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Parasiten vor der Stadt

(14.09.2020) Fuchsbandwürmer rücken näher an die städtische Bevölkerung. Kein Grund zur Panik, meint Peter Deplazes. Hunde sollten jedoch regelmäßig entwurmt werden.
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„Im Wald bloß keine Früchte vom Boden essen“ – diesen Satz haben wir in der Kindheit wohl alle schon mal gehört, denn angeblich lauert dort der Fuchs­bandwurm Echino­coccus multi­locularis. Der lebt im Darm von Füchsen und anderen Hunde-ähnlichen Säuge­tieren. Seine Eier gelangen mit dem Kot in die Umwelt. Normaler­weise entwickeln sich die Eier in potentiellen Beute­tieren des Endwirts – beispiels­weise Wühlmäuse. Dort persistieren sie im Stadium der „Finnen“ und bilden blasige Geschwüre in Leber und anderen Organen. Die Maus wird so leichte Beute, und aus den Finnen werden im Endwirt fertige Würmer.

Auch der Mensch kann die Eier des Fuchs­bandwurms aufnehmen und dann an der alveolären Echino­kokkose erkranken. Dabei wird besonders die Leber geschädigt, es können sich sogar regel­rechte Metastasen bilden, die sich übers Blut verbreiten. Zwar dauert es Jahre oder gar Jahrzehnte, bis Symptome auftreten – dann aber lässt sich die Erkrankung nur schwer therapieren und kann ohne chirur­gische Eingriffe oder Langzeit-Chemo­therapie zum Tode führen.

An der Uni Zürich erforscht der Tierarzt und Leiter des Instituts für Para­sitologie Peter Deplazes Zoonosen. Unter anderem ist er dem Fuchs­bandwurm auf der Spur. Sein Name taucht auch unter den zehn meist­zitierten Forschern in unserer Publikations­analyse zur „Parasitologie“ auf.

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Laborjournal: Ist es tatsächlich gefährlich, im Wald niedrig wachsende Früchte zu essen?
Peter Deplazes: Es ist erstaunlich, wie diese Assoziation zwischen „Fuchs­bandwurm“ und „Beeren“ in der Bevölkerung eingebrannt ist. Interes­santerweise wissen fast alle Leute etwas darüber, auch wenn sie sich sonst kaum mit Biologie auskennen. Wir gehen dieser Frage auch seit Jahren kritisch nach, das ist Teil der Forschung meiner Arbeits­gruppe. Im Laufe der Zeit haben wir hierzu sehr viel mit Wildtier­biologinnen und -biologen sowie Forschenden aus der Epide­miologie zusammen­gearbeitet und suchen auch weiter nach Methoden, wie man diese Frage beantworten kann. Zum heutigen Stand würde ich aber sagen: Es gibt keinen relevanten Hinweis darauf, dass Beeren ein besonderes Risiko darstellen. Allerdings wissen wir nicht, welcher Anteil der Infektionen beim Menschen auf Beeren, Rohgemüse und Früchte zurück­zuführen ist.

Gerade über Fuchs­bandwurm-Eier im Salat hätte ich nie nachgedacht. Zum Beispiel im Restaurant, wo man ja keinen Einfluss darauf hat, wie gut Rohkost gewaschen wird. Aber genau hierzu haben Sie jetzt im Sommer eine Arbeit veröffent­licht (Pathogens, 9(8):624). Und Sie finden ja auch regelmäßig Eier in den Proben – das finde ich schon besorgnis­erregend.
Deplazes: Man muss ganz klar sehen, wir haben in Mitteleuropa pro Jahr ca. 200 neue Fälle von alveolärer Echino­kokkose. Das ist eine relativ kleine Zahl für die große Bevölkerung. Deshalb betone ich: Ich möchte die Leute nicht verrückt machen. Die Daten aus dieser Studie haben wir auch nicht an die große Glocke gehängt und keine populär­wissenschaftlichen Texte daraus gemacht. Es geht uns darum, gute Nachweis­methoden zu entwickeln, und die müssen Fachleute dann imple­mentieren. Denn auch wenn sehr wenige Menschen betroffen sind, geht es um eine sehr schwere Erkrankung. Wir würden deshalb gern wissen, was die Haupt­risiken für eine Infektion sind.

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In besagter Studie haben Sie Salat ausgewaschen und dann über die PCR nach Parasiten-DNA gesucht.
Deplazes: Genau. Die Eier können morpho­logisch weder gefunden noch differen­ziert werden. Deshalb setzen wir molekulare Methoden ein, die uns dann ein genaues Resultat liefern. Dazu muss ich einschränkend sagen, dass Fuchs­bandwurm-Eier auch nachdem sie abgestorben sind noch lange im Boden bleiben. Wenn wir also Echino­coccus-DNA nachweisen, weisen wir damit noch keine Infek­tiosität nach. Deshalb forschen wir auch in Richtung RNA-Tests. Es liegt mir nämlich fern, Salat zu verteufeln; Salat ist ein wichtiges und gesundes Nahrungs­mittel.

