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Wunsch oder Wirklichkeit – gehört die deutsche Biotechbranche noch zur Weltspitze?

Von Peter Heinrich, Stuttgart


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Während Deutschland in der Grundlagenforschung weiter punktet, funktioniert die Überführung von Forschungsergebnissen in Technologien nur schleppend. Die zugrundeliegenden Rahmenbedingungen müssen sich ändern, damit die Biotechbranche hierzulande nicht den Anschluss verpasst.

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Illustr. : iStock / MHJ

Jedes Jahr im Frühling, wenn Branchen-Kennzahlen für die Biotechnologie veröffentlicht werden, diskutieren die Medien und die Branche über die Interpretation dieser Zahlen. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Kennzahlen wie Venture-Capital-(VC)-Finanzierung, Kapitalerhöhungen über die Börse, Umsatz, Aufwendungen in Forschung und Entwicklung sowie die Zahl der Erwerbstätigen seit Jahren steigen. Auch für das Jahr 2018 konnte der Branchenverband BIO Deutschland Rekordzahlen für VC und Kapitalerhöhungen veröffentlichen. Die Forschungsaufwendungen stiegen (vier Prozent), allerdings weniger als der Umsatz (neun Prozent). Die Gründungszahlen stagnieren im niedrigen Bereich (15 Prozent). Die einen finden diese Bestandsaufnahme ganz großartig und stellen den anhaltenden Erfolg der Branche fest. Andere sehen genauer hin, sind weniger euphorisch. In einer Spiegel-Titelgeschichte im Mai („Die fetten Jahre sind vorbei“, Nummer 20) konnte man lesen: „Deutsche Firmen […] sind in nahezu allen zentralen Zukunftsbranchen mittlerweile abgeschlagen: Software, Biotechnologie, intelligente Maschinen.“ Wer hat nun die Deutungshoheit? Läuft alles prima oder müssen wir uns Sorgen machen? Wie steht es um die deutsche Biotechnologiebranche? Was ist Wunsch und was ist Wirklichkeit? Haben wir die Weltspitze verlassen und wenn ja, könnten wir wieder aufschließen?

Wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette betrachten. Von der Forschung über Gründung, Entwicklung bis hin zur Vermarktung. Die deutsche Forschungslandschaft ist erstklassig, wie von vielen Seiten bestätigt. Was die Arbeit an Universitäten und Forschungseinrichtungen angeht, besteht Einigkeit, dass die Leistungen sich problemlos mit der Spitzenforschung in anderen Ländern wie dem Vereinigten Königreich (UK) und den USA messen können.

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Dagegen gelingt es in Deutschland deutlich schlechter, Forschungsergebnisse in die Industrie und den Markt zu überführen. Wir sind in Deutschland in der Grundlagenforschung spitze, schaffen es aber nicht, bahnbrechende Ideen und Ergebnisse erfolgreich in neue Therapien oder umweltschonende Technologien zu überführen. Zumindest nicht in gebührendem Umfang. Die Wertschöpfungskette stockt hier. Warum ist das so? Ursachen gibt es viele und alle zusammen führen dazu, dass die deutsche Biotechnologie­branche Gefahr läuft, im internationalen Vergleich weiter ins Hintertreffen zu geraten. Es fehlt an Gründergeist, Entrepreneurship, flächendeckend professionalisiertem Technologietransfer, Geld, geeigneten Rahmenbedingungen und dem dazugehörigen politischen Willen, aber auch Unterstützung in der Bevölkerung.

Beginnen wir an den Universitäten. Viele angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in der Vorstellung verhaftet, eine Karriere in der akademischen Forschung zu machen. Obwohl den meisten klar sein muss, dass die Aussichten auf Erfolg ausgesprochen gering sind. Der Publikationsdruck ist hoch und alltagsbestimmend (was übrigens in den USA und anderen Ländern nicht anders ist). Es ist eine gesellschaftliche und politische Aufgabe, hier umzusteuern und Studierenden Lust darauf zu machen, ihre Karriere in die eigenen Hände zu nehmen. Das Image des Selbstständigen in Deutschland ist eher schlecht. „Selbst und ständig arbeiten“, heißt es abfällig. Viele suchen lieber nach Sicherheit im Job sowie einer attraktiven Work-Life-Balance und übersehen dabei, dass Selbstständigkeit auch eine großartige Chance ist, die Früchte der eigenen Arbeit weiterzuentwickeln und im Idealfall zu vermarkten. So muss es eine gesellschaftliche und politische Aufgabe sein, Gründungswillige durch Anerkennung zu unterstützen und im Falle des Scheiterns die Erfahrung zu honorieren. Wir brauchen diese Kultur der zweiten Chance, die zum Beispiel in den USA selbstverständlich ist. Wir brauchen mehr Begeisterung und Unterstützung für Menschen, die gründen möchten.

