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Auf steinigem Weg zur offenen Wissenschaft

Von Wolf Blanckenhorn, Zürich


(15.07.2022) Wissenschaftliche Verlage entmachten, Universitäten und Forschungseinrichtungen stärken sowie Fachgesellschaften aufwerten – wenn dann noch das Wissenschaftspersonal selbst mitzieht, wäre der Weg frei für Open Science.

Die Wissenschaft – genauer gesagt: die Wissenschaftskommunikation – durchläuft derzeit einen Paradigmenwechsel, der uns am Ende eines langen Tunnels eine offenere, gerechtere und diversere Wissensgesellschaft verspricht. Diese soll schließlich auch Wirtschaft und Politik nützen und den Fortschritt der Welt befördern. Die Rede ist von Open Science.

Damit ist vor allem das Fernziel einer allgemein offenen und kostengünstigen, wenn nicht gar kostenfreien Zugänglichkeit sämtlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse dieser Welt gemeint – ähnlich beispielsweise der Zugänglichkeit von Musik. Allerdings erfordert dies eine radikale Umwälzung des derzeitigen Geschäftsmodells der Wissenschaftspublikation, die bereits im Gange ist – mit berechenbaren wirtschaftlichen Konsequenzen für verschiedenste Marktteilnehmer, insbesondere die Verlage. Aber auch der (Wissenschafts-)Journalismus als Ganzes, die Universitäten als Hauptarbeitgeber und -abnehmer, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst als Produzenten sowie ihre Standesorganisationen sind betroffen.

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Wie so oft ist die neue Situation dem technischen Fortschritt geschuldet, in diesem Falle dem Siegeszug des Internets. Denn prinzipiell erlaubt das Internet bereits die freie Veröffentlichung aller möglicher kultureller Inhalte (Musik, Filme, Zeitungsartikel, ganze Bücher et cetera) von allen für alle. Kulturschaffende haben relativ einfache Möglichkeiten, ihre Inhalte für alle zugänglich ins Netz zu stellen.

Gleichzeitig jedoch haben ihre Agenten, die Musik-, Film- oder Buchverlage, wie auch sie selbst, kaum noch Möglichkeiten, für ihre Dienstleistungen Geld zu verlangen und dieses effizient vom Kunden einzutreiben: Sie haben im Internet die Kontrolle über den Markt verloren. So sind viele traditionelle Publikationen (Bücher, Zeitschriften, Ton- und Filmträger et cetera) schlicht überflüssig geworden. Auch wissenschaftliche Artikel werden nicht mehr gedruckt und in Bibliotheken für Spezialisten und die Öffentlichkeit gelagert und zugänglich gemacht. Folglich ist die offene Wissenschaft eigentlich schon da – gäbe es nicht mächtige Wissenschaftsverlage, die ihr traditionelles, bislang äußerst einträgliches Geschäftsmodell bewahren wollen [1]. Und auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, ihre Standesorganisationen, die Universitäten, die Politik, ja die ganze Gesellschaft – alle Stakeholder eben – kämpfen mit, allerdings auch gegen die notwendigen Anpassungen im System.

Über die andauernde Kampagne für eine offenere Wissenschaft (Open Science) ist bereits viel geschrieben worden [2, 3]‚ was hier nicht alles wiederholt werden soll. Stattdessen möchte ich hier die Standpunkte der diversen, bereits oben erwähnten Interessengruppen diskutieren.

Die wissenschaftlichen Verlage und ihre Zeitschriften

Die ersten wissenschaftlichen Fachzeitschriften entstanden bereits recht früh im 16./17. Jahrhundert, um die immer wichtiger werdende, notwendige wissenschaftliche Kommunikation der Fachleute untereinander zu ermöglichen (Beispiele sind das Journal des Sçavans oder die Philosophical Transactions of the Royal Society). Zuvor geschah dies hauptsächlich über persönliche, zum Teil von aufkommenden Fachgesellschaften organisierte Treffen – sowie über (wenige) wichtige Bücher, wie etwa Charles Darwins „Origin of Species“. Anfänglich gab es sehr wenige solche Zeitschriften, doch seit Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich, grob thematisch organisiert, mit der steigenden Anzahl von in der Wissenschaft Tätigen immer mehr davon heraus (beispielsweise Zeitschrift für Physiologie, American Naturalist, Evolution, Ecology, ...).

