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Die Taufpaten der Taxonomen

(6.8.15) Wer eine bisher unbekannte Art beschreibt, darf ihr einen selbst gewählten Namen geben. Was bei der Namensfindung der Taxonomen herauskommt ist manchmal einleuchtend, manchmal witzig und manchmal nur kurios.
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Yoda purpurata (Foto: David Shale)

Letzte Woche ging es hier um winzige marine Ringelwürmer. So unscheinbar sind die Tierchen, dass sie meist keine deutschen Namen haben. Der Wissenschaft sind sie bekannt als "Dinophilus gyrocillatus" oder "Protodrilus adhaerens".

Das Prinzip der lateinischen Doppelnamen geht auf den schwedischen Botaniker Carl von Linné (1707-1778) zurück und ist damit älter als Darwins Evolutionstheorie. Die Systematik, die Linné aufgestellt hatte, war ein großer Wurf. Denn erst wenn man Tiere und Pflanzen eindeutig benennen und klassifizieren kann, können Zoologen und Botaniker vernünftig Wissenschaft betreiben und sich über ihre Ergebnisse austauschen.

Wie man Arten und Gattungen benennt, das regeln Vereinbarungen, auf die sich sich die Forschergemeinschaft verständigt hat. Eine Kommission wacht über die Einhaltung des Regelwerks, das regelmäßig reformiert und fortgeschrieben wird: Der "International Code for Zoological Nomenclature", um mal der Einfachheit halber nur bei den Tieren zu bleiben. Angesichts der fast zwei Millionen Artnamen, die im Lauf der Jahrhunderte Eingang in die Literatur gefunden haben, soll der taxonomische Code für Klarheit und Stabilität sorgen, zumindest aber chaotische Zustände vermeiden– die es in der Geschichte der Taxonomie dennoch reihenweise gab und zum Teil immer noch hier und dort gibt.

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Der "Code" wird von der Mehrheit der Zoologen akzeptiert und befolgt (Nur eine relativ kleine Schar von Rebellen entwirft eine Alternative zum ICZN-Regelwerk, den "PhyloCode". Das Revoluzzer-Regelwerk soll, anders als die vor-Darwinische Nomenklatur-Philosophie des ICZN, ausdrücklich evolutionäre Verwandtschaft für die Klassifizierungs-Prinzipien berücksichtigen.)

Aber wie findet man eigentlich einen Namen für eine neue Art? Polnische Zoologen um Piotr Jozwiak haben nun in einem Artikel für die Zeitschrift ZooKeys zusammengetragen, woher die Erstbeschreiber ihre Inspiration für neue Namen nehmen ("Taxonomic ethymology – in search of inspiration").

Ihre Beispiele geben einen schönen Einblick in die farbige Welt der taxonomischen Nomenklatur. Solange man innerhalb der Regeln des "Codes" bleibt, sind der Kreativität der Erstbeschreiber kaum Grenze gesetzt. Nun gut, ein paar praktische Schranken gibt es schon: Der früher einmal vergebene (heute ungültige) Name Gammaracanthuskytodermogammarus loricatobaicalensis beispielsweise wäre nach derzeitigen Regeln ein wenig zu lang.

Ansonsten gilt: Lateinisch (bzw. latinisiert) müssen neue Namen sein, mit grammatikalisch korrekten Endungen. Das Bau-Prinzip mit Gattungs- und Artname muss natürlich auch gewahrt bleiben. Und: Wer als erstes "gültig" publiziert, bekommt Priorität. Spätere Synonyme für eine schon früher beschriebene Art bzw. Gattung sind ungültig und sollen in der Regel nicht verwendet werden.

Was der Name aber aussagt, ob damit das Aussehen des Tieres gewürdigt wird oder die Oma des Entdeckers, das bleibt ganz dem Namensgeber überlassen.

Naheliegend ist, dass Artnamen etwas über Form und Funktion des Organismus aussagen.

Titanus giganteus ist einer der größten jemals beschriebenen Käfer. Logisch.

Cypraea zigzac ist eine Meeresschneckenart mit Zickzack-Muster auf der Schale. Wie sollte es auch anders sein.

Nicht immer sind die Entdecker so objektiv: Die amerikanischen Entomologen Miller und Wheeler beschrieben 2005 eine Art als Agathidium akallebregma, was soviel bedeutet wie "hässliches Gesicht".

Aber auch Götter, Dämonen und Monster müssen als Paten herhalten:

Agra yeti ist ein Käfer mit besonders großen Füßen.

Halicephalobus mephisto ist ein Nematode, der tief unter der Oberfläche Südafrikas lebt.

Vampyroteuthis infernalis schließlich ist der Vampirtintenfisch aus der Hölle. Furchterregender geht's nicht mehr.

Künstler taugen ebenfalls zur Inspiration: Von Gnathia beethoveni über Bushiella beatlesi bis Mesoparapylocheles michaeljacksoni sind alle Musikgattungen vertreten. Die Heavy Metal Band Metallica hat es sogar in den Gattungsnamen geschafft: Metallichneumon neurospastarchus ist eine parasitische Wespe (wobei der Artname, neurospastarchus, eine nur von versierten Altphilologen zu entschlüsselnde Anspielung auf das Metallica-Album "Master of Puppets" ist).

Auch Schriftsteller, Schauspieler und Politiker stehen Pate für allerlei Getier. Von Goetheana und Shakespearia bis zum Harry Potter-Universum (Dracorex hogwartsia) ist die Welt der Literatur vertreten.

Agra schwarzeneggeri ehrt den muskulösen Schauspieler, nicht den Gouverneur von Kalifornien, der er später wurde. Miller und Wheeler haben gleich das halbe (damalige) US-Kabinett herangezogen, um eher wenig attraktive Käfer der Gattung Agathidium zu benennen: A. bushi, A. cheneyi, und A. rumsfeldi. Wie der Republikaner-Anhänger Wheeler beteuert, war das nicht etwa ein ironischer Seitenhieb, sondern ein Zeichen echter Wertschätzung.

Wie gesagt: Erlaubt ist, was gefällt. Ein Entomologe namens Kirkaldy hat jedoch 1912 einen Rüffel der Londoner Zoologischen Gesellschaft bekommen, für seine Nomenklatur-Innovationen Marichisme und Peggichisme. Seine Wortspiele mit der griechischen Nachsilbe -chisme erschienen den englischsprachigen Zeitgenossen anrüchig, konnten sie doch als Aufforderung an die Damen Mary und Peggi verstanden werden, den Namensgeber zu küssen ("Mary kiss me!").

Jozwiak et al. beenden ihren Aufsatz mit ein paar nachdenklichen Fragen. Werden Zoologen in Zukunft noch die Anspielungen auf die Star-Wars-Welt in Namen wie Tetramorium jedi oder Yoda purpurata verstehen? Werden sie sich nicht wundern, was es mit Carmenelectra shechisme auf sich hat?

 

Hans Zauner

 

 



Letzte Änderungen: 23.09.2015