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Was können Zitationsvergleiche ... nicht unbedingt?



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Zitierungen sind wichtig, meint der Forscher von heute. Denn - so die weitläufige Meinung - sie zeigen halbwegs objektiv an, welchen Wert die in der Veröffentlichung dargestellte Forschung hat. Pauschal ließe sich das also auf das simple Klischee eindampfen: Viel Zitate, gute Forschung - keine Zitate, schlechte Forschung.

Dass es viele Mechanismen gibt, wonach all das nicht ganz so einfach ist - das demonstrieren unter anderem die 25 bisherigen Beispiele dieser Kolumne. Dieses Mal jedoch wollen wir die Grundsatzfrage stellen: Was macht die Zitierzahlen eigentlich so wichtig? Okay, man meint grob, je öfter ein Artikel in den Referenzlisten nachfolgender Paper erscheint, umso stärker müsse dessen Inhalt zwangsläufig die nachfolgende Forschung beeinflusst haben.

Aber wodurch? Na ja, zunächst einmal dadurch, dass offensichtlich viele, viele Forscher den betreffenden Artikel gelesen haben. Hand auf´s Herz - haben Sie jeden Artikel, den Sie in Ihren Veröffentlichungen referieren, tatsächlich gelesen?


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Nehmen wir etwa das berühmte Nature-Paper von 1970 zur Polyacrylamid-Gelelektrophorese von Ulrich Karl Laemmli, das bis heute am zweithäufigsten zitierte Paper der Welt: Dieses wurde auch 2003 noch einige tausend Mal zitiert. Ist es zu gewagt zu behaupten, dass sicherlich weniger als 1 Prozent der Zitierer Laemmlis Paper tatsächlich gelesen haben? Vertraut man nicht vielmehr den vielen, vielen Zitaten zuvor - nach dem Motto: So viele "Proteingel-Fahrer" können nicht jahrzehntelang geirrt haben? Und übernimmt man es dann nicht bereitwillig und ungeprüft in die Referenzliste, weil man dafür eben Laemmli zitiert?

"Matthäus-Effekt" nennen die beiden US-Ingenieurswissenschaftler Mikhail Simkin und Vwani Roychowdhury das - nach dem Vers aus dem Matthäus-Evangelium: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben..." (Mt 25,29). Für Quellen, die bereits vielfach zitiert wurden, steige demnach die Wahrscheinlichkeit, dass sie weiter zitiert werden - weil die Autoren sich mit Prominenz aufwerten oder absichern wollen, so die beiden Kalifornier. Eine Prüfung des Inhalts sei nicht notwendig, da die Zitathäufigkeit per se schon die kollektive Wertschätzung des Artikels belege. Und da schließe man sich einfach unbesehen an.

Doch Simkin und Roychowdhury behaupten das nicht nur, sie haben auch analysiert - zum Beispiel die "Evolution von Zitierfehlern": Sie nahmen sich einen Artikel aus dem Journal of Physics C aus dem Jahre 1973, der bis 2002 insgesamt über 4.300 Mal zitiert wurde. 196 dieser Literaturverweise enthielten jeweils einen Fehler, allerdings verteilten sich diese nur auf 45 verschiedene Druckfehler. Der häufigste davon trat gar 78 Mal auf.

Zufallsstatistisch ist das praktisch unmöglich. Simkin und Roychowdhury folgerten daher: 45 Wissenschaflter machten beim Zitieren einen Fehler, der nachfolgend von 151 weiteren übernommen wurde - weil sie den Literaturverweis nicht dem Original entnahmen, sondern aus einem der 45 Artikel kopierten. Anzunehmen daher auch, dass sie den Originalartikel nie gelesen haben. Was zumindest für die, die fehlerhaft zitierten, eine Quote von 77 Prozent "Nicht-Leser" ergibt.

Da die beiden in anderen Studien zu ähnlichen Ergebnissen kamen, verallgemeinern sie nun: Im Schnitt lesen Autoren nur etwa 20 Prozent der von ihnen referierten Artikel. Was einen bei der These "Was viel zitiert wird, wird auch viel gelesen" zumindest vorsichtig werden lässt.




Letzte Änderungen: 08.09.2004


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