Selbst wenn Sie aber RNA und damit intakte Eier nachweisen: Die PCR ist ja eine so sensible Methode, dass sie auch auf kleinste Erreger­mengen anschlägt, die vielleicht gar nicht für eine Infektion ausreichen.
Deplazes: Das ist ein wichtiger Punkt bei der Echino­kokkose: Der Mensch ist sehr unemp­findlich gegen diese Krankheit, er ist eigentlich resistent. Man geht davon aus, dass nur ganz wenige Kontakte überhaupt zur Infektion führen. Auch das muss noch genauer erforscht werden, aber es gibt Hinweise, dass betroffene Patienten häufig immun­defizient sind. Der Mensch ist ja ein Fehlwirt und führt den Parasiten in eine Sackgasse. Die relevanten Risiken für die Fälle, in denen der Mensch trotzdem infiziert wird, müssen wir besser verstehen.

Welche Rolle spielen Haustiere wie Hunde und Katzen bei der Über­tragung auf den Menschen? Einerseits sind sie im Freien unterwegs und anderer­seits leben sie mit uns im Haus und haben nahen Kontakt.
Deplazes: In meiner Forschung habe ich mich sehr lange auf das Potential des Hundes fokussiert. Auch Hunde sind gute Endwirte für den Fuchs­bandwurm, sie sind näher bei der Bevölkerung und scheiden viele Eier aus. Wahr­scheinlich spielt der Hund eine wichtige Rolle. Da gibt es Risiko­analysen aus Patienten­kollektiven aus Deutschland, die zeigen, dass Hundebesitz assoziiert ist mit erhöhtem Risiko für alveoläre Echino­kokkose. Katzen hingegen scheiden sehr wenige Eier aus, und es entwickeln sich auch nur sehr wenige Würmer im Katzen­darm. Bisher ist es sogar noch nie gelungen, mit den Eiern aus einer Katze eine Maus zu infizieren. Die Entwicklung der Wurmeier in unter­schiedlichen Wirten hatten wir vor 15 Jahren mit Kollegen aus Dänemark untersucht (Int J Parasitol, 36(1):79-86).

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Was kann man da als Hundebesitzer tun?
Deplazes: Problematisch sind vor allem Hunde, die Mäuse jagen oder gelegentlich Nagetiere fressen – das sind viel, viel mehr als man denkt. Leben diese Hunde im Endemie­gebiet von Echino­coccus multi­locularis, haben sie ein relativ hohes Risiko, infiziert zu sein. Solche Hunde sollten regelmäßig entwurmt werden, und zwar idealer­weise monatlich. Die Entwick­lungszeit eines Bandwurms im Hund, nachdem er eine Maus gefressen hat, beträgt nämlich etwa einen Monat. Ebenso müssen auch Katzen professionell überwacht und entwurmt werden. Bei der Katze gibt es nämlich andere Parasiten; zum Beispiel scheiden sie Spulwurm-Eier aus, die auch Krankheiten beim Menschen hervor­rufen. Sie kennen vielleicht die typischen Diskussionen um Sandkästen, in denen Kinder spielen. Ich lege da ziemlich viel Wert darauf, dass unsere Haustiere profes­sionell behandelt werden. Wir tragen die Verant­wortung für solche Krankheits­übertragungen, wenn wir Tiere halten.

Ich vermute, dass gar nicht jedem Hunde- oder Katzen­halter klar ist, dass sein Tier auch ein ernsthaftes Gesund­heitsrisiko darstellen kann.
Deplazes: Deshalb haben wir und andere europäische Fachleute die Plattform ESCCAP (European Scientific Counsel Companion Animal Parasites) aufgebaut, die sich an Tier­haltende und an die Tierärzte­schaft richtet. Da finden Sie Leitlinien, aber auch leicht verständ­liche Kurztexte. Auch in Deutschland und in der Schweiz gibt es ESCCAP-Ableger (www.esccap.de und www.esccap.ch). Dahinter stehen Experten­gremien, die kompetent informieren.

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Nun sagten Sie eingangs, Echino­kokkose sei relativ selten in Mitteleuropa. Anderer­seits höre ich immer wieder, dass die Fälle häufiger werden. Stimmt das?
Deplazes: Wir haben diese rund 200 Fälle im Jahr in Europa, aber die Tendenz ist steigend. Jedoch nicht exponentiell! In der Schweiz beobachten wir, dass ab dem Jahr 2000 die Fallzahlen hochgehen, und zwar statistisch signifikant. Gleichzeitig haben wir die Situation, dass seit den 1990er-Jahren die Fuchs­population stark angewachsen ist; und in dieser Zeit waren viele Füchse mit dem Fuchs­bandwurm infiziert. Zehn Jahre nach dem Anstieg dieser Fuchs­bandwurm-Biomasse haben wir dann auch eine Zunahme beim Menschen gesehen (Emerg Infect Dis, 13(6):878-82). Hier spielt wohl auch die Urbanisierung des Echino­coccus-multi­locularis–Zyklus eine Rolle. Heute haben wir im periurbanen Raum direkt um die Städte herum fünf- bis zehnmal mehr Füchse als auf dem Lande. Früher diagnos­tizierte man Echino­kokkose haupt­sächlich bei Menschen, die in der Land­wirtschaft tätig sind. Heute ist eine viel breitere Bevöl­kerungsgruppe infiziert. Besonders die Bevölkerung mit Gärten und Haustieren, die nicht direkt im Stadtkern wohnt, scheint einem höheren Risiko ausgesetzt zu sein.

Das Gespräch führte Mario Rembold

Foto: P. Deplazes




Letzte Änderungen: 14.09.2020

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