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Der Technologietransfer in Deutschland ist geprägt durch Technologietransferstellen an Universitäten und durch spezielle Technologietransfer- beziehungsweise Patentverwertungsorganisationen. Sie identifizieren verwertbare Erfindungen und unterstützen dabei, Erfindungen zu schützen und in die Anwendung zu überführen. Mit Ausnahme einiger Patentverwertungsorganisationen großer Forschungsgemeinschaften ist die für die Biotechnologie relevante Technologietransferlandschaft hierzulande relativ stark zergliedert und finanziell sowie personell begrenzt ausgestattet. Die Aufgaben des Technologietransfers sind oft unterschiedlich definiert und bergen Interessenskonflikte. Die Situation des akademischen Technologietransfers ist insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern, wie zum Beispiel UK, USA oder Schweiz, problematisch. Bezeichnend dafür sind unter anderem die bisher relativ geringen Verwertungserlöse der Technologietransferorganisationen, welche symptomatisch sind für die nicht zufriedenstellende Leistungsfähigkeit des Technologietransfers. Die Aufgaben des Technologietransfers sind unklar definiert und die Erwartungen, die von unterschiedlichen Seiten an Technologietransferstellen und Patentverwertungsorganisationen gestellt werden, umfassen sehr vielfältige Aspekte und führen zur Ineffizienz und Überforderung. Ein wichtiges Ziel für den professionellen Transfer einer möglichst großen Anzahl von Technologien sollte die erfolgreiche Verwertung der zum Produkt oder zum erfolgreichen Unternehmen gewordenen Forschungsergebnisse sein. Im Vordergrund müssten langfristige Erfolge statt kurzfristiger Geldeinnahmen stehen.

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Manchmal sind auch die Gründer selbst ein Problem. So sehr es natürlich zu wünschen ist, dass mehr Wissenschaftler den Sprung in die Gründung wagen, so sollten die Gründer auch auf Rat von erfahrenen Kollegen bauen. Nicht jeder Wissenschaftler kann gleich als Chief Executive Officer oder Chief Financial Officer ein Unternehmen führen und mit den oft beträchtlichen Geldsummen der Investoren umgehen, wie sollte er auch, hat er ja jahrelang etwas anderes gelernt. Hier können gemischte Teams von Vorteil sein, welche die Expertise von Wissenschaftlern mit denen von Business Professionals vereinen. Ein professionelles Team erhöht zudem auch die Chancen, mit Investoren erfolgreich zu verhandeln, beziehungsweise überhaupt für Investoren attraktiv zu sein. Voraussetzungen für ein Investment durch VCs sind hohe wissenschaftliche Güte der Projekte, umfänglicher Patentschutz und vor allem ein erfahrenes und ehrgeiziges Team mit hoher Glaubwürdigkeit, Umsetzungsstärke und einem guten Netzwerk.

Das bringt mich zum Geld. Die deutsche Biotechnologiebranche hat in der Tat Geldsorgen, und es ist alarmierend, dass Deutschland international und in Europa zurückfällt. Zwar hatten wir gerade letztes Jahr einen Finanzierungsrekord von 369 Millionen Euro VC, ein Plus von mehr als 50 Prozent zum Vorjahr. Der Großteil (225 Millionen Euro) wurde allerdings durch das Unternehmen BioNTech eingeworben. Für die vielen hundert anderen deutschen Biotechnologieunternehmen blieben da nur magere 144 Millionen Euro übrig [1].

