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Das Elend des Nobelpreisträgers

(5.12.2014) James Watson hat seine Nobelpreismedaille versteigert, mit kurioser Begründung. Sein Rassismus und Sexismus ist aber kein drolliges Geschwafel eines weltfremden Genies, meint Leonid Schneider.
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Für die Rekordsumme von fast 4,8 Millionen Dollar hat sich James Watson, Ko-Entdecker der DNA-Struktur, gestern von seiner 1962 verliehenen Nobelpreis-Medaille getrennt. Seine Begründung für die ungewöhnliche Auktion: Er sei zutiefst unglücklich darüber, wie er von der Welt als „Unperson“ behandelt werde, außerdem habe er mit seinem Akademikereinkommen nicht genug Geld, um ein Gemälde von David Hockney zu erwerben. Watson: „Niemand will wirklich zugeben dass ich existiere“.

Der Hauptgrund dafür dürfte ein Zeitungsinterview aus dem Jahr 2007 sein, in dem er behauptete, schwarze Menschen seien weniger intelligent als weiße. Genauer gesagt erklärte Watson damals: Alle Tests würden bestätigen, dass die Intelligenz der Afrikaner derjenigen der weißen Europäer evolutionsbedingt nicht entspräche. Das wüsste jeder, der mit schwarzen Angestellten zu tun habe.

Seitdem versuchte Watson klar zu machen, er wäre kein Rassist „im herkömmlicheren Sinne“, sondern ein nüchterner Wissenschaftler. Seriöse Kollegen, unter anderem der Genom-Entschlüssler Craig Venter, widersprachen ihm damals umgehend, denn es gibt nun mal keinerlei genetische oder anderweitige Hinweise auf irgendwelche Zusammenhänge zwischen Hautfarbe und Intelligenz. Das Cold Spring Harbor Laboratory in Watsons Heimat an der US-Ostküste, wo er immer als eine Art Hausgott behandelt wurde, drängte ihn umgehend zum Rücktritt als Kanzler. Niemand wollte mehr seine öffentlichen Vorträge hören, Ehrenveranstaltungen wurden gestrichen und aus lukrativen Firmen-Vorstandsposten wurde er ebenfalls hinausbefördert.

Beifall von der falschen Seite

Tosenden Beifall bekam Watson dagegen aus der Ecke der britischen rechtsradikalen Partei BNP, die ihn als „Neuen Galileo“ ehrte. Nicht alle Reaktionen waren aber so schwarz-weiß. Watsons rassentheoretische Aussagen waren nicht neu, er wurde mancherorts als Maverick und Querdenker akzeptiert, der mit seiner Meinung nicht zurücksteckt. Und weil er nun mal so hochintelligent und sein Beitrag zur Wissenschaft derart bedeutend ist, sah man ihm seine oft unappetitlichen Meinungsbekundungen meist nach.

So kritisierte der Evolutionsbiologe und Buchautor Richard Dawkins die „ethisch falsche“ Hetzjagd der „Gedankenpolizei“. Auch der Sozialbiologe E.O. Wilson verteidigte Watson vor Rassismus-Vorwürfen – obwohl Watson der unangenehmste Mensch gewesen sei, dem Wilson jemals begegnet wäre.

Da der Nobelpreisträger von 1962 als Genie gilt, war seine Meinung gefragt. So glaubte er vor einigen Jahren genau zu wissen, wie man Krebs heilen könnte, denn er wisse „mehr über Krebs als die Krebsfachleute“. An Selbstbewusstsein mangelte es Watson nie, seine Verachtung für die Wissenschaftler-Kollegen (und Kolleginnen) hat er stolz zur Schau gestellt. Watson sah die Wissenschaft immer als ein Wettrennen, das es zu gewinnen galt.

