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Buchbesprechung

Daniel Weber




Elizabeth Kolbert:
Das 6. Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt.
Taschenbuch: 312 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (11. Juli 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518466879
ISBN-13: 978-3518466872
Preis: 25 Euro (geb.), 14 Euro (Taschenbuch / eBook)

Die Letzten ihrer Art

Befinden wir uns mitten im sechsten Massensterben, ausgelöst dieses Mal nicht durch kosmisch-geologische Ereignisse, sondern von einem ignoranten Erdenbewohner?

Wir schreiben das Jahr 66.000.000 vor Christi Geburt, nahe an der Kreide-Tertiär-Grenze:

„Ein Bolide nähert sich der Erde in einem relativ flachen Winkel von Südosten, also weniger von oben als vielmehr seitlich wie ein Flugzeug, das an Höhe verliert. Als er auf der Halbinsel Yucatán einschlägt, hat er eine Geschwindigkeit von etwa siebzigtausend Stundenkilometern. Durch die Flugbahn treffen seine Auswirkungen Nordamerika besonders schwer: Eine riesige, siedend heiße Dampf- und Schuttwolke rast über den Kontinent, breitete sich aus und setzt auf ihrem Weg alles in Brand. ‚Ein Triceratops in Alberta hatte im Grunde nur zwei Minuten, bis er verglühte’, erklärte mir ein Geologe.“

So packend und anschaulich beschreibt die amerikanische Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert auf Seite 93 von Das 6. Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt den Auslöser des fünften und bekanntesten Massensterbens, das einerseits zum Untergang der Dinosaurier, andererseits zum Aufstieg der Säugetiere geführt hat – und damit zum Auftreten einer neuen „unkrautartig wuchernden Spezies“ (Seite 26) vor rund zweihunderttausend Jahren, die sich vermutlich heute wiederum für ein mögliches sechstes Massensterben verantwortlich zeigt.


Er weigert sich noch, auszusterben: der Quastenflosser (Latimeria chalumnae). Foto: Mordecai 1998

Für Elizabeth Kolbert waren zwei im Jahr 2008 erschienene Artikel der Auslöser, sich ein Flugticket nach Panama zu kaufen. Anschließend verfasste sie das hier besprochene und mit dem Pulitzer-Preis 2015 und (in Deutschland) als „Wissensbuch des Jahres 2015“ in der Kategorie „Zündstoff“ ausgezeichnete Sachbuch. In einem Fachartikel namens „Are we in the middle of the sixth extinction?“ hatten die kalifornischen Biologen David Wake und Vance Vredenburg seinerzeit ein dramatisches Amphibien-Sterben vorhergesagt (PNAS 105: 11466), während die Kinderbuch-Autorin Ruth Musgrave in National Geographic Kids unter dem Titel „Incredible frog hotel“ die rasend schnelle Verbreitung des Chytridpilzes Batrachochytrium – gelegentlich auch als „Froschkiller“ bezeichnet – beschrieben und als möglichen Auslöser eines Amphibiensterbens gebrandmarkt hatte (National Geographic Kids 383: 16).

Unkrautartig wuchernde Spezies

In Panama reifte in Kolbert allmählich die erschreckende Erkenntnis, dass wir uns in einem Massensterben befänden. Dessen Ursache ist anscheinend immer der Mensch. Manchmal passiv, wie durch den Import des psychrophilen Pilzes Geomyces destructans aus Europa in die USA, der zum Aussterben von Fledermaus-Arten führt (Seite 198). Manchmal aber auch aktiv, wie bei der Tötung der letzten Riesenalks durch Sigurdur Iselfsson, Ketil Ketilsson und Jón Brandsson (Seite 72). Elizabeth Kolbert, die in Deutschland ihre Karriere als freie Mitarbeiterin für die New York Times begann, erzählt ihre hervorragend recherchierten Geschichten sehr intensiv. So ist ein ernstes Sachbuch entstanden, das aber dennoch für Lesefreude sorgt. Dies liegt nicht nur an der interessanten Thematik, sondern ist vor allem in der Erzählkraft der Autorin begründet. So ist beispielsweise ihre Expedition in den Regenwald von Panama (Kapitel 1) kein trockener Reisebericht – nein, der Rezensent spürte beim Lesen förmlich die Feuchte des Regenwaldes. Zudem überrascht die Autorin immer wieder mit interessanten Zusatzinformationen. So weiß der Rezensent nun, dass Krallenfrösche im vorigen Jahrhundert als Schwangerschaftstests eingesetzt wurden, denn Krallenfroschweibchen legen innerhalb von Stunden Eier, wenn Ihnen der Urin von Schwangeren injiziert wird (Seite 26).

Deprimierend beeindruckend

Trotzdem ist Das 6. Sterben ein recht deprimierendes Buch. Es macht Angst zu erfahren, dass eine ungezählte Menge an Arten durch Menschenhand aussterben, bevor überhaupt ein Mensch weiß, dass diese Arten existierten. Aber es gibt auch immer wieder positive Überraschungen, denn schließlich werden gelegentlich auch ausgestorben geglaubte Tierarten wiederentdeckt. Der Quastenflosser mag das bekannteste Beispiel für diesen sogenannten Lazarus-Effekt sein, doch es gibt weitere. So wurde 2006 erstmals ein lebendes Exemplar der Laotischen Felsenratte (Laonastes aenigmamus) entdeckt. Diese war vorher nur aus Fossilienfunden bekannt – und in neuerer Zeit vom Grill eines Marktstandes in Khammouan (Laos).

Der Rezensent ist von dem Buch schwer beeindruckt. Er stellt es in direkte Reihe mit dem ebenfalls sehr empfehlenswerten Die Letzten ihrer Art von Douglas Adams und wartet auf eine Wiederentdeckung des Dodos am Grillspieß auf dem Markt in Port Louis auf Mauritius.







Letzte Änderungen: 14.09.2017


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