Im gleichen Zeitraum konnten Biotechunternehmen in den USA rund 16 Milliarden Euro einwerben, in England 884 Millionen Euro und in der Schweiz 322 Millionen Euro [2]. Ein Vergleich der VC-Zahlen zwischen den USA und Deutschland in den letzten knapp 20 Jahren zeigt: Nicht nur sind die USA damals wie heute in absoluten Zahlen deutlich im Vorteil. Auch ist es in Deutschland in dem gesamten Zeitraum nicht gelungen, die Kennzahlen im gleichen Maß zu steigern, wie jenseits des Atlantiks. Bei VC ist der Abstand zwischen den USA und Deutschland sehr deutlich gewachsen und bei Investitionen in Forschung und Entwicklung ist er ebenso bemerkbar [3].

Auch innerhalb Europas fällt Deutschland zurück. Im Zeitraum von 2012 bis 2018 erhielt Deutschland nur noch 8 Prozent aller VC-Investitionen im Vergleich zu 31 Prozent im Zeitraum von 2005 bis 2011 – obwohl die Gesamtinvestitionen in Europa um den Faktor 2,3 gestiegen sind. Dies dokumentiert einen dramatischen disproportionalen Rückgang an Investitionen und einen Bedeutungsverlust, dessen volkswirtschaftlicher Schaden noch nicht absehbar ist. Diese Fakten stehen zudem im Widerspruch zu der nach wie vor hohen Anzahl und dem Anteil von deutschen wissenschaftlichen Publikationen, verglichen mit anderen europäischen Ländern [4].

Die Probleme für die deutschen Biotechnologieunternehmen bestehen vor allem bei der Einwerbung von VC in der Wachstumsphase und beim Sprung an die Börse, wobei Letzteres Ersteres bedingt (und umgekehrt). Die Deutsche Börse scheint keine ernsthafte Option mehr zu sein für Börsengänge von Biotechunternehmen. Lediglich Formycon und B.R.A.I.N haben sich in diesem Jahrzehnt für ein Listing an der Deutschen Börse entschieden. Die anderen Börsengänge haben ausschließlich an nicht-deutschen Kapitalmärkten wie Euronext oder NASDAQ stattgefunden (Immunic, InflaRx, Affimed, Pieris, Probiodrug [jetzt Vivoryon Therapeutics] und Curetis).

Einige Unternehmen verschafften ihren Investoren allerdings durch Übernahmen einen stattlichen „Return on Investment“. Oft sind solche Übernahmen leider mit dem Verlust von hochqualifizierten Arbeitskräften verbunden. Die Wertschöpfung aus vielversprechenden Pipelines findet dann häufig nicht mehr in Deutschland statt, wenn der Käufer im Ausland ansässig ist, wie z. B. bei den Übernahmen von Micromet durch Amgen und von Rigontec durch die amerikanische Merck & Co.

In Deutschland sind Biotechnologieunternehmen mit Technologieplattformen und Dienstleistungen wesentlich häufiger als die deutlich kapitalintensiveren Therapieentwickler (die sich teilweise auch über Dienstleistungen finanzieren). In UK oder den USA gibt es im Vergleich dazu relativ mehr Wirkstoffentwickler. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Umsatz der deutschen Unternehmen zwar fast zweistellig steigt, die Investitionen in Forschung und Entwicklung aber geringer ausfallen. Dies kann zwar ein Zeichen dafür sein, dass Produkte die Marktreife erreicht haben und Unternehmen verstärkt in Marketing und Vertrieb investieren. Es kann aber auch ein Indikator für eine verringerte Innovationskraft der Unternehmen sein. Wir brauchen in Deutschland dringend mehr Investitionen, um Hightech-Innovationen erfolgreich für den Markt zu entwickeln.

Die erfolgreichste Biotech-Nation der Welt sind zweifelsohne die USA. Daher müssen deutsche Unternehmerinnen und Unternehmer den Blick über den Atlantik wagen. In den USA gibt es die Investoren, die das Potenzial von Biotechunternehmen sehen und nicht nur die aktuell möglichen Umsatzchancen. Diese Investoren erwarten selbstverständlich eine hohe Professionalität der Management-Teams und in der Regel auch Ansprechpartner des Unternehmens vor Ort in den USA. Beides können und wollen deutsche Biotech-Manager nicht immer erfüllen. Dennoch kommt heute kaum ein kapitalsuchendes Biotechunternehmen an den USA vorbei.