In seinem Bestseller „Die Doppel-Helix“ glorifizierte er schamlos seine eigene Rolle bei der Entdeckung der DNA-Struktur. Einem Buch von Patricia Fara kann man aber entnehmen, was die eigentliche Leistung von Watson und Francis Crick war: Sie ließen Vorarbeiten von britischen Kristallographen in einem Modell der Doppelhelix aufgehen (was aber für sich alleine durchaus den Nobelpreis rechtfertigte).

Inakzeptable Sprüche

Eine besondere Rolle spielte dabei bekanntermaßen die Doppelhelix-Entdeckerin Rosalind Franklin, die leider sehr früh an Krebs verstarb, und so nicht für den Nobelpreis mit-nominiert werden konnte. Ihre Röntgenaufnahme, die Watson und Crick zugesteckt wurde, gab den entscheidenden Hinweis auf die Doppelhelix-Struktur der DNA.

Watsons jedoch machte Franklin lächerlich, weil sie sich nicht schminken und nicht weiblich genug präsentieren würde. Frauen sah Watson in der Wissenschaft sowieso als fehl am Platz an. Noch 2003 drückte der Altherren-Chauvi die Hoffnung aus, dass die Gentechnologie der Zukunft alle jungen Frauen wunderschön machen würde. Davor sagte er, wenn man mit genetischen Tests feststellen könnte, ob ein Kind später „blöd“ oder schwul wäre, so sollte die Mutter den Embryo auch abtreiben dürfen.

Seine inakzeptablen Aussagen wurden lange ignoriert, auch sein Rassismus wäre damals in den Medien fast untergegangen. Angesichts der Farce der Medaillen-Versteigerung fordert der Wissenschaftler und Autor Adam Rutherford in einem Beitrag in der britischen Zeitung The Guardian, dass man den Rassisten und Sexisten Watson auch dementsprechend behandeln sollte.

Trotz Watsons Nobelpreis für eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts darf man ihm nicht alles durchgehen lassen. Als Beispiel führt Rutherford den Viktorianischen Wissenschaftler Francis Galton an, der nicht nur als Gründer der Genetik gilt, sondern auch der unseligen und wissenschaftlich haltlosen Eugenik. Ungeachtet aller Verdienste Galtons sollten wir nie vergessen, dass dieser ebenfalls ein Rassist war und die Überlegenheit der weißen Rasse wissenschaftlich zu begründen versuchte.

Kommt uns das nicht bekannt vor?

Ohne historisch abwegige Vergleiche ziehen zu wollen, sollte uns in Deutschland die Debatte um Wissenschaftler mit unakzeptablen Einstellungen doch bekannt vorkommen. Wissenschaftler mit Weltanschauungen, die denen von Watson in einigen Punkten nicht unähnlich waren, hatten den Aufstieg des Nationalsozialismus erheblich mitgetragen. Im Nachkriegsdeutschland drückte man aber bei der politischen Gesinnung von Nazi-Professoren des Öfteren beide Augen zu. Die Rassenideologie eines Konrad Lorenz mag noch als verzeihbare frühere Verblendung halbwegs durchgegangen sein. Andererseits konnte ein übler Nazi, Rassenideologe und Antisemit wie Otmar von Verschuer in Nachkriegsdeutschland unbehelligt seine akademische Laufbahn fortsetzen. Zu Verschuers Doktoranden gehörte Joseph Mengele, der ihm aus Auschwitz die Präparate seiner Opfer zusandte. Bis zu seiner würdevollen Emeritierung 1965 war Verschuer, zynischer geht’s kaum, Gründungs-Professor für Humangenetik in Münster.

Ist Watson also ein verkappter Neonazi? Nein, das wäre eine unsinnige Behauptung. Aber Watsons Rassismus und Sexismus sind kein drolliges Geschwafel eines weltfremden Genies, sie sind gefährlich und inakzeptabel. Mitleid mit ihm und seiner angeblichen Armut habe ich persönlich nicht.

 

Leonid Schneider


Foto: NIH / public domain



Letzte Änderungen: 03.02.2015

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