Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen (15)

Dämonisches Multi-Kulti

von Siegfried Bär (Laborjournal-Ausgabe 03, 2007)


Vampir 1
Klassischer Dokumentarfilm zum Thema aus dem Jahre 1931.

Trotz zahlreicher Dokumentarfilme und Publikationen ist die Existenz von Vampiren in der Wissenschaft bisher bezweifelt ja in Extremfällen sogar verneint worden. Selbst die bemerkenswerten Arbeiten von Siegfried Bär in Laborjournal 1-2/2005 (Seite 46f) und Hana Riha auf der Website dieser Zeitschrift (www.laborjournal.de/dracula) konnten diesem Mißstand nur teilweise abhelfen. Interessierte Kreise versuchen immer wieder mit zweifelhaften Arbeiten und dubiosen Untersuchungen die ernsthafte Vampirforschung zu unterminieren und ihre Ergebnisse ins Lächerliche zu ziehen. Ein Beispiel ist die kürzlich veröffentlichte Arbeit des Physikprofessors Costas Efthimiou von der University of Central Florida zur Populationsökologie von Vampiren und Menschen (Efthimiou, D. & Gandhi, S., Ghosts, Vampires and Zombies: Cinema Fiction vs Physics Reality. Aug 2006, eprint arXiv:physics/0608059).

Efthimiou hat folgende Rechnung aufgestellt: Angenommen, am 1.1.1600 lebten 536 Millionen Menschen auf der Erde und es erschien der erste Vampir. Weiterhin angenommen, der Vampir lebt ewig, beißt einmal im Monat einen Menschen und der Gebissene wird wiederum Vampir, der einmal im Monat einen Menschen beißt. Schon nach zweieinhalb Jahren, so Efthimiou, gäbe es dann nur noch Vampire, die Menschen wären ausgerottet. Dies selbst dann, wenn die menschliche Vermehrungsrate außergewöhnlich hoch wäre. Aus der Tatsache, daß die Menschheit noch nicht ausgestorben ist, schließt Efthimiou, dass es keine Vampire gibt.

Dieser Schluß ist so falsch wie die zugrunde liegende Rechnung naiv – was übrigens für viele Professorenrechnungen gilt. So unterschlägt Efthimiou sowohl die natürliche wie auch die menschgemachte Schwundrate bei Vampiren. Vampire mögen zwar ewig leben, jedoch nur wenn man sie läßt. Sie sind vernichtbar: Durch intensive Sonnenbestrahlung oder Hammer und Holzpflock. Wer letzteren einem Vampir durchs Herz treibt, wird feststellen, daß dieser zu Staub zerfällt und zwar ebenso ewig wie irreversibel. Das Mittel ist leicht anzuwenden, da Vampire tagsüber ortsgebunden und einfach aufzuspüren sind.

Die Publikation von Efthimiou, die wie die meisten faulen Theorien in den Medien breiten Widerhall fand, hat also keinerlei Beweiswert und trägt nichts zu unserem Verständnis des Zusammenlebens von Mensch und Vampir bei. Sie ist schlecht gemacht, esoterisch und mit Denkfehlern behaftet. Ab an die Agrarwissenschaftliche Fakultät der Uni Kassel mit dem Mann!


Das Stanford-Paper...

Glücklicherweise gibt es in den USA nicht nur Provinzuniversitäten, sondern auch Kompetenz- und Exzellenzzentren, die bekannt sind für innovative Spitzenforschung. Eine dieser Top-Universitäten ist die Stanford University.

In jüngster Zeit hat ein Forscher dieser Universität einen bahnbrechenden Artikel zum Vampirismus veröffentlicht. Wie so oft ist der Leistungsträger nicht Professor, sondern schlichter Doktorand. Es handelt sich um den vielversprechenden Nachwuchsforscher Brian Thomas mit seiner unter dem Titel „Vampire Population Ecology“ veröffentlichten Arbeit.

Thomas wendet auf die Mensch-Vampir-Beziehung ein mathematisches Modell aus der Räuber-Beute-Populationsdynamik an. Er macht dazu folgende Annahme:

Gleichgültig, ob es Vampire gibt oder nicht, die menschliche Population kann nicht unbegrenzt wachsen: Für einen bestimmten Raum, zum Beispiel eine Stadt, gibt es eine Maximalbevölkerung K.

