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Zyvox

von Sabine Strecker (Laborjournal-Ausgabe 06, 2000)


In den USA ist mit dem Präparat "Zyvox" der erste Vertreter einer neuen Klasse von Antibiotika zugelassen worden. Zum ersten Mal seit 35 Jahren wird somit das Spektrum der antibiotisch wirksamen Substanzen auf eine völlig neue Substanzklasse ausgedehnt. Linezolid, so der Name des in Zyvox enthaltenen Wirkstoffs, zählt zu den Oxazolidinonen, einer Klasse von Substanzen, die ursprünglich als Inhibitoren der Monoamin-Oxidase (MAO) erforscht wurden. Unerwartet entpuppten sich die neuen Substanzen jedoch Ende der achtziger Jahre auch als wirksame Antibiotika.

Dass diese Erkenntnis nicht früher zu einem zulassungsreifen Präparat geführt hat, liegt unter anderem an der tendenziell hohen Toxizität der Oxazolidinone. Als einer der wenigen Wirkstoffe, die für die Anwendung beim Menschen verträglich genug erschienen, wurde Linezolid von der Herstellerfirma Pharmacia Corporation für die klinische Weiterentwicklung ausgewählt. Die bisherigen klinischen Tests bestätigen die gute Verträglichkeit des oral oder intravenös verabreichbaren Medikaments. Zwar klagte rund ein Drittel der Patienten über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Diese waren jedoch meist nur schwach bis mäßig ausgeprägt. Angesichts der zunehmenden Resistenzen gegen die bereits im Handel befindlichen Antibiotika wird die Neueinführung von Zyvox allgemein als ein wichtiger Schritt gesehen. Vor allem bei der Behandlung von Infektionen mit resistenten Staphylokokken, Enterokokken und Streptokokken, dem Haupteinsatzgebiet von Zyvox, bestand großer Bedarf für ein neues Medikament.

Zyvox richtet sich hauptsächlich gegen gram-positive Bakterien. Infektionen mit diesen Keimen haben zuletzt an Häufigkeit und Schwere zugenommen und zählen derzeit in vielen Kliniken zu den größten Problemen: Unter den meist geschwächten Patienten breiten sich die Infektionen leicht aus. Gerade in Krankenhäusern, in denen viele Antibiotika eingesetzt werden, entwickeln Bakterien zudem schnell Resistenzen.


Nicht nur Reserve

Die Oxazolidinone greifen an einem anderen Punkt in den Stoffwechsel der Bakterien ein als die bislang zugelassenen Antibiotika: Sie verhindern, dass sich die 30S-Untereinheit der bakteriellen Ribosomen mit der Formylmethionin-tRNA und der 50S-Untereinheit zu einem funktionstüchtigen Komplex verbindet. Damit wird die Proteinbiosynthese zum frühestmöglichen Zeitpunkt unterbunden. Da der Mechanismus der "ribosomalen Blockade" sich von den Wirkprinzipien anderer Antibiotika grundlegend unterscheidet, ist die Gefahr von Kreuzresistenzen theoretisch sehr gering. Nach Angaben von Pharmacia sprechen auch die gängigen Labortests dafür, dass Kreuzresistenzen zwischen Linezolid und anderen Antibiotika bislang nicht existieren.

Auch die für die US-Zulassung notwendigen klinischen Versuche, an denen über 4.000 Patienten teilnahmen, bestätigen dies: Zyvox erwies sich auch gegen solche Bakterienstämme als wirksam, die bereits Resistenzen gegen andere Antibiotika entwickelt hatten. So konnten etwa Pneumonien je nach Dosierung zu 87 bis 100 Prozent und Weichteilinfektionen zu rund 90 Prozent kuriert werden. Wie Forscher der Pharmacia Corporation in der Fachzeitschrift "Infection" mitteilen, deuten Laborversuche darauf hin, dass sich Resistenzen gegen Zyvox nur äußerst langsam entwickeln. Dennoch liegen aus den klinischen Prüfungen bereits zwei Berichte über Resistenzen gegen den neuen Wirkstoff vor.

Ob Linezolid nach dem Vorbild von Vancomycin, das aufgrund zunehmender Resistenzen langsam an Kraft verliert, hauptsächlich als Reserveantibiotikum eingesetzt werden sollte oder nicht, ist unter Fachleuten daher noch umstritten.

Wolfgang Becker-Brüser vom Arzneitelegramm in Berlin etwa sieht in Linezolid "ein klassisches Reservemittel für bestimmte schwere Infektionen, bei denen eine Behandlung mit bewährten Standardantibiotika beispielsweise aufgrund von Resistenzen nicht möglich ist." Für eine zurückhaltende Anwendung spreche zudem auch die Tatsache, dass man im Moment der Zulassung noch recht wenig über unerwünschte Wirkungen eines Medikaments wisse.

Nach Ansicht von Helmut Schäfers, Sprecher von Pharmacia, sollte das Mittel jedoch nicht ausschließlich als Reservemedikament dienen. "Gerade bei Infektionen mit grampositiven Keimen ist der rechtzeitige Einsatz eines Wirkstoffs entscheidend", so Schäfers. Bei Lungenentzündungen etwa könne der Arzt nicht unbedingt ein bis zwei Tage auf ein Antibiogramm warten, das ihm Aufschluß über die Art der Erreger und eventuelle Resistenzen gibt. Pharmacia möchte möglichst bald die weltweite Zulassung von Zyvox erreichen. Die Freigabe für den europäischen Markt wird für das erste Quartal des nächsten Jahres erwartet.



Letzte Änderungen: 20.10.2004


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