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"Systematische Fehler" bei Tierversuchen am FLI Jena

(12.8.16) Das Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena hat Tierversuche nicht rechtskonform duchgeführt. Was genau lief da schief? Unser Autor Mario Rembold hat nachgefragt.
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© Helga Lei / Fotolia

Für Tierversuchsgegner ist es ein gefundenes Fressen: Am Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena wurden im Mai zahlreiche Tierversuche gestoppt. Der Tierschutzbeauftragte musste seinen Hut nehmen; er war gleichzeitig Leiter des Instituts für Versuchstierkunde und Tierschutz am Universitätsklinikum Jena. Dort hatte das LKA im Auftrag der Staatsanwaltschaft sogar Räume durchsucht, ebenso am FLI. Auf einer Tierrechtlerseite ist von „illegalen Tierversuchen“ die Rede; und es sei ein Skandal, dass diese Experimente jetzt noch nachträglich behördlich genehmigt werden könnten.

Führt ein Leibniz-Institut also still und heimlich verbotene Tierversuche durch? Um hier zunächst mal die Fakten zu ordnen: Es war eine Selbstanzeige des FLI, die im Januar den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte. Fest steht bislang: Es gab definitiv Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit den Tierversuchen am FLI.

In einer Pressemitteilung des Instituts heißt es, dass es im vergangenen Jahr in zwei Fällen Versäumnisse bei der Beantragung von Mausexperimenten gegeben habe. Diese sind bis auf weiteres eingestellt, ebenso wie eine ganze Reihe weitere Tierversuche, die neben Mäusen auch Fische betreffen.

Systematischer Fehler beim Beantragen

Pressesprecherin Evelyn Kästner teilte uns auf Nachfrage mit, die Vorwürfe gegen das FLI beträfen im Kern nicht die Qualität der Tierhaltung, sondern „in erster Linie das Verfahren, wie Tierversuche angemeldet wurden, die Dokumentation von Tierversuchsreihen oder auf welcher Basis die Zucht von Versuchstieren geplant wurde“. Kästner spricht auch von einem „systematischen Fehler“ in der Beantragung. Der wirke sich auf zahlreiche Versuchsreihen an Wirbeltieren aus, weshalb derzeit rund 80 Prozent der Tierversuchsreihen erst einmal auf Eis liegen.

Nun hatten wir erst zu Jahresbeginn einen Hintergrundartikel über die Bürokratie rund um Tierversuchsanträge. Wurde für Jena vielleicht der Papierkram zum Verhängnis? War es ein falsch gesetztes Kreuz in einem der vielen Formulare? Ein verkehrtes Formblatt, auf dem Forscher die Experimente dokumentiert hatten? Wir hätten gern mehr erfahren über diesen „systematischen Fehler“, doch auch weitere Nachfragen beim FLI brachten keine wirklich tiefgreifenden Erkenntnisse.

Kästner deutet aber an, dass in der Zusammenarbeit mit „externen Beauftragten“ wohl ein zentraler Teil des Problems lag. So war der damals verantwortliche Tierschutzbeauftragte nicht beim FLI angestellt, sondern an der Uniklinik tätig – einer rechtlich selbstständigen universitären Einrichtung, wie Kästner betont.

„Dies hat zu dem systemischen Fehler geführt, dass die Überprüfung und Dokumentation, ob diese Personen vollumfänglich den benannten Aufgaben nachgingen, am FLI nur unzulänglich gewährleistet war“, schreibt uns Kästner und fährt fort: „Wir haben hier lernen müssen, dass beim Rückgriff auf externe Beauftragte die Gefahr von Kommunikations-, Kontroll- und Dokumentationslücken erhöht ist.“ Künftig sollen unter anderem Dokumentationsketten und die sogenannten „Standard Operating Procedures“ für die Tierhäuser komplett überarbeitet werden.