Dieser Prozess beschleunigte sich im 20. Jahrhundert ungemein, was zu unzähligen, oft thematisch, taxonomisch oder auch geographisch immer spezialisierteren Zeitschriften führte (etwa Ecological Entomology, Journal of Thermal Biology, Journal of the American Mosquito Control Association). Immer mehr Zeitschriften konnten – insgesamt weniger selektiv – immer mehr Artikel aufnehmen. Die Kommunikationssprachen reflektierten dabei die gängige kulturelle Dominanz der jeweiligen historischen Periode in der Wissenschaft – zuerst Latein, dann Französisch, Deutsch, schließlich Englisch.

Wurden die Zeitschriften anfänglich noch zumeist von thematisch organisierten wissenschaftlichen Fachgesellschaften oder Universitäten im Selbstverlag herausgegeben, entwickelten sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr spezialisierte wissenschaftliche Verlage [1]. Seither verdienen diese Verlage mit ihrem Geschäftsmodell gutes Geld, vor allem da sich durch Zukäufe und Konsolidierung schließlich einige wenige große Verlage im naturwissenschaftlichen Markt durchgesetzt haben und diesen inzwischen nahezu monopolistisch dominieren (Wiley-Blackwell, Elsevier, Springer).

Das bis anhin gängige Geschäftsmodell basiert(e) auf der Bereitstellung einer gedruckten Plattform – eben der Zeitschrift –, um wissenschaftliche Studien nach Begutachtung von Experten im Peer-Review und abschließendem Redigieren zu verbreiten und allen interessierten Parteien zugänglich zu machen – vor allem natürlich der wissenschaftlichen Community. Nur selten werden diese (teuren) Journale von Privatpersonen abonniert (zum Beispiel von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst, oder von Vereinen). Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa dem New Scientist sind diese Journale auch nicht an interessierte Laien oder Journalisten gerichtet. Stattdessen wurden und werden wissenschaftliche Zeitschriften hauptsächlich von öffentlichen oder privaten Universitätsbibliotheken abonniert.

Logischerweise dürfen insbesondere gute und für einen Wissenschaftszweig wichtige Journale (Nature, Science & Co.) in keiner gut sortierten Bibliothek einer Forschungseinrichtung mit Anspruch fehlen – was den Wissenschaftsverlagen letztlich unzählige Abnehmer garantiert. Diese verlangten und erhielten von den Autoren (den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern) einen Urheberschutz übertragen (Copyright), und so konnten sie sich ihr Produkt von den Bibliotheken teuer bezahlen lassen. Zumindest anfänglich war die damit verbundene Dienstleistung auch nicht banal: der Verlag organisierte den Peer-Review mit allem Schriftverkehr, redigierte den Artikel sprachlich, produzierte ein ansprechendes Layout der Abbildungen, druckte jeden Artikel auf Hochglanzpapier und sorgte für die weltweite Verteilung in die Bibliotheken.

Als ich meine wissenschaftliche Laufbahn in den 1980er-Jahren begann, tippte ich als Autor meine ersten Artikel noch auf Schreibmaschinen (oder den ersten Schreibtischrechnern), die zugehörigen Abbildungen wurden mit Tusche gezeichnet. Nach freier Wahl eines entsprechenden Journals für die Publikation (etwa die Zeitschrift für Tierpsychologie) sandte ich den fertigen Artikel in vierfacher Kopie per Post an den Hauptherausgeber der Zeitschrift – typischerweise ein Wissenschaftler (dazumal zumeist ein Mann), der für diese Dienste jedoch keine Bezahlung, wohl aber viel Ruhm und Ehre einheimsen konnte. Dieser musste mindestens zwei (eher drei) Fachgutachter finden, an die er die Kopien weiterschickte. Diese schrieben (wiederum kostenfrei) in der Regel anonyme Fachgutachten, aufgrund derer dann der Artikel entweder zurückgewiesen oder – nach allerhand Diskussion und Bearbeitung durch alle Parteien – letztendlich redigiert zum Druck akzeptiert wurde, um Monate später in der Zeitschrift zu erscheinen.

