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Zwei Nippel verwirren ein Labor

Aus dem Tagebuch einer Jungforscherin

Karin Bodewits


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Jungforscherin

Grelles Sonnenlicht fällt durch die großen Fenster in unserem Büro. Wären wir allesamt still, dann könnten wir die Baby-Amseln hören, die aus der Hecke vor dem Fenster nach Futter schreien. Aber heute ist es bei uns nicht ruhig. Telefone klingeln, Postdocs laufen umher und stets finden Diskussionen statt.

Ich gebe Daniel die Übersicht mit den Verbrauchsmaterialien des letzten Monats. Sorgfältig liest er sie laut vor, Artikel für Artikel. „Wo geht das alles hin?“, murmelt er schließlich.

„Ähm... in die Experimente“, antworte ich, als hätte ich noch nie davon gehört, dass es keine dummen Fragen gibt.

„Danke, Karin“, seufzt er. „Hmm, mir fällt nichts ein, womit wir Geld sparen könnten. Wir brauchen einfach mehr Fördermittel.“

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„In der Tat.“ Seit unsere Gruppe nicht mehr zum Forschungscluster gehört, verdampfen unsere Gelder schneller als eine Pfütze in der Sierra Nevada.

„Redest du mit Markus darüber? Solche Neuigkeiten nimmt er besser auf, wenn sie aus deinem Mund kommen.“

„Nein, das bildest du dir nur ein.“

In dem Moment klopft Miriam, unsere Praktikantin, an die Bürotür und kommt zu uns an Daniels Schreibtisch. Sie trägt ein einfaches, weißes T-Shirt und Jeans. Ihr übergroßer Laborkittel hängt locker über ihren Schultern. „Nur ‘ne kurze Frage. Wie viel Puffer muss ich zum Protein geben?“

“Auf 300 ml auffüllen“, antwortet Daniel. „Ich komme sofort.”

Als Miriam das Büro wieder verlässt, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie er William am anderen Schreibtisch signalisiert, dass es heute wieder ‚regnen‘ wird. Ich drehe mich abrupt zu ihm um und rolle meine Augen. „Das habe ich gesehen! Das ist wirklich unprofessionell, das machen doch nur kichernde Pickelgesichter“, sage ich genervt.

„Ich finde eher, dass es unprofessionell ist, keinen BH zu tragen“, verteidigt sich Daniel. „Ich will hier jetzt nicht die Feministin raushängen – ihre Nippel stechen auch mir ins Auge. Aber verdammt nochmal, ein BH ist keine Voraussetzung für die Arbeit hier. Schon seit Monaten scheint es für euch kein anderes Thema als Miriams Brüste zu geben.“

„Mich stört das.“

„Ich glaube eher, es macht dich an“, entgegne ich.

„Wie bitte?“

“Ja, ich bin mir sicher, dass es dich geil macht”, sage ich sehr ruhig, während ich ihn reglos fixiere.

„Nein, tut es nicht!“, wirft Daniel rot angelaufen zurück.

„Was ist dann dein Problem damit? Ihre Brüste sind schön und der BH-freie Look steht ihr.“

„Wir alle sehen ihre Nippel durch das T-Shirt. Das lenkt mich bei der Arbeit ab.“

„Wenn du ein weißes T-Shirt anhast, sehe ich deine Nippel auch.“ Abgang Karin.

* * *

Als Miriams letzte Woche in unserem Labor anbricht, schlägt sie vor, mich in ihre Lieblingskneipe mitzunehmen. Bis dahin sind wir nie zusammen ausgegangen, aber jetzt fühlt es sich gut an. Das Lokal in einer unbekannten Hintergasse in der Innenstadt ist schrullig, aber sehr gemütlich. Blues kommt aus den Lautsprechern, ein gutaussehender Barkeeper heißt uns mit einem offenen Lächeln willkommen. An der linken Seite ist eine winzige Bühne, auf der eine Gitarre und ein Klavier stehen. Die Tische kann ich an zwei Händen abzählen. Wir setzen uns an die Bar und bestellen zwei Drinks. Dann unterhalten wir uns über das Labor, ihr Projekt und ihre Zukunft.

„Willst du eigentlich eine Diss machen?“, frage ich sie.

„Ich glaube nicht. Ich bezweifle, dass ich das Zeug dazu habe.”

„Was?! Du bist eine der hellsten Studentinnen, mit denen ich je gearbeitet habe!”

Sie schaut mich ungläubig an. „Das sagst du nur, um nett zu sein. Ich bin doch nicht naiv. Ich sehe immerzu, wie die Leute im Büro auf meine Fragen reagieren. Die grinsen und schauen mich an, als wäre ich dumm wie ein Schaf.“

Ich hole tief Luft.

„Es hat rein gar nichts mit deinen Fragen oder deinen Fähigkeiten zu tun. Die Leute sind nur von dem fehlenden BH abgelenkt.“

„WAS?“

„Sie reden die ganze Zeit über deine Brüste. Soweit ich den Nerd-Code entschlüsselt habe, ist beispielsweise ‚Regen‘ das Codewort für harte Nippel, ‚Donnerschlag’ deutet besonders volle Brüste an – und so geht das weiter.“

„Ach, dann verfolgen sie sogar meinen Zyklus!“

* * *

Am nächsten Tag klopft Miriam an die Bürotür und geht ohne Zögern zu Daniels Schreibtisch. „Hast Du ‘nen Augenblick?“, fragt sie laut und selbstbewusst. Sie steht aufrecht und wartet, bis alle Augen im Büro auf sie gerichtet sind. Mit schneller Bewegung zieht sie ihr T-Shirt hoch. Totenstille. „Schau sie dir genau an. Das sind Brüste! Scheinbar hast du sowas seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen. Die meisten Frauen haben so was, und ganz ehrlich auch einige der Männer hier im Büro. Du auch. Wenn du denkst, ich muss die in einen BH stecken, dann geh bitte mit gutem Beispiel voran.“

Abgang Miriam nach schneller Drehung, der Vorhang fällt.

Ich stehe verdutzt da und starre in die entgeisterten Gesichter meiner Kollegen. Miriam ist fertig mit ihrem Praktikum bei mir – und ich bin stolz auf sie.



Letzte Änderungen: 04.07.2018


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