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Fackeln und Mistgabeln

(17.10.15) Manche Professoren provozieren mit ihren öffentlichen Wortmeldungen. Reflexartig einen Maulkorb zu fordern ist aber einer Uni unwürdig. Es gibt doch bessere, erprobte Formen des Protests, meint unser Autor Hans Zauner.
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Peter Hemmerich war ein Charakterkopf – sonst wäre mir sein Porträt nicht in Erinnerung geblieben, das damals, in meinen ersten Tagen als Bio-Student, per Diaprojektor an die Hörsaalwand geworfen wurde. Laborkittel, dicke Hornbrille, etwas zerzauste schwarze Haare. Die Konstanzer Bio-Erstsemester werden seit vielen Jahren mit einer besonderen Vorlesung begrüßt, eben der "Peter-Hemmerich-Vorlesung", so benannt zu Ehren dieses 1981 verstorbenen Gründungsmitglieds der Uni am Bodensee.

Hemmerich, so geht die Konstanzer Legende, war nicht nur ein brillanter Biochemiker, sondern auch einer, der sich eingemischt hat; einer, der sich den Mund nicht verbieten ließ; einer, der keinem Streit aus dem Weg ging. Er schrieb wortgewaltige Zeitungsbeiträge über Missstände in der Hochschulpolitik, breitete auch Uni-interne Vorgänge öffentlich aus und machte sich nebenher Feinde, weil er sich kompromisslos für mehr Umweltschutz in der Bodenseeregion einsetzte.

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 Besorgte Reputations-Verwalter

Ob sich Hemmerich an einer typischen deutschen Universität des Jahres 2015 wohlfühlen würde? Wo man hinschaut, feilen Unis und Forschungseinrichtungen an ihrem Image. Denn nur mit dem richtigen Branding rutscht man in den Rankings nach oben und lockt leistungswillige Studenten und Nachwuchswissenschaftler an. Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter sollen da bitte schön auf Linie bleiben. Querulanten und Quertreiber aus der Wissenschaftlerzunft sind bei Rektoren und den stets besorgten Reputations-Verwaltern unbeliebt.

Dass Wissenschaftler an Universitäten keine Angestellten eines auf Profit und Imagepflege angewiesenen Wirtschaftsunternehmens sind, scheint in Vergessenheit zu geraten. Zu einer lebendigen akademischen Kultur gehören aber unbedingt Streit und offene Auseinandersetzung, nicht nur Harmoniesülze und Erfolgsmeldungen über bahnbrechende Forschungsergebnisse.

Diese Fehlentwicklung hin zu einer Corporate Identity von Bildungseinrichtungen ist nicht ganz neu. Was mir aber in letzter Zeit auffällt: Gelegentlich sind ausgerechnet Studenten die Erfüllungsgehilfen der universitären Imageberater.

Rüge für das Gepolter

Zwei Beispiele: Da war zum einen das Gepolter des Biologen Ulrich Kutschera über die Gender Studies, die der Kasseler Wissenschaftler für Pseudowissenschaft hält. Vor allem ein vom rbb-Inforadio aufgezeichnetes Interview sorgte für Aufruhr an Kutscheras Uni. Zwei ganz verschiedene Artikel zum Inhalt seiner Kritik haben wir kürzlich im Heft und online veröffentlicht. Zweifellos, Kutschera polarisiert. Interessant in diesem Zusammenhang ist aber die Reaktion der Studentenschaft. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Uni Kassel beschwerte sich nämlich beim Uni-Präsidium: Das Interview schade dem Ansehen der Universität. Der Uni-Präsident Rolf-Dieter Postlep erteilte dem Bio-Professor daraufhin prompt eine Rüge.

Ähnlich lag der Fall des Konstanzer Biologen Axel Meyer, der in der FAZ vor einiger Zeit über  seine Studenten herzog. Der Hintern werde ihnen gepudert. Ja, das war polemisch und die Fakten hatte der Evolutionsbiologe nicht unbedingt auf seiner Seite (siehe Laborjournal-Online vom 17.4.15). Aber auch in dieser Affäre heulten Studentenvertreter umgehend der Uni-Leitung die Ohren voll über den ach so verletzenden Artikel; und der Rektor wiederum drohte seinem Professor prompt öffentlich mit Konsequenzen.

Aus Großbritannien hört man derweil von universitären Gastrednern, die kurzfristig ausgeladen werden, etwa weil kontroverse Ansichten des Redners die Gefühle von Studenten verletzen könnten (siehe z. B. diesen Guardian-Artikel).

Ich meine, da läuft etwas schief. Wer studieren will, darf sich nicht in eine Wohlfühlblase einschließen, in der nur die eigene Weltsicht vorkommt.

Malt Transparente! Stürmt Vorlesungen!

Deshalb, liebe Studenten: Natürlich müsst ihr es nicht protestlos hinnehmen, wenn euch Ansichten eines Profs nicht passen. Zugegeben, es herrscht keine Waffengleichheit. Promi-Profs stehen oft auf du und du mit den Feuilleton- und Wissensredakteuren und haben so Zugang zu einem nationalen Sprachrohr. Studenten haben es dagegen schwerer, außerhalb der Uni gehört zu werden.

Aber besinnt euch doch auf die Tugenden eurer Vorgänger aus dem letzten Jahrhundert: Seid laut, malt Transparente, stürmt Vorlesungen mit dem Megafon in der Hand. Frühere Studentengenerationen warfen auch mal aus Machtlosigkeit mit Gemüse ("dazu zähle ich auch Eier", merkte ein Rektor bei einer Demo einmal – botanisch nicht ganz korrekt – an). Die letztere Argumentationshilfe habt ihr aber vielleicht gar nicht mehr nötig. Die fliegende Tomate des 21. Jahrhunderts ist das Internet und hat eine wesentlich größere Reichweite.

Aber bitte rennt nicht beim kleinsten Unwohlsein über verbale Ergüsse eines Uni-Mitglieds zum Rektor, aus angeblicher Sorge um das "Ansehen der Universität". Denn so bringt ihr die wenigen Wissenschaftler zum Schweigen, die noch den Mut haben, öffentlich eine eigene Meinung zu vertreten. Und ihr spielt damit denen in die Hände, die auf eine durchökonomisierte, karrierefördernde, aber geistig tote Universität hinarbeiten.

 

Hans Zauner

 Illustration: (c) Danomyte / Fotolia



Letzte Änderungen: 14.01.2016