Dieser Prozess läuft aufgrund des technologischen Fortschritts inzwischen grundlegend anders ab. Wissenschaftliche Artikel werden nicht mehr auf Papier gedruckt und mühevoll verteilt, sondern irgendwo auf den Internetseiten der Verlage verankert. Den Großteil der Information geben die Autoren über Internetmasken selbst ein, und das Layout erledigen Maschinen. Der Peer-Review dagegen läuft, wenn auch inzwischen entsprechend elektronisch und digital, immer noch ähnlich ab – weiterhin ohne direkte Bezahlung, versteht sich.

Folglich hat sich die Kostenstruktur der Publikation wissenschaftlicher Zeitschriften für die Verlage mittlerweile stark gewandelt: Deren ursprüngliche Dienstleistungen haben sich in nahezu Nichts aufgelöst, während die den Bibliotheken abverlangten Erlöse eher noch gestiegen sind [4]. Nichtsdestotrotz versuchen die etablierten Verlage im Internet ihr Geschäftsmodell, das heißt ihren Urheberschutz, zu bewahren – hauptsächlich indem sie den Zugang zu ihren Inhalten mit immer neuen Methoden zu verhindern wissen. An neuen Dienstleistungen fällt ihnen allerdings außer „Marketing“ wenig ein. Per Suchmaschine lassen sich einerseits wissenschaftliche Artikel inzwischen leicht finden, auch sehr alte Publikationen wurden inzwischen eingescannt – andererseits macht die schiere Masse derartiger Publikationen im Internet es immer mühsamer, Information von Werbung, richtig von falsch, gut von böse, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Man orientiert sich daher an der Reputation der Autoren – und weiterhin der Journale.

Das Hauptproblem der etablierten Verlage ist der immense politische Druck der Open-Science-Bewegung gegen das etablierte Copyright-Modell. Beim alten Modell bezahlt nämlich der Leser, wenn auch indirekt über die Beiträge der Universitätsbibliotheken. Dies ist inkompatibel mit der Idee des weltweit (kosten)freien Lesezugangs zu sämtlichen wissenschaftlichen Publikationen für alle, ob Spezialist oder Laie, wie etwa im europäischen PlanS vorgesehen [5, 6, 7]. Wie für Zeitungen und Journalisten, aber auch viele Künstler, stellt sich bei freiem Zugang zu ihren Produkten allerdings die Frage, wie die Verlage zur Bezahlung ihrer Dienstleistungen kommen.

Die Produzenten der Wissenschaft

Womit wir bei den Produzenten wären, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst. Das Alternativmodell sind nämlich Dienstleistungsbeiträge der Autoren, beziehungsweise ihrer Förderer (Forschungsfinanzierung) oder Arbeitgeber (Universitäten) – sogenannte Article Processing Charges (APCs). Dieses neue Geschäftsmodell wird bereits insbesondere von den zahlreichen neuen Internet-basierten Gold-Open-Access-Verlagen praktiziert, die wie Pilze aus dem Boden schießen [8].

Allerdings mutet dieses System absurd an, denn normalerweise werden Autoren, Journalisten oder Künstler für ihre Produkte bezahlt (Texte, Bilder, Musik et cetera), und müssen nicht noch für deren Publikation bezahlen. Zumal Autorinnen und Autoren im Zeitalter des Internets inzwischen nahezu die ganze Arbeit selbst machen können – über das Layout bis hin zum Aufladen und Marketing ihrer Schriften. Unzählige Blogs zeugen davon.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in der Regel von ihren Arbeitgebern, den Universitäten und Forschungseinrichtungen, ordentlich für Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit bezahlt. Zudem erhalten sie großzügige Beiträge von zumeist öffentlichen Forschungsförderern (Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG); Schweizerischer Nationalfonds, SNF; Österreichischer Wissenschaftsfonds, FWF; ...). Die wissenschaftliche Veröffentlichung ist der notwendige abschließende Leistungsnachweis dieser Arbeit. Sollen diese Träger nun auch noch zusätzlich die Erträge der Verlage über APCs subventionieren, obgleich sich deren Dienstleistungen sukzessive in Luft aufgelöst haben? (Inzwischen tun sie es, um den Systemwechsel zu forcieren!)