Kommunikation soll verbessert werden

Wir hatten auch die Gelegenheit, mit Forschungskoordinator Wilfried Briest vom FLI zu reden, und er kam ebenfalls auf Kommunikationsprobleme zu sprechen. „Bei Kommunikation meine ich jetzt, dass ein Tierpfleger mit einer bestimmten Abkürzung etwas anfangen kann und es in jedem Tierstall einen Ordner gibt, wo die Abkürzungen drinstehen“, nennt er ein Beispiel. Ein konkreter Vorwurf, der derzeit im Rahmen der Ermittlungen geprüft wird, ist, ob die Menge der eingesetzten Tiere angemessen war.

„Es wird uns vorgeworfen, dass wir zu viele Tiere verwendet haben“, berichtet Briest. „Das ist auch eine wissenschaftliche Frage, wann man mit dem tierschonenden Verfahren bessere Ergebnisse produziert, oder wann man vielleicht am Anfang mehr Tiere verwendet, aber am Ende des Tages sicherer zum Ergebnis kommt“, gibt er zu bedenken.

Nun ist es verständlich, dass sich die Betroffenen in einem noch laufenden Verfahren nicht zu Details äußern wollen. Obwohl es natürlich gerade im Interesse anderer Forscher wäre, zu erfahren, wo genau es bei den Tierexperimenten zu Unregelmäßigkeiten kam und wie sich solche Fehler vermeiden lassen. Das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz (TLV), bei dem die Selbstanzeige des FLI eingegangen war, schreibt uns jedenfalls, dass es um mehr als nur einen kleinen Formfehler gehe. „Es handelt sich um weitreichendere Feststellungen“, so das TLV. Das FLI wirke aber kooperativ an der Aufarbeitung mit, heißt es weiter.

Dass nicht allein versehentliche Versäumnisse als Vorwurf im Raum stehen, räumte das FLI bereits im Mai in einer anderen Pressemitteilung ein, veröffentlicht nur einen Tag nach den Durchsuchungen. Demnach werde gegen einzelne Personen auch wegen Verstößen gegen Tierschutzgesetz, Arzneimittelgesetz und – wenn auch nur in einem Fall – Unterschlagung ermittelt. Es dürfte also noch eine ganze Weile dauern, bis die Vorfälle am FLI in allen Einzelheiten aufgeklärt sind.

Auch Doktoranden betroffen

Immerhin kann das Institut die gestoppten Tierversuchsreihen neu beantragen und wahrscheinlich weiter fortführen. „Diese Neubeantragung ist in fast allen Fällen bereits erfolgt und wird derzeit von der zuständigen Behörde geprüft“, so Kästner. Auch die vor dem Versuchsstopp gewonnenen Daten können demnach wohl verwendet und publiziert werden.

Auch wenn einige selbsternannte Tierrechtler darüber verärgert sein mögen: Alles andere wäre nicht nur schlecht für die Lebensläufe der Forscher oder den medizinisch-biologischen Erkenntnisgewinn, sondern letzten Endes auch ein Bärendienst am Tierwohl. Denn solange die Versuche wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse liefern, wäre es ganz und gar nicht im Sinne der „Reduce“-Philosophie aus dem 3R-Prinzip, wenn diese Daten verloren gingen und damit umsonst mit den Tieren experimentiert worden wären.

Kästner schreibt uns, dass auch rund die Hälfte aller Doktoranden am FLI in zumindest einige der gestoppten Tierversuche involviert war.

Daher suche man jetzt nach Wegen, damit niemand seine Promotion wegen der Vorkommnisse allzu lange aufschieben muss. „In den meisten Fällen gibt es hier die Möglichkeit, andere Forschungsarbeiten, die nicht von Tierversuchen abhängen, vorzuziehen, bis die angestrebte Weitergenehmigung erteilt ist“, zeigt sich Kästner zuversichtlich. Man betrachte jedes betroffene Promotionsprojekt individuell und suche nach der jeweils besten Lösung für die Karriere jedes Doktoranden.

 

Mario Rembold

 



Letzte Änderungen: 16.09.2016

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