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Wann ist Zeit für den Absprung?

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Mittwochmorgen, 11 Uhr. Ich gehe aus dem Labor, durch einen Gang, in dem die Studenten zwischen den Vorlesungen herumhängen, und betrete ein Büro am westlichen Ende des Gebäudes. Zu dieser Tageszeit scheint helles Licht durch die großen Fenster. Drinnen ist es ruhig, alle arbeiten konzentriert.

Das Whiteboard neben der Eingangstüre verkündet, dass das Nature-Paper von Max angenommen wurde. „Gut gemacht, Max!“, denke ich und setze mich an meinen Schreibtisch. Ich öffne den Internet-Browser. Sofort sehe ich die E-Mail mit dem Betreff „Your grant proposal – 308846LG“. Ich muss nur die ersten zwei Zeilen lesen und fühle, wie die Farbe aus meinem Gesicht weicht. Die Energie verlässt meinen Körper wie Ströme von Wasser durch einen Ausguss. Ich schließe kurz meine Augen, wische mit den Händen über mein Gesicht und strecke mich, als könnte das die Lebensgeister zurückbringen. Aber natürlich geschieht das nicht. Ich sacke in meinen Bürostuhl und starre passiv im Büro umher.

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Die braunen Bücherregale, die bis zur Decke reichen, bewahren den Charakter der alten Bibliothek, die dieser Raum einst war. Jede fünfte Ablage ist geneigt, um darin Magazine zur Schau stellen zu können – ein Relikt aus der Zeit, als man sie nur so lesen konnte. Lange vorbei.

In dem Raum gibt es fünfzehn eher zufällig verteilte Schreibtische. Niemand sitzt wirklich nahe bei seinem Nachbarn, doch sind die Abstände auch nicht groß genug, um sich ungestört unterhalten zu können. In der Mitte des Raumes steht ein runder Tisch mit fünf sauber angeordneten Stühlen. Offensichtlich wurde dieses Arrangement geschaffen, um Meetings abzuhalten – doch traut sich das heute niemand. Es ist eine der vielen ungeschriebenen Regeln dieses Büros: Wenn Du ein Meeting abhalten musst, dann suche Dir einen anderen Ort im Gebäude. Sprich nicht laut am Telefon. Sage Deinen Besuchern, dass sie nicht anklopfen, sondern gleich reinkommen sollen. Musik nur über Kopfhörer. Niemanden stören oder ablenken, außer es ist offensichtlich, dass gerade nicht konzentriert gearbeitet wird. Frage nicht danach, wie die Forschung der anderen läuft, und prahle nicht mit eigenen Errungenschaften.

Ein definitives No-Go scheint zu sein, die Kollegen danach zu fragen, ob ihre Anträge durchgegangen sind. Frohe Botschaften – wie etwa angenommene Paper in hochklassigen Journalen, eingeworbene Drittmittel oder die Erlangung einer Professur – können über das Whiteboard kommuniziert werden. Das reicht bei aller Bescheidenheit!

Einfache Regeln, die alle Bewohner dieser alten Bibliothek verstehen. Neulinge im Büro, die alle bereits in einer postdoktoralen Phase ihrer Karriere sind, brauchen für gewöhnlich nicht lange, um diese Regeln zu lernen. Ich brauchte dafür nach meiner Ankunft nur zwei Wochen.

Nicht alle im Büro sind Wissenschaftler. Oder um genauer zu sein, nicht alle im Büro sind noch immer Wissenschaftler. Es ist ein Büro, in dem man vom Postdok, dem „Ugly Underbelly of Academia“, in eine langersehnte Professur irgendwo auf diesem Globus wächst – oder in dem man aufgibt.

Viele dieser „Aufgeber“ finden Stellen außerhalb des Elfenbeinturms – oft schon nach Wochen. Und auch wenn der neue Berufsweg nicht ihre erste Wahl war, kommen sie doch bald zur Erkenntnis, dass dieser Weg durchaus schöne Seiten hat: ein vorhersagbarer Arbeitsalltag, etwas mehr Freizeit,... Einige jedoch werden wieder ins akademische System zurückgesogen und arbeiten als Koordinatoren oder „rechte Hand“ eines Professors.

Oftmals lässt sich leicht sagen, wer auf diese Weise Wissenschaftler war – und wer noch einer ist. Die Leute der Noch-drin-Kategorie zeigen mehr emotionale Sprünge in ihrem Gesicht als diejenigen in der War-einmal-Kategorie, deren Muskeln sich oft erst nach einem kurzen Ausdruck der Bitterkeit entspannen. Im Schnitt sind die Waren-einmals älter als die Noch-drins – und obwohl sie meist genauso auf befristeten Stellen ohne Absicherung sitzen, lächeln sie etwas öfter.

Ich selbst will eines Tages Professorin werden und bin froh darüber, mich in der Noch-drin-Kategorie zu befinden. Aber an Tagen wie diesem, wenn gerade ein Drittmittelantrag abgelehnt wurde, sitze ich an meinem Schreibtisch, starre auf die Waren-einmals und frage mich, zu welchem Zeitpunkt sie einst beschlossen aufzugeben. Wie passiert so etwas? Wie alt waren sie? War es, als ihr vierzigster Geburtstag dämmerte und sie immer noch kein Licht am Ende des Tunnels sahen, doch noch eine Professur zu ergattern? War es, als sie auf dem Whiteboard lasen, dass eine der Kolleginnen ein Nature-Paper durchbekommen hatte? War es einer dieser Momente, als sie realisierten, dass sie da nicht mithalten können? Oder war es einer der Tage, an denen man aufwacht und schlicht die Energie nicht mehr aufbringt, um zur Arbeit zu gehen? Lagen familiäre Verpflichtungen oder finanzielle Abwägungen hinter der Entscheidung? Hatten sie den Glauben in die eigenen Fähigkeiten verloren, eine gute Wissenschaftlerin zu werden? Oder war es schlicht Selbstschutz, um bloß keine weiteren Ablehnungen ertragen zu müssen?

Wie um alles in der Welt findet man heraus, dass man den Absprung machen sollte? Ich würde das gerne wissen – aber gewisse Dinge fragt man einfach nicht. Nicht in diesem Büro.

Würde ich jemals den Mut aufbringen, aufzugeben? Könnte ich überhaupt einen neuen beruflichen Weg, den ich mir momentan noch gar nicht vorstellen kann, genauso lieben lernen? Nicht jetzt! Das ist alles, was ich weiß.

Ich atme tief durch, öffne ein leeres Word-Dokument und fange einen neuen Antrag an.



Letzte Änderungen: 04.07.2018
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