Die Auffassung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu diesen Umwälzungen ist einerseits erstaunlich gleichgültig, andererseits empört. Denn einerseits sind sie mit diesem System aufgewachsen und haben sich daran gewöhnt – sie bezahlen ja auch nicht selbst. Andererseits erfüllen sie unzählige Rollen in einem komplex gewachsenen Wissenschaftssystem, die nicht notwendigerweise kompatible Standpunkte befördern.

Ich selbst trage beispielsweise sehr viele unterschiedliche Hüte: Ich bin Lehrer, Forscher, Kommunikator, Museumsangestellter, Gruppenleiter, Chef, Manager, Organisator (beispielsweise von Ausstellungen oder Tagungen), Autor, Gutachter, Selbstdarsteller, Experte, Wissenschaftsjournalist ... Alles gleichzeitig oder nebeneinander. Ich produziere dauernd, beurteile ständig andere (nicht nur Studierende) und werde selbst beurteilt (Forschungsanträge, Stellenbewerbungen, Unterricht, wissenschaftliche Artikel, Dissertationen, Semesterarbeiten, ...). Habe ich heute einen wissenschaftlichen Artikel bei der Zeitschrift X eingereicht, kriege ich morgen vielleicht schon eine Anfrage von einer anderen Zeitschrift Z, den Artikel einer Kollegin zum selben Thema fachlich zu begutachten.

Professuren sind außerordentlich rar und heiß begehrt. Die Konkurrenz um Forschungsgelder ist groß, vor allem im anwendungsbezogenen Bereich, wo auch noch Patente locken. All dies trägt zum Ruf, zur Reputation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei. Doch wie sollen sie in einem derartigen Umfeld ihre Objektivität bewahren? Dem System als Ganzem fällt die Qualitätskontrolle daher sichtlich schwer.

Für aktive Forscherinnen und Forscher (nicht alle Universitätsdozentinnen und -dozenten tun dies erfolgreich) haben sich ihre Veröffentlichungen als das Maß ihrer Reputation etabliert. Dies bleibt ihr Hauptleistungsnachweis. Da das Gros der Forschung jedoch sehr spezialisiert ist, können eigentlich nur Fachkolleginnen und -kollegen diese Arbeit als Peers richtig beurteilen. Dies läuft über den Peer-Review in den Fachzeitschriften (siehe oben), die traditionell von Standesorganisationen (siehe unten) herausgegeben beziehungsweise kontrolliert wurden. Die Logik dabei: Wenn ausgewiesene Spezialisten die Arbeit für gut befunden haben, erhöht dies den guten Ruf einer Person. Man delegiert sozusagen die Beurteilung an andere Spezialisten – eine häufige Strategie bei Personalentscheidungen, die durchaus sinnvoll ist.

Historisch hat sich eine Impact-Rangordnung von Zeitschriften mit unterschiedlicher Reputation etabliert, die auf die Autoren abfärbt. Dieser Impact-Faktor von Zeitschriften wird bei Evaluationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gerne als Platzhalter genutzt. Als indirektes Maß reflektiert er nicht nur die Rolle als Artikelautor, sondern üblicherweise auch die Rolle als (in der Regel anonymer) Fachgutachter sowie den Grad der Vernetztheit einer Person in Fachzirkeln. Dazu müssten freilich die Gutachten ebenfalls publiziert werden, um einen offenen Diskurs zu ermöglichen – was bislang aufgrund von Geheimhaltungswünschen vieler Seiten nicht der Fall ist.

Nun hat sich der Impact-Faktor von Zeitschriften aufgrund der technologischen Entwicklung inzwischen stark verändert: Suchmaschinen messen einfach nur noch Zitationen (Aufrufe), ähnlich den „Likes“ der sozialen Medien. Zitationen sollten nach wie vor in irgendeiner Art und Weise die Qualität, Relevanz und Originalität eines Artikels, und damit in ihrer Gesamtheit den Ruf von Forscherinnen und Forschern definieren und reflektieren. Am Ende geht es jedoch oft nur noch um Zitationshäufigkeiten, die vor allem die Popularität von Modethemen in der Wissenschaft widerspiegeln und sich zudem zwischen Fachgebieten und Personen derart unterscheiden, dass sie schlecht für direkte Vergleiche taugen.