Mit dieser Annahme und mit H als Zahl der Menschen und V als Zahl der Vampire ergeben sich nach Thomas zwei Differentialgleichungen:

Vampir 2



Dabei ist...
r Wachstumsrate der menschlichen Bevölkerung (eingegeben als ln logarithmus naturalis).
a Koeffizient, der die Zahl der Begegnungen von Mensch und Vampir in Beziehung setzt zu der Zahl der Beiß- und Saugvorgänge.
b Das Verhältnis der Beiß- und Saugvorgänge zum terminalen Biß, also jenem mit dem der Vampir einen neuen Vampir erzeugt.
m Nettowanderung von Vampiren in das betrachtete Gebiet/ Stadt (eingegeben als „ln“, Logarithmus naturalis).
s Rate mit der die Vampire vernichtet werden (eingegeben als „ln“, Logarithmus naturalis).


...bietet drei Lösungen.

Da der durchschnittliche Biologe – und auch Mediziner – lieber Draculas Eckzähne putzen würde als sich im Lösen einer Differentialgleichungen zu versuchen, verzichte ich auf die Auflösung der Thomasschen Formeln. Dies fällt mir umso leichter, als Thomas in seiner Arbeit versichert, es handele sich um ausgesprochen hässliche Mathematik. Selbstversuche haben dies bestätigt. Im übrigen können Sie sich über die Räuber-Beute-Mathematik in jedem einschlägigen Lehrbuch informieren.

Nach Thomas haben die beiden Differentialgleichungen drei Lösungen:
  1. Sowohl Menschen als Vampire sind vollständig ausgestorben.
  2. Die Vampire sind ausgestorben und die menschliche Population liegt bei ihrer Maximalgröße. Diese beiden Lösungen sind trivial.
  3. Die dritte Lösung jedoch sagt etwas über die Koexistenz von Menschen und Vampiren aus. Sie lautet:

    Vampir 3



    Für die kalifornische Kleinstadt Sunnydale hat Thomas das Gleichgewicht zwischen Menschen und Vampir berechnet. Er nimmt Folgendes an:
    • K ist die maximale Kapazität von Sunnydale (100.000 Menschen)
    • Die Menschenpopulation wächst jährlich mit 10 %, d.h. r = 0,0953.
    • Jeder Vampir begegnet täglich 100 Menschen saugt jeden dritten Tag einen an, d.h. a = 0,00333.
    • Jeder Vampir saugt jedes zweite Jahr ein Opfer zu Tode und erzeugt damit einen neuen Vampir, d.h. b = 0,00417.
    • Jedes Jahr geht ein Drittel der Vampire durch Vampirjäger oder eigene Unvorsichtigkeit zugrunde, d.h. s = 0,6.
    • Die jährliche Zuwanderungsrate an Vampiren entspricht dem Wachstum der Menschenpopulation (d.h. 10 % jährlich), d.h. m = 0,0953.
    Mit diesen Werten kommt Thomas auf eine Menschenpopulation von 36.346 und eine Vampirpopulation von 18. Die tatsächliche Einwohnerzahl von Sunnydale liegt bei 38.500, also nahe am theoretischen Wert.


Endlich Gewissheit: Es gibt SIE!

Thomas schließt aus diesen Überlegungen zwei Dinge.
  • Es gibt Vampire.
  • Menschen und Vampire können zusammen und in einem, wenn auch prekären, Gleichgewicht leben.

Letzteres gilt natürlich nur, wenn Vampire nicht unter Naturschutz gestellt oder von fanatischen Multikulti-Aktivisten, etwa von Greenpeace oder „Blut für die Welt“, mit einbruchssicheren Gräbern oder Sonnenschutzcremes versorgt werden.

Gilt nun das von Thomas errechnete Verhältnis von etwa einem Vampir auf 2000 Einwohner für alle Weltgegenden oder ist sie eine kalifornische Besonderheit? Manche von Thomas’ Annahmen, zum Beispiel die einer jährlichen Wachstumsrate der Menschenpopulation von 10 Prozent, scheinen unrealistisch. Ich habe daher Thomas’ Methode auf den Erscheinungsort von Laborjournal, Freiburg i.B. angewendet.

