobotta 2020 – Faszination menschlicher Körper“ hat ein beachtliches Format von 49 auf 68 Zentimeter. Damit passt er vielleicht geradeso in die kleine Studenten-Bude oder das Büro. Jeder Monat füllt eine Seite, wobei die Wochentage und das dazugehörige Datum nur klein am unteren Rand aufgeführt sind. Mehr als die Beantwortung der Frage „Fällt Heiligabend dieses Jahr wieder auf einen Dienstag?“ (Spoiler: Nein, tut er nicht) wird dem Kalender wohl nicht zu entlocken sein. Platz für Termine oder sonstige Eintragungen gibt es nicht.

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Dafür füllen große anatomische Zeichnungen, Beschreibungen und Erklärungen die ganze Seite. Die Bilder und Texte entstammen dem unter Medizinern wohlbekannten Anatomieatlas von Johannes Sobotta. Der deutsche Anatom hatte Anfang des 20. Jahrhunderts das heutige Standardwerk für Mediziner veröffentlicht. Mittlerweile gibt es den Atlas der Anatomie in der 24. Auflage. Er wurde mehrfach überarbeitet, aktuell sind die beiden Anatomen Friedrich Paulsen von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie Jens Waschke von der Ludwig-Maximilians-Universität München die Autoren beziehungsweise Herausgeber des Lehrwerkes.

Fehlgriff beim Titelblatt

Der Sobotta-Kalender richtet sich laut Artikelbeschreibung jedoch nicht nur an Mediziner und Medizin-Studenten, sondern auch an den interessierten Laien. Jeder Monat befasst sich mit einem Thema, darunter etwa die Nackenmuskulatur, Venen des Kopfes oder die Zunge. Der September steht im Zeichen der Augenhöhle. Während die erste Zeichnung beschreibt, welche Nachbarregionen unmittelbar neben der Augenhöhle liegen (etwa die Siebbeinzellen, Nasenhöhle und Schläfengrube), zeigen die unteren drei Abbildungen Querschnitte der Augenhöhle, beschriftet mit den lateinischen Namen der jeweiligen Gewebe und Co. Daneben finden sich kurze Erklärungstexte, in denen der Betrachter beispielsweise erfährt, dass sämtliche Strukturen in der Augenhöhle in Orbitalfettgewebe, auch Baufett genannt, eingelagert sind.

Auf dem Titelblatt des Kalenders prangt eine übergroße Schädelzeichnung, die äußerst imposant und dekorativ daherkommt. Die dazugehörige Signierung hingegen hinterlässt einen faden Beigeschmack. Sie gehört genauso wie die Zeichnung zu Erich Lepier, einem Künstler und Nationalsozialisten aus Wien, der zur Zeit des Zweiten Weltkrieges seine Bilder gerne mit dem Hakenkreuz-Symbol unterzeichnete. Vor diesem Hintergrund hätte sich für das Titelbild eine aktuellere Abbildung aus dem Sobotta-Lehrbuch besser geeignet – etwa von der medizinisch-anatomischen Illustratorin Sonja Kleber aus Löhne zwischen Münster und Hannover, die seit der 20. Auflage für den Mediziner-Atlas zeichnet.

Dennoch sind gerade die gezeichneten Abbildungen das Highlight des Kalenders und bieten auch Laien einen interessanten Einblick in den menschlichen Körper.

Eine etwas kleinere Alternative bringt der Tischkalender der Jungen Akademie im Jan-Thorbecke-Verlag. Jedes Jahr kreiert die Nachwuchs-Akademie, ein gemeinsames Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, einen Kalender zu einem spezifischen Thema. Dieses Mal lautet das Motto „Perspektiven wechseln“. Dazu haben die beiden Herausgeber, die Musikwissenschaftlerin Miriam Akkermann und der Psychologe Philipp Kanske aus Dresden, Mitglieder und Alumnae gebeten, ihre Sicht auf wissenschaftliche Themen und Forschungsgebiete aufzuschreiben. Dadurch entsteht ein Mix aus Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Und auch der Berliner Illustrator Martin Müller durfte seine eigene Perspektive auf die unterschiedlichen Themen in insgesamt zwölf Illustrationen zeigen.

