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Aus Fehlern wird man (manchmal) klug

(20.3.17) Eine Doktorarbeit soll eine eigenständige, wissenschaftliche Arbeit sein. Aber wie lernt man, eigenständig zu arbeiten? Gehört dazu nicht auch das Recht auf eigene Fehler? Fragt unsere Autorin Larissa Tetsch.
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Als jemand, der aus der Forschung ausgestiegen ist, interessiere ich mich für Lebensläufe erfolgreicher Forscher. Worin ähneln sie sich? Wie kommen Forscher zu ihrem eigenen Thema? Was ist nötig, damit aus einem reinen Absolventen ein guter Wissenschaftler wird (außer natürlich Intelligenz, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und jede Menge gute Ideen)?

Der sicher wichtigste Punkt, den ich in fast allen dieser Lebensläufe wiederfinde, ist die Unterstützung und Förderung durch Professoren, Mentoren oder andere Betreuer. Doch daneben stoße ich immer wieder auf einen weiteren Punkt, der offenbar ebenso essentiell ist, um als junger Wissenschaftler den Weg in die Selbstständigkeit zu schaffen: eine gewisse Freiheit und Eigenverantwortung bereits früh im Qualifikationsprozess. Und dazu zählt auch, Fehler machen zu dürfen.

Natürlich plädiere ich nicht dafür, dass Doktorväter und -mütter ab jetzt ihre Doktoranden reihenweise ins offene Messer laufen lassen. Natürlich ist es nicht sinnvoll, das Rad immer wieder neu zu erfinden. Natürlich sollte man auf Bewährtes zurückgreifen – frei nach dem Motto: „Never change a Winning System“. Aber oft existiert am Anfang eines neuen Projekts, etwa einer Doktorarbeit, noch gar kein „Winning System“. Was dann?

Ich denke dabei an den Fall eines Freundes, der schon einige Jahre zurückliegt – der sich in Uni-Laboren aber immer noch hin und wieder so ähnlich abspielen dürfte. Dieser Freund begann voller Enthusiasmus eine Doktorarbeit über ein sehr spannendes, molekularbiologisches Thema bei einem jungen und dynamischen Betreuer. Doch schnell war die Euphorie verflogen, denn die Experimente im neu eingerichteten Labor wollten nicht funktionierten.

Typisch für meinen Freund, wollte er dem Problem durch Denksport zu Leibe rücken. Das jedoch scheiterte an einer Ansage des Betreuers: „Lies nicht so viel, wiederhole lieber das Experiment!“ Und damit meinte er: Genau so, wie Du es immer getan hast ( – „try the same but harder“, siehe LJ online-Editorial „Syndrome des Scheiterns“ vom 14.3.2017). Immerhin hatte die eigene Gruppe die Methode im alten Labor selbst entwickelt und publiziert.

Selbst als der Doktorand experimentell überprüfen wollte, ob spezielle Komponenten eines Testsystems eventuell den Umzug nicht überlebt haben könnten, musste er dies heimlich durchführen. Zwar behielt er in diesem Punkte schließlich Recht, aber es half ihm nichts. Es blieb dabei: Er war zum Arbeiten im Labor und nicht zum Denken!

Sogar am großen Labor-Kühlschrank durfte er sich nur bedingt selbst bedienen. Bei bestimmten Reagenzien musste er auf die Herausgabe warten – und zwar nicht durch die Labor-organisierende Technische Assistentin, was ja einen gewissen Sinn ergeben hätte, sondern nur durch den Chef persönlich. Dieser jedoch war, wie in seinem Job üblich, auch öfter mal unangekündigt unterwegs – was nicht selten mit der Versuchsplanung des Doktoranden kollidierte.

Am Ende hatte dieser die Faxen dicke – und er schaute sich anderweitig um. Zuvor erzählte er mir aber noch, was man ihm sinngemäß mit auf den Weg gegeben hatte: Es könne nicht sein, dass ein Doktorand hart erworbene Verbrauchsmittel verschwende, nur um eigene Fehler zu machen. Bang!

Was soll man davon halten? Soll nicht gerade eine Doktorarbeit die Fähigkeit zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeit nachweisen? Laut Wikipedia handelt es sich bei einer Dissertation „im Gegensatz zu einer Diplomarbeit, die unter Anleitung von Hochschullehrern entsteht, um eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit, die in der Regel einen forschungsbasierten Wissenszuwachs enthalten soll“.

Natürlich muss man normalerweise die eigenständige Arbeitsweise im Verlauf der Doktorarbeit erst lernen. Aber gehört dazu nicht, von Anfang an gedanklich hin und wieder eigene Wege zu gehen? Und Versuche – soweit möglich und natürlich nach Absprache – selbständig zu planen? Denn wie soll man etwas lernen, das man nie tut? Und wird man nicht vor allem aus den eigenen Fehlern klug?

Es ist ja nicht so, dass man als Arbeitsgruppenleiter wider besseres Wissen danebenstehen und zusehen soll, wie der Doktorand das Geld für überflüssige Dinge zum Fenster herauswirft. Doch im geschilderten Fall hatte offensichtlich niemand eine bessere Idee, als das Experiment immer wieder exakt gleich zu wiederholen – natürlich mit dem immer gleichen (negativen) Ergebnis.

Das kann nicht nur einen Jungforscher schon mal richtig frustrieren, sondern bringt auch die Wissenschaft nicht wirklich voran. Wäre es nicht besser gewesen, gemeinsam mit dem Doktoranden darüber nachzudenken, ob und was man ändern könnte? Oder noch besser: Den Jungwissenschaftler diese Denkarbeit übernehmen zu lassen und anschließend zusammen mit ihm die Lösungsansätze zu diskutieren?

Vielleicht wäre es dann doch noch eine richtig gute Doktorarbeit geworden!



Letzte Änderungen: 13.04.2017

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