Obgleich man folglich mittlerweile Aufrufe von einzelnen Publikationen gut messen kann (sogenannte „Altmetrics“) und das Journal als Träger damit eigentlich zweitrangig geworden ist, wird dennoch der viel indirektere Impact gewisser traditionell prominenter Zeitschriften (zum Beispiel Nature, Science) entgegen jedweder Vernunft weiter als Qualitätskriterium bei der Evaluation von Einzelpersonen genutzt [9, 10]. Dies vor allem auch deshalb, weil es inzwischen sehr viele kommerzielle, also nicht mit Fachgesellschaften verbundene, Zeitschriften auf dem Markt gibt, die unter Umständen andere Publikationskriterien haben oder einfach nicht selektiv und kritisch genug sind.

Andererseits gab es früher ebenfalls schon überfachliche wissenschaftliche Zeitschriften (wie etwa Nature), die spätestens heutzutage eher das (durchaus sinnvolle) journalistische Ziel haben, wissenschaftliche Resultate auch in der Öffentlichkeit und Politik zu verbreiten. Auch für diese Journale steht daher nicht unbedingt der fachliche Diskurs im Vordergrund, sondern eher Neues und Spektakuläres. Ist die Mehrheit einer Berufungskommission nicht vom Fach (wie inzwischen üblich), (er)kennen die meisten nur diese Zeitschriften und ihr Renommee. So entscheiden letztlich (Wissenschafts-)Journalisten, was an die Öffentlichkeit kommt und wer Professorin oder Professor wird.

All diese Entwicklungen befördern letztlich die Popularisierung der Wissenschaft: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden zu Popstars. Ob dies der Sache dient, ist zu bezweifeln.

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Die Fachgesellschaften (Standesorganisationen)

Die klassischen Journale der Fachgesellschaften gibt es noch, doch sie verlieren zunehmend Autoren und Einfluss. Zu viele andere Wissenschaftszeitschriften gibt es mittlerweile, sodass sich selbst Erfahrene nicht mehr gut zurechtfinden. Es sollte jedoch klargeworden sein, dass der Ruf ganzer Wissenschaftszweige wie auch einzelner Personen sehr stark von der Beurteilung durch die Kollegenschaft abhängt – und auch abhängen sollte. Deshalb ist deren Organisation in Fachgesellschaften so wichtig und ihre Mitwirkung beim Peer-Review essentiell.

Nun hat sich die Zahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit derart stark erhöht, dass es inzwischen sehr viele solche Gesellschaften gibt. Diese thematische, geographische, eventuell auch politische Diversifizierung hat nicht nur Vorteile, da die notwendige Vernetzung dadurch eher erschwert wird. In der Praxis sind die meisten Leute in mehreren Fachgesellschaften aktiv und begutachten Artikel vieler verschiedener Zeitschriften. So werden einzelne Spezialisten mit gutem Ruf schnell überfordert: Sie lehnen daher viele Begutachtungen ab, sodass letztlich Cliquen entstehen. Andererseits werden viele Artikel nicht von kompetenten Spezialisten oder gar nicht beurteilt. Inzwischen können alle ihre wissenschaftlichen Artikel ohne Begutachtung auf sogenannte Preprint-Server laden. Dieser resultierende Wildwuchs behindert die Qualitätskontrolle sowie die notwendige Internationalisierung und Koordinierung der Wissenschaft als Ganzes. Und es bestehen historische Chauvinismen fort. Dass derzeit wissenschaftliche Artikel fast ausschließlich auf Englisch veröffentlicht werden (müssen), ist beispielsweise für viele bereits ein solcher Kulturchauvinismus, denn eine Mehrheit muss zumindest eine Fremdsprache gut beherrschen [11, 12, 13].

