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Die Schadensbringerin

Ralf Neumann


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Rätsel

(12.10.2021) Ohne Hitler wäre sie wohl nie Wissenschaftlerin geworden, sagte sie selbst. Heute gilt sie als „Mutter“ einer Routineprozedur der Genetik.

Sicher ist es keine Seltenheit, dass einem im Laufe der Experimente für die Promotion immer deutlicher dämmert, dass das Projekt wohl doch nicht so viel hergibt wie ursprünglich gedacht. Was macht man dann als Doktorandin oder Doktorand? Am besten den Chef direkt darauf ansprechen.

Unsere Gesuchte tat genau dies. Ihr Thema zur Gewebsdetermination erschien ihr zu unergiebig, also ging sie zu ihrem Chef, dem Leiter der Abteilung Entwicklungsphysiologie am damaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin, um mit ihm über einen Wechsel zu reden. Dessen Antwort zitierte sie später gegenüber Freunden mehrfach folgendermaßen: „Sie sind meine Doktorandin; Sie müssen machen, was ich sage. Was Sie denken, hat nichts damit zu tun.” Als „typisch Nazi-deutsch“ urteilte sie das Verhalten ihres Chefs ab. Und tatsächlich: Als Hitler zwei Jahre später die Macht in Deutschland ergriff, dauerte es nicht lange, bis dieser zunächst dem NS-Lehrerbund beitrat und bald darauf Mitglied der NSDAP wurde.

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Der so Zurechtgewiesenen war damals sofort klar, dass sie in diesem Klima wohl kaum Chancen auf eine Karriere an einer deutschen Universität haben würde – zumal sie selbst Jüdin war. Folglich schmiss sie die Doktorarbeit hin und wechselte zurück in den Schuldienst. (Zuvor hatte sie bereits als Studienreferendarin an Privatschulen unterrichtet.) Aber auch hier wurde sie bald zum erneuten Opfer der nationalsozialistischen Politik: Mit Hitlers Erlass des „Berufsbeamtengesetzes“ wurden alle „nichtarischen“ und nichtgenehmen Staatsbediensteten fristlos auf die Straße gesetzt und mit einem Berufsverbot belegt. Zwar hätte sie dennoch die Möglichkeit gehabt, an einer Schule nur für Juden weiterzuunterrichten, aber ihre Mutter warnte sie eindringlich, dass das wohl nicht gut für sie ausgehen würde. (Ihr Vater, ein in Chemie promovierter Toxikologe, war bereits lange vor Hitlers Machtergreifung an einem Herzinfarkt gestorben). Also packte die Tochter ihre Sachen und ging unter der Mithilfe eines kurz zuvor emigrierten deutschstämmigen Chemieprofessors nach England.

Nachdem unsere Emigrantin in London und Cambridge nicht Fuß fassen konnte, landete sie schließlich am Institut für Tiergenetik in Edinburgh. Ihr Chef hatte dort ein Team junger Forscher aus allen möglichen Ländern Europas versammelt, die notgedrungen für verhältnismäßig wenig Geld bei ihm blieben – und die unsere Gesuchte selbst als „Waisen und Streuner“ charakterisierte. Doch auch sie räumte gerne ein, dass gerade wegen dieser „Anarcho-Truppe“ eine äußerst lebhafte intellektuelle Atmosphäre im Institut herrschte.

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Der wissenschaftliche Durchbruch unserer Gesuchten begann am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Zwar war sie im Institut mit der Aufsicht über den Tierstall mit Mäusen, Schweinen und Wellensittichen ordentlich eingespannt, dennoch konnte sie sich in dieser Zeit selbst ein wenig Genetik beibringen sowie einige Experimente mit Mäusen und Drosophila durchführen. Der Zufall half mit, dass 1938 einer der ganz Großen der Fliegengenetik für knapp drei Jahre an ihrem Institut landete. Dieser hatte propagiert, dass sich die Natur gewisser Grundelemente des Lebens am ehesten offenbaren würde, wenn man diesen Elementen Schäden zufügt – und sich die Folgen anschaut.

Einige Jahre zuvor war es diesem Genetiker gelungen, einen Test zu entwickeln, mit dem man Fliegennachkommen identifizieren konnte, deren Väter nach entsprechender Behandlung eine bestimmte Art solcher Schäden davongetragen hatten. Allerdings war er aus gewissen Gründen mit dem herkömmlichen Verfahren zur Schadenserzeugung nicht zufrieden – weswegen er unsere Studentin letztlich zur Suche nach einem womöglich besseren Alternativ-Verfahren ermutigte.

Das Vorhaben klappte – aber nur, weil noch ein anderer zur richtigen Zeit in Edinburgh tätig war. Als Pharmakologe untersuchte ein gewisser Herr Clark dort im Auftrag des britischen Verteidigungsministeriums eine ganz bestimmte Substanz, deren Namen aus Angst vor deutscher Spionage gerade im Forschungsumfeld niemand aussprechen durfte. Von daher nannte sie jeder nur „Substanz H“. Herr Clark hegte bereits selbst den Verdacht, dass diese „Substanz H“ in dem erhofften Sinne wirken könne – viel wichtiger aber war, dass über ihn die Versorgung damit gesichert war.

Unsere Genetikerin, inzwischen britische Staatsbürgerin, verbrannte sich an „Substanz H“ sofort im Wortsinn die Finger, sodass ihr Kollege alle weiteren Versuche durchführen musste. Am Ende wurden aber alle Erwartungen erfüllt: „Substanz H“ verursachte die gewünschten Schäden in den Fliegenzellen in deutlich besser kontrollierbarer Weise als bisher.

Aufgrund der verordneten Geheimhaltung dauerte es allerdings fünf weitere Jahre, bis unsere Gesuchte die Ergebnisse nach Kriegsende in Nature veröffentlichen konnte. Ein Jahr später erhielt sie den Doktortitel – und veröffentlichte zeitgleich unter Pseudonym ein Märchenbuch. Wie heißt sie?

Na, wer ist‘s?





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Die „Schadensbringerin“ ist Charlotte Auerbach, die mit ihren Experimenten zur Wirkung von Senfgas auf Drosophila-DNA die chemische Mutagenese begründete.