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Die Nobel-Zuarbeiterin

Ralf Neumann


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Rätsel

(03.11.2020) Rosalind Franklin gilt als Paradebeispiel für eine Wissenschaftlerin, die zu wenig Anerkennung für ihre Leistung erhielt. Unsere Gesuchte steht ihr darin allerdings kaum nach.

In den Annalen des Nobelpreises ist es als das Jahr in Erinnerung geblieben, in dem Boris Pasternak den Literatur-Nobelpreis auf Anordnung der sowjetischen Regierung nicht annehmen durfte. Doch auch der Medizin-Nobelpreis hatte in diesem Jahr eine besondere „Geschichte“, über die eine Quelle etwa Folgendes erzählt:

„Im Rüschenkleid stand sie auf dem kunstvoll verzierten Teppich im Stockholmer Konzerthaus und blickte mit eher ernstem Ausdruck auf die Bühne. Eine ungewöhnliche Aufmachung für die Wissenschaftlerin, die ansonsten meist in einem Laborkittel steckte und ein schiefes Grinsen im Gesicht trug. Aber es war ja auch eine ungewöhnliche Zeremonie, zu der die 35-Jährige überdies nicht als Forscherin, sondern als Ehefrau nach Schweden eingeladen worden war. Zusammen mit anderen Ehepartnern, Verwandten und Gästen durfte sie dabei zusehen, wie drei Männer – ihr Ehemann, ihr Mentor und ein weiterer enger Forschungspartner – gemeinsam den Nobelpreis für eine Arbeit erhielten, die sie selbst entscheidend mitgeprägt hatte.“

Entsprechend zynisch schrieb denn auch später eine Biographin über diesen „bittersüßen Abend“: „Es war dieses Team von vier Leuten, die das ganze Zeug ausgearbeitet haben. Aber die drei Jungs kriegen den Preis, während sie selbst Kleid und Handschuhe anziehen musste, um lediglich zuschauen zu dürfen.“

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Vor allem ihr damaliger Ehemann hatte offenbar ordentlich von der experimentellen „Zuarbeit“ seiner Gattin profitiert. Zumal mehrere Quellen unabhängig voneinander berichten, dass er zwar ein brillanter Theoretiker war, aber in der praktischen Laborarbeit mit Schimmelpilzen und Bakterien eher durch zwei linke Hände auffiel. Gerade dieses Manko hätte vor allem seine Ehefrau mit ihrer praktischen Geschicklichkeit und Originalität aufgefangen. Und so waren es oft genug die Petrischalen aus ihren Händen, deren Kolonienmuster ihm den Stoff für seine bahnbrechenden Schlüsse lieferten. „Die beiden profitierten in nahezu symbiotischer Weise voneinander“, erinnerte sich ein gemeinsamer Weggenosse.

Dennoch erwähnte der Preisgekrönte sie an jenem „bittersüßen“ Stockholmer Abend während seiner Dankesrede lediglich in einem banalen Nebensatz, in dem er sagte, dass er bei seinen Arbeiten „die Zusammenarbeit mit vielen Kollegen genießen durfte, vor allem diejenige mit meiner Frau“. Acht Jahre später wurden sie geschieden.

Geheiratet hatten die beiden zwanzig Jahre zuvor. Er war damals Doktorand an einer Edel-Universität im Nordosten der USA, während sie an der Westküste ein Stipendienprogramm bei den beiden späteren Co-Nobelpreisträgern ihres Mannes absolvierte. Zwar arbeitete sie nur zwei Jahre bei ihnen, dennoch sagen nicht wenige, dass sie auch dort wichtige Beiträge zu deren preisgekrönten Resultaten lieferte.

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Bald nach ihrer Hochzeit bekam der Ehegatte eine Professur an einer Universität westlich der großen Seen. Die Tochter eines rumänischen Einwanderers sowie einer New Yorkerin mit ebenfalls teilweise rumänischer Abstammung folgte ihm bald darauf dorthin. Zwar konnte sie dort nur auf einer unbezahlten Stelle arbeiten, aber wenigstens hatte sie rund drei Jahre später ihren Doktortitel in der Tasche.

Ungeachtet dieser Bedingungen wurden die 13 Jahre, die das Ehepaar dort zusammen forschte, zu deren fruchtbarster Zeit als Wissenschaftler. Nicht nur fanden sie dort, dass unter gewissen Umständen DNA doch von einer Bakterienzelle in die andere transportiert werden kann – wofür er alleine schließlich den Anruf aus Stockholm erhielt. Vielmehr spürte sie alleine in dieser Zeit erstmals einen kleinen Bakterien-Zellparasiten auf, der vor allem in den Pioniertagen der Molekularbiologie eine Hauptrolle spielen sollte. Ebenso identifizierte sie einen „Faktor“, der einen Großteil der natürlichen Variabilität ihrer Bakterien „in freier Wildbahn“ überhaupt erst ermöglicht. Und nicht zuletzt entwickelten beide zusammen eine wichtige Technik zur Untersuchung von Bakterienkolonien, die unter anderem auch auf ihren Erinnerungen an den Berufsalltag ihres Vaters als Drucker basierte.

Ein Jahr nach seinem Nobelpreis erhielt der Ehegatte den Lehrstuhl für Genetik an einer kalifornischen Edeluni. Sie ging mit ihm, erhielt aber auch dort keine feste Bezahlung. Selbst als sie 16 Jahre später vom „Senior Scientist“ zum „Adjunct Professor“ aufstieg, blieben ihre Einkünfte weiterhin von eingeworbenen Forschungsgeldern abhängig. Dies änderte sich erst, als ein weiterer prominenter Molekularbiologe ihr anbot, Kuratorin des dort ansässigen weltweit größten Plasmid-Referenzzentrums zu werden. Damit verbrachte sie dann die letzten zehn Jahre ihrer wissenschaftlichen Laufbahn – und gab letztlich vielen bis zum heutigen Tage genutzten Plasmiden ihre Namen.

Bleibt als nüchternes Fazit, dass unserer Gesuchten gemessen an ihren tatsächlichen Errungenschaften am Ende viel zu wenig „Karriere“ vergönnt war. Vor 14 Jahren starb sie im Alter von fast 84 Jahren.




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Die „Nobel-Zuarbeiterin“ ist die US-Mikrobiologin Esther M. Zimmer Lederberg, die den Lambda-Phagen aufspürte und die Stempeltechnik zur Replika-Plattierung von Bakterienkolonien einführte.