Somit ist die Reorganisation des Peer-Review zur Hauptaufgabe geworden, ansonsten bricht das etablierte Platzhalter-System der Beurteilung von Wissenschaft zusammen. Schon allein deshalb sollten Platzhalter nicht mehr die frühere Rolle bei der Beurteilung von wissenschaftlichen Leistungen spielen: Komplexe Situationen erfordern komplexere Evaluationen [9].

Ferner bedeutet Open Science natürlich mehr als nur offener Zugang zu sämtlichen wissenschaftlichen Publikationen für alle. Es bedeutet auch offenen Zugang zu allen Rohdaten sowie den unterliegenden theoretischen Modellen und statistischen Analysen. Ein durchaus sinnvolles, aber gigantisches Unterfangen – selbst im Zeitalter von Clouds und Big Data.

Traditionell war dies indes keineswegs der Standard. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben ihre Daten behütet wie ihre eigenen Kinder, denn viel Energie, Zeit und Geld fließt in ihre Produktion – von kommerziellen Patenten gar nicht zu reden. So wurde die Veröffentlichung zu einer mehr oder weniger gut erzählten und verkauften Berichterstattung der hochverarbeiteten Daten. Ohne die zugehörigen (Roh-)Daten und (Roh-)Analysen lässt sich jedoch keine wissenschaftliche Arbeit richtig beurteilen, und auch unlauteres Verhalten nicht aufdecken.

Insgesamt ist die Rolle der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in diesem Zusammenhang also durchaus zwiespältig. Obgleich sie als legitime Hüter und Lotsen des wissenschaftlichen Qualitätsmanagements und Diskurses fungieren, hängen viele zugleich am wirtschaftlichen Tropf der Verlage, die sie mittlerweile an ihren Profiten aus dem Verkauf von Abonnements an Universitätsbibliotheken beteiligen. Über den traditionellen Peer-Review hinaus fördern Fachgesellschaften nämlich mit ihrem Einkommen die Wissenschaft in vielerlei Weise. Beispielsweise subventionieren sie die Organisation von inzwischen recht teuren wissenschaftlichen Konferenzen oder Workshops, wie auch sehr direkt den wissenschaftlichen Nachwuchs in vielfältiger Weise. Sie haben so ihren Einflussbereich ausgedehnt, brauchen dazu aber auch finanzielle Mittel über die traditionellen Mitgliedsbeiträge hinaus, die alleine nicht sehr weit tragen.

Als Fazit lässt sich feststellen, dass viele der neuen kommerziellen Open-Access-Journale nicht gebraucht und mittelfristig wohl auch wieder eingehen werden – spätestens wenn die Geldgeber via Autoren keine APCs mehr zahlen. Gleichzeitig sollten die überfachlichen Zeitschriften sich auf ihre journalistische Hauptaufgabe des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Öffentlichkeit konzentrieren, anstatt selbst Wissenschaft zu publizieren – so wie es etwa Scientific American oder New Scientist tun. Schließlich sind es nach wie vor die traditionellen Journale von in föderaler Weise organisierten und vernetzten Fachgesellschaften, die den besten Peer-Review garantieren, da sie von den relevanten Fachleuten unterstützt werden.

Die Arbeitgeber und Finanzierer

Es sollte klargeworden sein, dass viele Geldströme im derzeitigen Wissenschaftssystem sehr indirekt fließen. Dies macht es für Laien undurchsichtig. Letztlich zahlen die Hauptarbeitgeber der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Zeche: die Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie die Forschungsförderinstitutionen. Grundlagenforschung wird hauptsächlich universitär und öffentlich finanziert, somit durch den Steuerzahler. Die Forschung privater Unternehmen ist dagegen mehrheitlich Produktentwicklung, wobei selten offen veröffentlicht wird, denn man will ja mit Resultaten und Patenten selbst Geld verdienen und gerade nicht teilen. Dies betrifft zum Teil auch Fachhochschulen (Polytechnics, Universities of Applied Science), die ja oft mit privaten Firmen und Geldgebern zusammenarbeiten (müssen), dafür ihren Absolventinnen und Absolventen Arbeitsplätze verschaffen können, ihre Erkenntnisse jedoch oft nicht publizieren (dürfen). Deren Anreizstruktur unterscheidet sich daher fundamental von derjenigen der akademischen Universitäten.

