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Der bescheidene Recycling-Unternehmer

Winfried Köppelle


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Rätsel

(04.09.2017) Ignoriert von Kollegen und Fachmagazinen, forschte er mit einer Handvoll Studenten drei Jahrzehnte lang an einem Thema, das sonst niemanden interessierte – und wird seit einigen Jahren dafür mit Wissenschaftspreisen überschüttet.

Nachhaltigkeit ist wichtig, 82 Millionen deutsche Umweltexperten können nicht irren. Deshalb achten wir darauf, dass die Kinder klimafreundlich mit dem schadstoffarmen Hybrid-Zweitonner zur Schule gekarrt werden und die gespülte Biokäseverpackung sauber getrennt vom ausrangierten Vorjahres-Smartphone auf Afrikas Mülldeponien landet. Manche jedoch geben sich mit dem schönen Schein nicht zufrieden – so auch der hier gesuchte Wissenschaftler. Der wollte wissen, was mit dem Inhalt passiert. Und weil er Zellbiologe war, nahm er sich in den 1980er-Jahren das Recyclingsystem eukaryotischer Zellen vor. Eine karrieretechnisch fatale Entscheidung übrigens – jeder, der damals unbedingt aufs naturwissenschaftliche Abstellgleis wollte, der forschte an ähnlich abseitigen Themen. Sprich: außer ihm so ziemlich niemand. Christian de Duve, gut, der hatte das in den 1950ern auch gemacht, aber der war ja auch Belgier und zudem als Entschädigung mit dem Nobelpreis bedacht worden.

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„Ich kämpfe nicht gern, und deshalb habe ich mir etwas gesucht, das niemanden sonst interessiert und wo es keine Konkurrenz gibt“, so beschreibt der Gesuchte seinen Charakter, und dass er „einfach gerne Zellen unter dem Mikroskop betrachtet“. Dazu hatte er auch mehr als genug Zeit in den knapp 30 Jahren, in denen er, weitgehend unbeachtet vom Rest der wissenschaftlichen Gemeinschaft, seinem skurrilen Hobby frönte: nachzusehen, was mit nicht mehr benötigten Zellfragmenten passiert und auf welche Weise diese ab- beziehungsweise in neue Moleküle umgebaut werden. Kurz, wie Zellen ihre zelluläre Müllabfuhr organisieren. Der erwähnte Christian de Duve hatte dafür einst sogar einen eigenen Fachterminus erfunden; er nannte den physiologischen Putzplan der Zellen „Autophagie“, zu deutsch: das „Sich-Selbst-Essen“.

Den Putzplan der Zelle erforscht

Es dauerte eine Weile, ehe der im Jahr der Atombombenabwürfe geborene Gesuchte zu seinem Thema fand. Das zunächst ergriffene Chemiestudium war ihm bald zu überlaufen; die in den Kinderschuhen steckende Molekularbiologie erschien ihm gefälliger, zumal es in Japan nur wenige Labore gab, die darin zuhause waren. Ein Wechsel nach Amerika jedoch war nicht zu vermeiden, und glaubt man den Worten des Gesuchten, so müssen die Jahre in Übersee für den scheuen Asiaten eine qualvolle Zeit der Misserfolge gewesen sein. Ins kalte Wasser der Zellbiologie geworfen, in einem fremden Land und mit enormen Sprachproblemen, kam unser Postdoc immerhin in Kontakt mit Hefezellen – die er fortan, nach Japan zurückgekehrt, als Modellsystem nutzte. Doch während fast alle Kollegen damals den Ionentransport quer durch Plasmamembranen erforschten, versuchte er, einen Blick ins Innere der Zelle zu erhaschen, um herauszufinden, was zwischen den Organellen, speziell in und an der Vakuole, eigentlich passiert.

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„Mit 43 Jahren hielt ich endlich die ersten Ergebnisse in Händen, doch zuvor war mir kaum etwas geglückt“, erinnert er sich. Doch nun ging es Schlag auf Schlag: Seine kleine Gruppe charakterisierte mehr als ein dutzend für die Autophagie zuständigen Gene und begann die molekularen Abläufe zu begreifen, wie Organismen durch den Ab- und Umbau körpereigener Proteine auf veränderte Umweltbedingungen, etwa Nahrungsmangel, reagieren. Die Konsequenzen dieser Forschungen betreffen jeden von uns – egal, ob es um Diabetes, Krebs, Altersprozesse oder Alzheimer geht.

Vor Kurzem hat der Gesuchte, dessen Resultate jahrelang von den großen Fachmagazinen ignoriert wurden, den weltweit höchstdotierten Wissenschaftspreis erhalten. Nein, es ist nicht der Nobelpreis – den hatte er schon. Wie heißt der Mann, der von sich selbst sagt, er habe nur Glück gehabt, und den ein Nobelpreis-Kollege beschreibt als den „schlechtesten und langweiligsten Redner“, den er jemals in einem Vortrag erlebt habe?




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Der gesuchte, bescheidene Recycling-Unternehmer ist der japanische Zellbiologe Yoshinori Ohsumi (*1945). Er erforschte die genetischen und molekularen Grundlagen der zellulären „Müllabfuhr“, sprich: des als Autophagozytose bezeichneten Prozesses, mit dem eukaryotische Zellen eigene Bestandteile abbauen und wiederverwerten – und auf diese Weise Energie sparen. Mittels Autophagozytose werden ferner auch in die Zelle eingedrungene Viren, Bakterien und Fremdproteine abgebaut. Ohsumi wurde für seine wissenschaftlichen Leistungen vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kyoto-Preis (2012), dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (2016) und dem Breakthrough Prize in Life Sciences (2017).