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Buchbesprechung

Kai Krämer


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Arno Geiger:
Der alte König in seinem Exil.

Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. November 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423141549
ISBN-13: 978-3423141543
Preis: 9,90 Euro (Taschenbuch), 9,99 (Kindle Edition)

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Grissini in der Hosentasche

Ein autobiografisches Buch über die gescheiterte Aufrechterhaltung des gesunden Menschenverstandes.

Der Rezensent sitzt in einem italienischen Bistro, vertieft in Der alte König in seinem Exil. Plötzlich beginnt ein Greis am Nebentisch, die auf dem Tisch stehenden Grissini in seine Hosentasche zu stecken. Die Bedienung, die gerade die Bestellung aufnehmen will, merkt an, er werde bald die Hosentasche voller Brösel haben. Der Herr meint: „Die brauche ich zum Rasieren.“ „Damit können Sie sich doch nicht rasieren“, so die Bedienung. Ihr Gegenüber denkt kurz nach und sagt ernst: „Ich stecke sie nachher im Garten in die Erde, dann werden sie austreiben und etwas Schönes wird wachsen.“ Statt sich veralbert zu fühlen, lächelt ihn die Bedienung an und sagt: „Ja, vielleicht wird daraus ein Grissini-Baum.“


Nicht gerade die Standard-Applikation, kann man aber so machen. Kritik und Besserwissen jedenfalls bringt gar nichts. Foto: XiXinXing/iStockphoto

Gelassen bleiben in der Groteske

Die verständnisvolle Servicekraft hat nicht etwa ein Faible für ausgefallenen Humor – nein, sie hat ebenfalls Der alte König in seinem Exil gelesen und die Botschaft des Autors perfekt umgesetzt. Der geschilderte Dialog findet ganz ähnlich auch im Buch statt, allerdings zwischen einem dementen Senior und dessen Gattin. Letztere hat zum Zeitpunkt des Dialogs allerdings noch keine Ahnung, was mit ihrem Mann nicht stimmt. Sie reagiert im Gegensatz zur belesenen Bistro-Bedienung mit Unverständnis.

Das 2011 erschienene Buch des österreichischen Autors Arno Geiger ist kein Roman, eher die Erzählung einer Familiengeschichte; keine Fiktion, aber auch kein Sachbuch. Es verkaufte sich hervorragend und gilt als Bestseller. Während der Held von Geigers Debüt Kleine Schule des Karussellfahrens ein moderner Taugenichts ist und in seinem neuesten Roman Selbstporträt mit Flusspferd ein Student der Veterinärmedizin im Mittelpunkt steht, handelt Der alte König in seinem Exil vom Vater des Autors, August Geiger. Dieser leidet unter Demenz und wüsste weder, was er in einem Bistro macht, noch was er mit Knabbergebäck auf dem Tisch anstellen sollte.

Gestörte Wahrnehmung

Demenzkranke haben eine gestörte Wahrnehmung. Zum einen können Umweltreize nicht mehr nach ihrer Wichtigkeit gefiltert werden, was zu Überforderung und Unsicherheit führt. Zum anderen funktioniert die Verarbeitung von Informationen nicht mehr richtig. Da Wahrnehmungen permanent mit Gedächtnisinhalten ver­glichen werden, wissen Demenzkranke mit eingeschränktem Gedächtnis häufig mit den einfachsten Dingen nichts anzufangen. Großvater Geiger erinnerte sich einfach nicht daran, dass er die Grissini essen kann. In einem anderen Beispiel beschreibt der Schriftsteller, wie sein Vater vor einem Glas Wasser sitzt und nicht weiß, was er damit machen soll. Auch das Wissen über seine eigene Vergangenheit verschwand.

August Geiger war achtzehn Jahre alt, als der zweite Weltkrieg endete. Er geriet in sowjetische Gefangenschaft, erkrankte an der Ruhr und landete zwischen Sterbenden in einem provisorischen Lazarett bei Bratislava. Von den Rotarmisten freigelassen, trat der abgemagerte Jugendliche den Heimweg nach Vorarlberg an. Auf seinem Weg aus der Gefangenschaft ließ Geiger ein Ausweisfoto machen, das ihm für den größten Teil seines weiteren Lebens sehr wichtig war. Bis er es verlor. Er konnte sich nicht erinnern, wo das Bild, das er auch als alter Mann noch in seiner Geldbörse mit sich trug, hingekommen sein könnte. Auf die Nachfragen seines Sohnes tischte ihm der Vater eine absurde Geschichte auf: er sei in Ägypten gewesen und dort wurden ihm die Hosen geklaut.

Der Sohn versuchte ihm daraufhin klar zu machen, wie haarsträubend diese Ausrede sei, die er sich da ausgedacht hat. Ohne Erfolg. Versuche, Demenzkranke aus ihrer eigenen Welt heraus zu holen und mit unserer Realität zu konfrontieren, sind zum Scheitern verurteilt. Logische Erklärungen sind plötzlich genauso fehl am Platz wie die objektive Wahrheit oder der gesunde Menschenverstand. Das hatten Arno Geiger durch den langjährigen Umgang mit seinem Vater und die belesene Bedienung im Bistro dank der Lektüre des Buches gelernt.

Auf die Wahrheit verzichten

Trotz aller Anstrengung empfand der Schriftsteller später sogar Freude dabei, auf die eigenwilligen Gesprächsvorlagen seines Vaters einzugehen und dabei die Realität außen vor zu lassen. Ihn faszinierten die Gespräche mit dem Vater, die manchmal zusammenhangslos, manchmal aber auch verblüffend scharfsinnig erscheinen. Sätze, wie „Das Leben ist auch ohne Probleme nicht einfacher“, erfreuen den Schriftsteller selbst wie auch den Leser und deuten nicht auf einen achtzigjährigen Mann, der glaubt, von seiner Mutter zum Essen erwartet zu werden.

Der alte König in seinem Exil hat Arno Geiger mehrere Preise beschert. Es ist besonders für Leser interessant, die fernab von Ratgeberbroschüren erkrankte Personen besser verstehen möchten. Aus diesem Grund hat jedenfalls die real existierende Bistro-Bedienung das Buch gelesen. Mit Erfolg.




Letzte Änderungen: 13.06.2016


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