Die Finanzierung des wissenschaftlichen Publikationswesens durch die arbeitgebenden Universitäten geschieht über mindestens zwei Kanäle. Erstens arbeiten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Fachgesellschaften sowie für deren Journale als Herausgeber (Editor) oder Gutachter (Reviewer), ohne ein direktes Gehalt dafür zu beziehen. Bei mir mach(t)en solche Tätigkeiten etwa 10 bis 15 Prozent meines Gesamtpensums aus, doch schwankt dies stark je nach Engagement. Das heißt, die Universitäten subventionieren Fachgesellschaften und Journale über die ehrenamtliche Arbeit ihrer Angestellten. Zweitens unterhalten zumindest forschungsorientierte Institutionen umfangreiche Fachbibliotheken, die letztlich viele teure (gedruckte) Fachzeitschriften abonnieren, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Forschungsarbeit benötigen und aus denen sich die Profite der Verlage speisen. Das Budget meiner Universität dafür geht in die Millionen. Die Universitätsbibliotheken bezahlen so die Verlage, subventionieren aber auch (indirekt) die Arbeit der Fachgesellschaften. Dies obwohl im Zeitalter des offenen Zugangs zu aller (neuen) Fachliteratur im Internet traditionelle Bibliotheken theoretisch nicht mehr notwendig sind, außer für die nicht wenigen „alten“ Bücher und Zeitschriften, die noch nicht elektronisch gescannt verfügbar sind.

Die Universitätsbibliotheken würden daher liebend gerne die finanzielle und inhaltliche Kontrolle über offene Wissenschaftspublikationen auf (Pre-)Print-Servern von den Verlagen übernehmen, das Know-how dazu haben sie. Dazu haben die Bildungsinstitutionen ja bereits das (bezahlte) Mandat, Öffentlichkeit und Politik aufzuklären. Und die Qualitätskontrolle über den Peer-Review läge dann, über die Fachgesellschaften, auch bei ihnen.

Resultat wären somit neu erfundene digitale Universitätsverlage – und damit wären wir wieder dort, wo einmal alles anfing (siehe oben). All dies geschieht bereits [5, 14, 15]. Und auch direkt öffentlich geförderte sowie von Verlagen unabhängige Webplattformen für den Peer-Review gibt es bereits – zum Beispiel die französische „Peer Community in“ (PCI, peercommunityin.org), die in etwa die Rolle einer neuartigen digitalen Fachgesellschaft einnimmt.

Der technologische Fortschritt und Open Science versprechen somit erhebliches Sparpotential für die Universitäten bei den Bibliotheken – wie auch mehr Einfluss. Dies ist auch recht so, denn sie müssen ja letztlich gegenüber der Öffentlichkeit auch für die Arbeit ihrer Forschungstätigen geradestehen, die sie bezahlen. Die großen Wissenschaftsverlage versuchen derweil, ihre alten Sammel-Pauschalabonnements weiterhin zu verkaufen und gleichzeitig kostenpflichtige Übergangsangebote mit offenem Zugang anzubieten – auch damit die beliebten traditionellen Journale der Fachgesellschaften keine Kunden verlieren (sogenanntes Hybrid-System). Denn der Druck der nationalen Forschungsförderer auf die Wissenschaft wächst, gemäß PlanS nur noch Open-Access-Publikationen zu akzeptieren.

Fazit: Die Ökonomie der Wissenschaftspublikation – Wer bestellt, bezahlt nicht!

Die Geldflüsse in der wissenschaftlichen Publikationslandschaft sind offensichtlich undurchsichtig. Es ist jedoch wert, zumal als direkt Beteiligte, sich damit auseinanderzusetzen, will man den anstehenden Paradigmenwechsel hin zu Open Science wirklich verstehen. Musik- und Film-Industrie wie auch die Presselandschaft haben diesen Paradigmenwechsel ja schon früher durchgemacht. So kann man sich denken, in welche Richtung „der Markt“ alles regeln wird.