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Was ist das wohl auf diesem Bild? Foto: Oliver Meckes und Nicole Ottawa

Jeder Monat erhält in dem Perspektiven-Tischkalender je zwei Seiten, wobei die Vorderseite stets das Thema nennt und daneben die Wochentage mit Datum anzeigt. Auf der Rückseite befinden sich thematisch passende Kurzessays von mindestens einem Autor. Pro Monat gibt es ein Thema. So kommt der 19 auf 22 Zentimeter große Kalender mit Vor- und Nachwort auf insgesamt sechzig Seiten.

Die Themen sind vielseitig. Es geht beispielsweise um Bioenergie oder die Welt aus der Sicht der Mikroben, aber auch um digitale Geräte in der Vorlesung und den globalen Wandel. Im Mai beleuchten die Immunologin Angelika Riemer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und der Onkologe Martin-Immanuel Bittner vom Serviceunternehmen Arctoris in Oxford Perspektiven in der medizinischen Forschung. Sie stellen klar, dass der Wechsel von präklinischer zu klinischer Forschung gerade deshalb herausfordernd ist, weil damit gleichzeitig ein Wechsel von Naturwissenschaftlern zu Ärzten passiert – „die eine andere Sprache sprechen, eine andere Herangehensweise an Fragestellungen haben und unter vollkommen anderen Rahmenbedingungen arbeiten.“

Der Tischkalender ist ein Blick über den Tellerrand und teilt die zumeist interessanten Gedanken von insgesamt 21 Wissenschaftlern, die ihre Sichtweise zu unterschiedlichen Themen formulieren und dabei spannende Einblicke in möglicherweise unbekannte Forschungsdisziplinen geben.

Verborgenes aufgedeckt

Last but not least – Auch der nächste Kalender gibt spannende Einblicke. „LifeSciences – Verborgene Welten“ ist ein imposanter Wandkalender im Hochformat mit fünfzig auf siebzig Zentimeter, den wir nicht das erste Mal im Laborjournal vorstellen. Mittlerweile vertrieben von der Moosbaum GmbH in Berlin zeigt der Kalender auf zwölf Blättern rasterelektronenmikroskopische Motive biologischer Strukturen. Hinter den Aufnahmen stecken die Wissenschaftsfotografen Nicole Ottawa und Oliver Meckes aus Reutlingen. Mit ihrem 1995 gegründeten Unternehmen Eye of Science produziert das Fotografen-Duo seine Bilder im eigenen Labor.

Für den Life-Sciences-Kalender haben Ottawa und Meckes zwölf unterschiedliche Motive ausgewählt. Unter jeder Aufnahme befindet sich ein Erklärungstext auf Deutsch und Englisch, damit der Betrachter auch versteht, was er da bewundert. Ratefüchse können den Text natürlich erstmal ignorieren und selbst versuchen herauszufinden, was auf dem Kalenderblatt zu sehen ist. Oder was meinen Sie: Was ist auf der Aufnahme oben auf dieser Seite zu sehen? Die Auflösung gibt’s am Schluss.

Die Motivauswahl deckt viele Disziplinen in der Biologie und Medizin ab. Während ein Zoologe in die dunklen Augen des Seidenspinners blickt, und der Virologe den Angriff eines T-Phagen beobachtet, kann der Nephrologe ein Nierenkörperchen aus der Nierenrinde bestaunen.

Auf der Rückseite des Wandkalenders erzählen Ottawa und Meckes kurz, wie ihre Aufnahmen überhaupt entstehen. In ihrem Reutlinger Labor haben die beiden eine breite Auswahl unterschiedlicher Gerätschaften. Im Zentrum stehen ein normales und ein Feldemissions-Rasterelektronenmikroskop. Aber auch ein Lichtmikroskop und eine Unterwasser-Kamera gehören zu ihrer Ausstattung.

Die eigentlich schwarz-weißen Aufnahmen des Rasterelektronenmikroskops werden anschließend per Bildbearbeitung aufwendig nachcoloriert. Laut Kalender-Rückseite kann dies schon mal mehrere Tage dauern.

Fazit: Egal ob Wand- oder Tischkalender, unter den vorgestellten drei Optionen dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein – und auch für jeden Geldbeutel.




Das Bild zeigt eine Amöbe mit ihren Scheinfüßchen, gefunden im nassen Boden des Nordschwarzwaldes.



Letzte Änderungen: 08.12.2019


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