Freiburgs Einwohnerzahl stieg im langjährigen Mittel um 1771 Personen pro Jahr, die jährliche Wachstumsrate beträgt also 0,82 %, d.h. r = 0,008167. Die Netto Zuwanderungsrate von Vampiren nach Freiburg ist schwer abzuschätzen, sie dürfte jedoch größer 0 sein, zum einen wegen des warmen Klimas, das blutarme Wesen anzieht, zum anderen wegen der jüngsten Osterweiterung der EU, die den Influx von Vampiren aus dem Beitrittsland Rumänien erleichtert haben dürfte. Setzen wir sie daher als doppelt so hoch an als die Wachstumsrate der menschlichen Bevölkerung: auf 1,64 %, d.h. m = 0,016267. Die Zahl der Begegnungen von Mensch und Vampir, das Sauge- und Töteverhalten dürfte in Kalifornien ähnlich sein wie im Breisgau, die Größen b und a bleiben also gleich bei 0,00417 bzw. 0,00333.

Wie jedoch verhält es sich mit der Effizienz südbadischer Vampirjäger? Echte Südbadener können alles (außer Hochdeutsch) und das meiste besser. Auch sind sie wegen der Nähe zum Schwarzwald mit der Holzverarbeitung, so der Herstellung von Holzpflöcken, vertraut. Zudem bietet der dicht besiedelte Breisgau weniger versteckte Schlafmöglichkeiten für Vampire als die Weiten den amerikanischen Westens. Die Größe s bleibt daher bei 0,6. Das K allerdings, die maximale Bevölkerungszahl Freiburgs, ist verschieden von der der amerikanischen Kleinstadt Sunnydale: Am 30.3.2006 hatte Freiburg 215.949 Einwohner. Da im Augenblick etwa das halbe Stadtgebiet überbaut ist, übrigens meist mit den grauenhaften Ausgeburten neuzeitlicher Architektenausbildung, dürfte die maximale Einwohnerzahl Freiburgs, d.h. K, bei 430.000 liegen. Setzt man diese Parameter in obige Formeln ein, ergibt sich eine menschliche Einwohnerzahl von 42.037, unter denen zwei Vampire wohnen.


Vampir 4
Freiburg mag vampirfrei sein (siehe Text) – in Heidelberg jedoch veranstalten die bleichen Blutsauger sogar Bälle!

Allerdings nicht im Breisgau

Wie Ihnen auffällt, stimmt die Zahl 42.037 auch nicht annähernd mit der tatsächlichen Einwohnerzahl Freiburgs von 215.949 überein. Aus dieser Diskrepanz folgt: Es gibt in Freiburg keine Vampire!

Was könnte der Grund für diesen überraschenden Befund sein? Eine extrem hohe Effizienz südbadischer Vampirjäger? Die Freiburger Bächli (Vampire sind wasserscheu)? Der schlechte Geschmack Freiburger Blutes?

Aufwändige Recherchen u.a. an der Freiburger Uniklinik ergaben, daß keiner diese Gründe zutrifft: Das Blut der Freiburger unterscheidet sich nicht signifikant von dem der Kalifornier, die Bächli berieseln nur die Innenstadt, also einen kleinen Teil der Freiburger Stadtfläche, und die Zahl der Vampirjäger wurden als Folge des gescheiterten Stadtbauverkaufs zur Hälfte abgebaut. Zudem sind sie städtische Angestellte, was selbst die Effizienz von Südbadenern auf einem niedrigen Niveau hält.

Was also ist das Geheimnis des vampirfreien Freiburgs? Meine Theorie: Vampire meiden Freiburg wegen des hohen Anteils von Körperfressern an der Freiburger Bevölkerung (siehe Laborjournal 1-2/2007, Seite 68f). Stellen Sie sich einen hungrigen Vampir vor, der einem pilzigen Menschendouble in den Hals beißt und statt süßem Blut eine Brühe saugt, die penetrant nach Pfifferlingssuppe schmeckt. Das arme Saugewesen dürfte in alle Ewigkeit vom Blutdurst kuriert sein!




Letzte Änderungen: 15.01.2010


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