Die Wissenschaftsverlage, über Jahrzehnte (wenn nicht Jahrhunderte) gewachsen und auch wieder gestorben, haben lange gut vom System gelebt. Allerdings haben sie handfeste ökonomische Interessen und taugen daher nicht als Gralshüter der Qualitätskontrolle, denn sie verfolgen hauptsächlich wissenschaftliche wie auch kommerzielle Modeströmungen. Zwar geben die Verlage einigen (Ex-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Arbeit, etwa als geschäftsführende Editoren von Zeitschriften, und auch die vielen involvierten Forschungsaktiven kriegen inzwischen hie und da einen kleinen Zustupf für ihre Dienste als Gutachter oder Herausgeber. Alles in allem jedoch haben die Verlage die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lange genug regelgerecht ausgenutzt und von anderen bezahlen lassen, um ihre Erträge zu steigern. Letztere wiederum haben sich gerne ausnutzen lassen, da sie ja sowieso bezahlt wurden und diese Tätigkeit korrekterweise als Teil ihrer Stellung begriffen. Vor allem können sie über Gutachtertätigkeiten für Journale Hintergrundinformationen erhalten und so Einfluss gewinnen auf den Lauf der Wissenschaft – letztlich ihr Kerninteresse (nicht zuletzt auch, um sich selbst zu vermarkten).

Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind als Gralshüter der Qualität tatsächlich fachlich und demokratisch legitimiert – sofern auch alle Forscherinnen und Forscher mitmachen, was leider nicht immer der Fall ist. Doch die Mitgliederbeiträge allein reichen für ihre Aktivitäten bei weitem nicht aus, um ihnen den gebührenden Einfluss zu ermöglichen. Auch sie parasitieren das reguläre Einkommen ihrer meist ehrenamtlich tätigen Mitglieder – oder sie hängen am Tropf der Verlage, die sie mehr oder weniger am Profit ihrer Fachzeitschriften beteiligen.

Die Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie die Forschungsförderungsorganisationen schließlich zahlen die Zeche – in Europa meist öffentlich finanziert. Sie sollten am ehesten am guten Ruf ihrer Forschenden und Lehrenden interessiert sein, da gerade dieser die Reputation der gesamten Institution maßgeblich prägt sowie die Zahl und Qualität ihrer Studierenden („Kunden“) bestimmt. Dazu trägt auch deren ehrenamtliche Tätigkeit für die wissenschaftliche Qualitätskontrolle in Fachgesellschaften bei, die Forschungsinstitutionen daher gerne subventionieren sollten. Allerdings stehen die Universitäten selbst auch unter ständigem ökonomischen Druck, je nach politischer Lage. Und so würden sie gerne auf die horrenden Gebühren für ihr riesiges Zeitschriftenarsenal verzichten – in einer schönen, neuen, offenen Wissenschaftswelt.

Referenzen

[1] www.theguardian.com/science/2017/jun/27/profitable-business-scientific-publishing-bad-for-science
[2] Stern B.M. & O’Shea E.K., 2019, PLoS Biol. 17(2): e3000116
[3] Eisen M. et al., 2020, eLife 9: e64910
[4] Alizon S., 2018, Trends Ecol. Evol. 33(5):301-3
[5] www.coalition-s.org
[6] Ellers J. et al., 2017, J. Sch. Publ. 49(1): 89-102
[7] Ensenrink M., 2017, Science 355: 1357
[8] McNutt M., 2019, PNAS 116 (7): 2400-3
[9] https://sfdora.org
[10] Brembs B., 2019, PLoS Biol. 17(2): e3000117
[11] Gordin M.D., 2015, Scientific Babel: How science was done before and after global English, University of Chicago Press
[12] Nuñez M.A. et al., 2019, J. Appl. Ecol. 56, 4-9
[13] Lund B.D., 2021, Account. Res. 29(4): 1-9
[14] www.openaire.eu/item/open-access-to-publications-in-horizon-2022
[15] Webseiten des Schweizerischen Nationalfonds (http://p3.snf.ch) sowie der Universität Zürich (https://zora.uzh.ch)





Zum Autor

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Wolf Blanckenhorn ist Titularprofessor am Departement für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich. Bis 2021 war er Editor-in-Chief beim Journal of Evolutionary Biology.