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Buchbesprechung

Adriana Schatton




Charles Darwin:
Die Entstehung der Arten: Kommentierte und illustrierte Ausgabe
basierend auf der Originalübersetzung durch Julius Victor Carus
und herausgegeben von Paul und Saskia Wrede

Taschenbuch: 599 Seiten
Verlag: Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; Auflage: Annotated & illustrated ed (19. Dezember 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3527332561
ISBN-13: 978-3527332564
Preis: 54,90 Euro (Taschenbuch), 48,99 Euro (Kindle)

Prägendes Werk

Viel zitiert, aber kaum gelesen – für ein besseres Verständnis von Darwins Bio-Klassiker sorgt diese kommentierte und illustrierte Edel-Ausgabe.

Ohne die verbindende Evolutionstheorie wären die vielen Teildisziplinen der Biologie jede für sich einsame Inseln, inmitten eines Ozeans natur­wissenschaftlicher Teil­erkenntnisse und unerforschter Untiefen. Auf jeder dieser Inseln wären Flora und Fauna bestens dokumentiert, doch die Wissenschaftler könnten ihre Befunde nicht untereinander vergleichen, denn ihnen fehlte ein gemeinsames Konzept des Lebens.

Keine andere Naturwissenschaft hatte im vorletzten Jahrhundert ein übergreifendes Konzept, ein allgemein gültiges Modell nötiger als die Biologie. Die (Er-)lösung schlug daher auch ein wie eine Bombe, als der britische Naturforscher Charles Darwin am 24. November 1859 – nach mehr als zwanzig Jahren des Zauderns – seine Idee einer „Evolutionstheorie“ in einem 155.000 Wörter umfassenden Buch mit dem Titel On the Origin of Species veröffentlichte.


Keinen Tag zu früh – denn die Zeit war reif. Nahezu gleichzeitig und interessanterweise auch durch ähnliche Forschungsreisen war sein 14 Jahre jüngerer Landsmann Alfred Russel Wallace zu derselben Erkenntnis wie Darwin gelangt. Wallace allerdings weilte damals nicht wie Darwin als begüterter Privatier auf einem gemütlichen Landgut unweit der englischen Hauptstadt, sondern im tiefsten indonesischen Dschungel. Unglücklicherweise und ohne Wissen um Darwins Rolle als Konkurrent schickte Wallace sein Manuskript (On the Tendency of Varieties) 1858 ausgerechnet an diesen – und forcierte damit die unverzügliche Publikation seines Kollegen.

Man kann gar nicht stark genug betonen, wie radikal die Gedanken dieser beiden Männer und ihrer geistigen Vorarbeiter das Weltbild ihrer Zeit veränderten und es bis heute prägen. Trotzdem dürfte kaum ein Biologiestudent oder auch -professor das als „schwierig“ geltende Hauptwerk Darwins oder auch die kaum minder komplizierte Schrift von Wallace gelesen haben. Aus diesem Grund haben der Molekular- und Evolutionsbiologe Paul Wrede und seine Tochter, die Literaturwissenschaftlerin Saskia Wrede, vor einigen Jahren eine kommentierte Neuauflage von Darwins Klassiker herausgegeben. Als Vorlage nahmen sie die letzte (6.) Ausgabe aus dem Jahr 1872.

Mehrere Essays anderer Biologen umrahmen das eigentliche Buch. So stammt das Geleit vom Evolutionsbiologen und engagierten Kreationismusgegner Ulrich Kutschera. Er merkt darin beispielsweise an, dass der eingängige Begriff „Evolution“ in der ersten Auflage des Buches gar nicht vorkäme, stattdessen das sperrige „Deszendenz mit Modifikation“.

Alte Weisheiten verständlich gemacht

Die kommentierte Auflage ist in vier Abschnitte unterteilt. Der erste enthält die Originalschriften von Darwin und Wallace. Im zweiten finden sich die neun erwähnten Essays. Der Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz beispielsweise nimmt Bezug auf Darwins umfangreiche Erkenntnisse zu sozialen Insekten und deren speziellen Verhaltensweisen. Im dritten Teil werden andere fürs Thema relevante Wissenschaftler vorgestellt, und der vierte Teil enthält einen Nachspann mit einem Ausblick von Reinhold Leinfelder. Der Riff-Forscher und ehemalige Direktor des Naturkundemuseums Berlin sieht, anders als Kutschera, eine Vereinbarkeit zwischen Religion und Naturwissenschaft. Leinfelder arbeitet heraus, wie Darwin als vielseitiger Forscher „im Kielwasser der HMS Beagle“ zum Begründer von so verschiedenen Forschungszweigen wie Umweltwissenschaften, Riffforschung, Bodenkunde, Atmosphären- und Biodiversitätsforschung wurde.


Saskia Wrede und ihr Vater, der Berliner Evolutions­biologe Paul Wrede, haben das berühmteste Buch der Biologie „verstehbar“ gemacht. Foto: Literaturfilm

Manche von Darwins Erkenntnissen sind allgemein bekannt, wenn auch meist nur oberflächlich: Die Arten sind veränderlich; es gibt einen Überschuss an Nachkommen und eine Art treibende Kraft namens „natürliche Selektion“. So simpel diese Punkte heute auch klingen mögen, so unbegreifbar waren sie in einer Zeit, in der kaum jemand (einschließlich Darwin) etwas über Gene oder Entwicklungsbiologie wusste. Daher stellte Darwin sorgfältig und über Jahrzehnte Beweise aus allen möglichen Teildisziplinen zusammen – basierend auf seiner legendären Weltreise auf der HMS Beagle zwischen 1831 und 1836 und den dabei gesammelten Funden. Danach, in seinem Anwesen bei London widmete er sich unter anderem der Taubenzucht und verglich die künstliche mit der natürlichen Selektion.

Farbcodes, Infoboxen, aktuelle Bezüge

In der vorliegenden Neuauflage sind die Originaltexte um moderne (und alte) Abbildungen erweitert (leider geht aus dem Abbildungsverzeichnis nicht hervor, welche davon bereits in der Originalausgabe erschienen). Ein Farbcode erleichtert das Lesen: Wichtiges ist blau, Bezüge zur Bibel sind rot und zu Galapagos grün. Infoboxen fügen aktuelle Erkenntnisse den beschriebenen Befunden hinzu; zum Beispiel kann inzwischen die Molekularbiologie erklären, warum Albinokatzen oft taub sind, was schon Darwin verwunderte.

Angesichts der Tatsache, dass bis heute Evolutionsbiologen mit Kreationisten darüber streiten, wie die Welt funktioniert und wie sie geschaffen wurde (wohl nicht nach einem „Plan“, sondern gemäß Jaques Monod aus einer Mischung aus „Zufall und Notwendigkeit“ heraus) – leistet diese kommentierte Version einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der gar nicht so einfachen Konzepte der Evolutionstheorie.







Letzte Änderungen: 12.06.2017


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