Amerikaner lassen sich gerne von Technologie begeistern, auch von der Bio- und Gentechnik, und sind weit weniger risikoscheu. Dies schafft ein gesellschaftliches Klima, das Hightech-Innovationen begünstigt. Selbst wenn man wollte, ließe sich diese Mentalität nicht einfach kopieren. Es würde sich dennoch lohnen, sich das eine oder andere abzuschauen. Die Deutschen sind zwar mittlerweile Therapeutika aus der Bio- und Gentechnik gegenüber weitgehend positiv eingestellt, aber über den Beitrag der Biotechnologie zum Beispiel in Körperpflege- oder Haushaltsprodukten und in Lebens- und Futtermitteln ist wenig bekannt. Wir brauchen auch hier dringend mehr Wertschätzung für das innovative Potenzial der Biotechnologie sowie für deren gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Bedeutung.

Natürlich lassen sich auch durch ordnungspolitische Maßnahmen und Forschungsprogramme, Rahmenbedingungen so gestalten, dass die deutsche Biotechnologiebranche profitieren kann. Viele Versprechungen aus dem Regierungsvertrag der aktuellen Großen Koalition werden aber nur schleppend umgesetzt, so beispielsweise die Agenda von der Biologie zur Innovation oder die Agentur für Sprunginnovationen. Zudem sind die zur Verfügung gestellten Finanzmittel gering. Die Agentur für Sprunginnovationen nimmt sich die US-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) zum Vorbild und soll bahnbrechende Ideen schneller in die Anwendung bringen. Eine Milliarde Euro sind dafür für den Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen. Das Budget der DARPA beträgt hingegen 3 Milliarden Dollar für das Jahr 2018. Es ist hierzulande wohl doch keine „Agentur für Weitsprung“ vorgesehen.

Für die seit Jahren geforderte und wiederholt versprochene steuerliche Forschungsförderung wurde dieses Frühjahr ein Gesetzesentwurf vorgelegt. Trotz der hohen Kosten einer solchen Maßnahme soll die steuerliche Forschungsförderung für alle Unternehmen unabhängig von der Größe gelten, obwohl zum Beispiel auch von der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) dringend geraten wurde, den Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen zu lenken. Deren Innovationsintensität sinkt nämlich im Gegensatz zur Großindustrie seit Jahren. Eine wichtige noch fehlende Maßnahme wäre auch, durch geeignete Rahmenbedingungen Anreize zu setzen, um private Anleger für Investitionen in Hightech zu begeistern.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass wir trotz recht guter Zahlen von anderen Nationen überholt werden, die größere Erfolge vorzuweisen haben, vor allem – aber nicht nur – auf dem Gebiet der kostspieligen Entwicklung neuer Therapien. Auch der Produktionsstandort Deutschland, lange hinter den USA führend in der Produktion von Biopharmazeutika, wird sukzessiv durch die Konkurrenz aus Asien von der Spitze verdrängt.

Es ist also dringend geboten, das Ruder herumzureißen. Wir müssen eine Gründerkultur auch für risikoreichere Hochtechnologieentwicklungen etablieren, nicht nur für digitale Start-ups. Wir müssen den Technologietransfer aufwerten und professionalisieren. Wir brauchen ein Kapitalmarktökosystem, das große Investitionen in Biotechnologieprojekte ermöglicht, und nicht zuletzt muss es gelingen, die Öffentlichkeit mitzunehmen und für das Potenzial der Biotechnologie zu begeistern. Die deutsche Biotechnologiebranche muss sich nicht verstecken. Aber wenn wir nicht zupackend die Rahmenbedingungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg verbessern, werden wir uns schwer tun, noch lange im Spitzenfeld vertreten zu sein.



Referenzen

[1] Pressemitteilung BIO Deutschland https://www.biodeutschland.org/de/pressemitteilungen/rekordfinanzierung-fuer-die-deutsche-biotechnologiebranche.html?year=2019

[2] Zahlensprünge, Deutscher Biotechnologiereport 2019, EY

[3] Sprung nach vorne, Deutscher Biotechnologiereport 2018, EY

[4] McKinsey Report | Bio€quity Europe Conference, Barcelona, May 20-21 201



Zum Autor

Peter Heinrich studierte Biologie und Chemie an der Universität München und arbeitete nach seiner Promotion an der Harvard Universität. Heute ist Heinrich Geschäftsführer der Sinfonie Life Science Management GmbH in Planegg sowie Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland.


Letzte Änderungen: 15.07.2019

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